Politik & Gesellschaft

Die Saison ist eröffnet

Anna Hahn
7. Mai 2021
Freilichtbühne am Roten Tor

Die Freilichtbühne am Roten Tor ist die größte in Süddeutschland, jedes Jahr ein Zuschauermagnet und wichtiges Aushängeschild der Kulturstadt Augsburg – aber warum lässt man sie dann so verkommen und warum wird sie nicht häufiger und vielseitiger genutzt?

»Willkommen auf einer der schönsten Freilichtbühnen Deutschlands!« schallt es den Zuschauer*innen jeden Sommerabend kurz vor Vorstellungsbeginn durch die Lautsprecher entgegen. Die Ränge sind – vor Coronazeiten – bis auf den letzten Platz gefüllt, die Stimmung ist heiter und das Wetter mild und trocken. So stellen sich viele einen perfekten Besuch auf der Freilichtbühne am Roten Tor vor. Wenn dann noch das kulturelle Angebot überzeugt, gehen die meisten Zuschauer*innen glücklich nach Hause und kommen bald wieder.

Eine Imagestudie aus dem Jahr 2010, durchgeführt von Studierenden der Hochschule Augsburg, spiegelt die beschriebenen Eindrücke wider. Die befragten Augsburger*innen schätzten demnach vor allem die »einzigartige Kulisse« der Freilichtbühne. 91 Prozent der Teilnehmer*innen sahen in der Einrichtung sogar ein »Leuchtturm-Projekt für Augsburg als Kulturstadt und einen wichtigen Tourismus-Magneten«. Abzüge in der Bewertung gab es erstaunlicherweise bei der Nutzung der Bühne, die schon seit Jahren für Gesprächs- und Zündstoff in der Stadt sorgt. Aber von Beginn …

Die Freilichtbühne steht im Eigentum der Stadt Augsburg. Das Aquädukt am Roten Tor ist Teil der Kulissen der Open-Air-Bühne und gehört seit 2019 zum UNESCO-Welterbe. Seit fast hundert Jahren wird die Bühne vom Staatstheater Augsburg als Sommerspielstätte genutzt. Die Nutzung für Veranstaltungen des Theaters beruft sich auf den Bestandsschutz, denn für die Bühne selbst gibt es keine Baugenehmigung. Für das Staatstheater ist die Freilichtbühne – nicht nur in Coronajahren – ein absoluter Gewinn. Im Jahr 2015 strömten beispielsweise über 45.000 Zuschauer*innen ans Rote Tor, um die »Blues Brothers« zu sehen – ein Rekord. Im letzten Vor-Corona-Sommer sahen immerhin knapp 35.000 Besucher*innen das Musical »Jesus Christ Superstar«. Fakt ist: Die knapp vier Wochen Programm auf der Freilichtbühne generieren bis zu einem Viertel des Jahresumsatzes des Staatstheaters. Der Freilichtbühne kann also vonseiten des Theaters gar nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt werden, da sie eine der wichtigsten Einnahmequellen darstellt. Selbst im ersten Coronasommer 2020 konnten trotz Beschränkungen jeden Abend 550 Zuschauer*innen am Roten Tor Platz nehmen. Eine absolute Seltenheit in diesen Zeiten. Aus der nationalen und internationalen Theater- und Kulturszene erntete Augsburg hierfür neidische Blicke und anerkennenden Beifall. Auch der kommende Sommer 2021 wird von der Coronalage beeinflusst werden, und so könnte der Freilichtbühne eine herausragende Rolle zukommen. Den Augsburger*innen und Menschen aus der Region könnte dort, nach gefühlten Ewigkeiten der Abstinenz, erneut der Zugang zu Livekonzerten, Theater und Kultur ermöglicht werden. Wie wird also mit der Freilichtbühne dieses Jahr geplant?

Offensichtlich ist die Zahl der möglichen Veranstaltungen am Roten Tor nicht in Stein gemeißelt, wie es von offizieller Seite oftmals kommuniziert wurde

Fest steht bereits, dass das Staatstheater am 19. Juni die Premiere des Musicals »Chicago« feiern und anschließend bis Ende Juli an insgesamt 23 Abenden zeigen wird. Zudem soll an zwei weiteren Terminen die Konzertgala »Oper unterm Sternenhimmel« mit den Augsburger Philharmonikern auf die Bühne gebracht werden. Auf Anfrage bestätigte das Kulturreferat, dass zudem »vier bis fünf weitere Veranstaltungen nach dem Ende der Spielzeit des Staatstheaters Augsburg« angeboten werden sollen. »Diese sollen programmatisch die Vielfalt und Diversität der Stadtgesellschaft und ihrer Kultur abbilden und sich vom Programm des Staatstheaters Augsburg unterscheiden.« Dieser Rechnung nach sind heuer insgesamt 30 Kulturabende auf der Freilichtbühne zu erwarten. 2017 wurde die Bühne noch für 32 Spieltage freigegeben. Die Zahl variiert demnach von Jahr zu Jahr. Wer bestimmt also das Limit und ab wann ist denn nun Schluss? Während der Recherchen für diesen Beitrag wurde deutlich, dass auch bei den Verantwortlichen für die Freilichtbühne Unwissenheit oder Halbwissen herrscht über die genaue Zahl an genehmigten Terminen. Offensichtlich ist die Zahl der möglichen Veranstaltungen am Roten Tor nicht in Stein gemeißelt, wie es von offizieller Seite oftmals kommuniziert wurde. Nach eigener Aussage würde das Kulturreferat gerne noch mehr Termine, mehr Kultur auf der Freilichtbühne für alle Bürger*innen anbieten, aber an einem Limit wird, auch gänzlich unberührt von der aktuellen Coronalage, festgehalten.

Anderen Kultur- oder Konzertveranstalter*innen, die mit Freuden die Bühne mieten und bespielen würden, bleiben seit Jahren die Türen verschlossen. Aus vergangener Zeit kann man sich beispielsweise noch gut an Rock- und Popkonzerte erinnern, die sich großer Beliebtheit erfreuten und stets ausverkauft waren. Zig Menschen machten es sich zudem vor der Freilichtbühne mit Klappstuhl, Decke und Kaltgetränk gemütlich, um auch ohne Eintrittskarte zumindest der Musik lauschen zu können. Seit dem Stadtratsbeschluss von 2017 sind diese Veranstaltungen Geschichte.

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Es ist sehr leise geworden an der Freilichtbühne, nicht aber die Kulturveranstalter*innen, die nicht müde werden, ihr großes Interesse zu bezeugen, gerne die Spielstätte erneut in ihre Planung aufzunehmen. Laut ihnen fehlt es an erster Stelle an einem Ansprechpartner, der »lösungsorientiert, kompetent und zügig eingehende Anfragen« bearbeitet. Verständnis für das Vorgehen der Stadt und des Theaters zeigen sie nicht, sondern wundern sich vielmehr, warum das große Potenzial der Freilichtbühne nicht vermehrt genutzt wird.

Als einer der häufigsten Gründe für die Blockadehaltung der Stadt werden die oft befürchteten Anwohnerklagen aufgrund möglicher Lärmbelästigung genannt – diese blieben aber bisher aus. Im Gegenteil, in den letzten Jahren setzten sich viele Anwohner*innen des Ulrichsviertels für ein vielfältiges Programm am Roten Tor ein. In dem Gutachten der von der Stadt beauftragten Münchner Rechtsanwaltskanzlei zur Nutzung der Freilichtbühne, auf dessen Basis der Stadtratsbeschluss im Jahr 2017 zustande kam, wurde bestätigt, dass eine »immissionsschutzrechtliche verträgliche Ausgestaltung der Veranstaltungen erreicht werden kann«.

André Bücker bezeichnet den Zustand als »fragwürdig«

Externe Veranstalter*innen gingen sogar auf die Sorgen seitens der Stadt ein und schlugen vor, alle Konzerte vor 22 Uhr enden zu lassen, um die Anwohner*innen nicht zu belästigen. Ein kurzes Gedankenspiel: Man stelle sich nur einmal vor, welch ein Gewinn dies für die Gastronomie und Hotellerie der Stadt bedeuten könnte, wenn über 2.000 Konzertbesucher*innen aus der ganzen Region nach einem Konzert durch die Stadt flanierten. Zudem stünde Augsburg auf den Tourplänen nationaler und internationaler Künstler*innen und könnte so das touristische Potenzial der Stadt optimieren und die lokale Szene beleben. Wer sagt denn, dass die Freilichtbühne nur spätabends bespielt werden kann? Mitten im Herzen der Stadt, in unmittelbarer Nähe von Schulen und Hochschulen wäre ein künstlerisches Konzept für tagsüber jedenfalls denkbar.

Die Fremdnutzung der Freilichtbühne wurde aber offenbar weniger aufgrund der Lärmimmissionen als vielmehr aus Haftungsgründen eingeschränkt. So ließe sich auch das sehr zurückhaltende und restriktive Verhalten seitens der Stadt und des Theaters erklären. Auf die Frage zum Zustand der Bühne an drei Kulturschaffende, die dort Programm machen oder beschäftigt sind, erhält man eine bunte Auswahl an Adjektiven. André Bücker bezeichnete den Zustand während einer Pressekonferenz im vergangenen März als »fragwürdig«, ein Konzertveranstalter als »bedingt akzeptabel« und eine Darstellerin als »untragbar«. Wie steht es also um die Freilichtbühne und hat man aus der Schließung des Großen Hauses am Kennedyplatz die richtigen Lehren gezogen?

Bereits 2009 wurde deutlich, dass notwendige Reparaturen der Freilichtbühne auf die lange Bank geschoben wurden

Kulturreferent Jürgen Enninger beschreibt den Zustand im Interview mit a3kultur als »verbesserungswürdig«. Eine Sanierung müsse diskutiert werden. Sein Referat habe die Freilichtbühne »auf dem Schirm« und müsse »ins Handeln kommen«. Tatsächlich hat die Stadt aber bisher noch nicht ermittelt, welche Arbeiten an der Freilichtbühne durchgeführt werden müssen und welche finanziellen Mittel hierfür erforderlich wären. Im Stadtrat wurde zuletzt ein fünfstelliger Betrag für Renovierungsarbeiten genehmigt. Nun kann zu Recht bezweifelt werden, ob mit diesem für ein Bauvorhaben sehr niedrigen Betrag viel umgesetzt werden kann. Zudem ist nicht klar, wofür diese Mittel verwendet werden sollen und ob sie reichen werden, um die Bespielbarkeit der Bühne langfristig zu garantieren. Man kann nur hoffen, dass nicht nur kleine Ausbesserungsmaßnahmen vorgenommen werden und Schadensbegrenzung betrieben wird, sondern eine dauerhafte Erhaltung der Bühne priorisiert wird. Ähnlich wie schon beim Großen Haus zieren auch auf der Freilichtbühne hässliche blaue Fangnetze die Fassade der historischen Gemäuer, um offenbar das Abbröckeln des Putzes auf die Zuschauer*innen und Darsteller*innen zu vermeiden.

Bereits 2009 wurde deutlich, dass notwendige Reparaturen der Freilichtbühne auf die lange Bank geschoben wurden.  Das Holz des Bühnenbodens war derart marode, dass die Bühne plötzlich gesperrt werden musste. Für 150.000 Euro wurde sie zügig saniert, um zu vermeiden, dass die kurz bevorstehende Open-Air-Saison des Theaters ausfallen muss, und die erhofften Einnahmen konnten generiert werden. Man kann annehmen, dass sich der Zustand der Kulturstätte seitdem nicht wesentlich verbessert hat, wahrscheinlich ganz im Gegenteil. Erstaunlich dabei ist hingegen, dass, obwohl die Notwendigkeit einer Sanierung schon seit Langem im Raum steht, die Freilichtbühne aus dem Bürgerbeteiligungsprozess zur »Zukunft der Theaterlandschaft Augsburg«, der im Frühjahr 2016 für beendet erklärt wurde, gänzlich ausgeklammert war.

Solange die Freilichtbühne von allen Seiten trotz ihrer großen Bedeutung für die Stadt und das Theater weiter so sträflich vernachlässigt wird, steigen die Kosten, ähnlich wie schon beim Großen Haus, ins Unermessliche. Hoffentlich kommt das Erwachen, trotz der seit Jahren offensichtlichen und von offizieller Seite bestätigten Notwendigkeit einer Sanierung, nicht erneut zu spät. Die Verantwortlichen müssen ins Handeln kommen. Gleichzeitig wäre eine umfassende Sanierung auch dadurch gerechtfertigt, dass die Freilichtbühne dann zukünftig mehr und vielseitiger genutzt werden kann. Ideen der Kulturschaffenden gibt es zur Genüge und das Interesse der Bürger*innen an einem vielseitigeren Programm besteht. Mit einem umfassenden und durchdachten Konzept könnte die »schönste Freilichtbühne Deutschlands« über den Juli hinaus bespielbar gemacht werden. Denn um Jürgen Enninger zu zitieren: »Mehr ist immer besser« – das gilt auch und vor allem für die Freilichtbühne.

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