Ausstellungen & Kunstprojekte

Reflexzonen

Jürgen Kannler
11. August 2016

I Der 1982 in Augsburg geborene Künstler Philipp Fürhofer verwandelt die Räume des Kunstvereins zu interagierenden Welten zwischen Kunst und Realität. Seine Großformate beschäftigen sich nicht allein in motivischer Darstellung mit dem menschlichen Körper. Sie beziehen ihn in Person des Betrachters auch mit ein. Sei dies durch Reflexionen in den Spiegelfolien, die wesens-bestimmender Bestandteil der Arbeiten Fürhofers sind, oder durch wechselnde Lichtschaltungen innerhalb der Kunstwerke, die dem Betrachter unterschiedliche Ein- und Durchblicke gewähren. Fürhofer lebt in Berlin und findet auch als Bühnenbildner international Beachtung.

Seine Malerei ordnet sich der Physiognomie der oft geschwungenen und gekrümmten Bildflächen unter, fließt an ihnen entlang und wird durch die meist eingesetzten Leuchtmittel scheinbar zum Schmelzen gebracht. Durch die Einbeziehung realer Materialien wie Glühbirnen, Kabel oder auch Plastikmüll verschwimmen die Grenzen zwischen Material und Bildschöpfung, zwischen Ware und Projektion. So wirken seine – teils hängenden, teils im Raum stehenden – Malerei-Objekte wie absurde Bildmaschinen, die selbstständig Bilder produzieren und verwerten.

Die Ausstellung »Reflexzone« ist vom 7. August bis zum 13. Oktober im Kunstverein Augsburg  zu sehen. Ein Werkgespräch mit Philipp Fürhofer ist für den 29. September um 19 Uhr angesetzt.
www.kunstverein-augsburg.de

II Christian Grünwald ist nicht der einzige Sternekoch in Bayern. Doch auf seine Art ist er einzigartig. Vor mehr als fünfundzwanzig Jahren begann er sein Restaurantprojekt August im Augsburger Domviertel. Früher als die meisten seiner Kollegen verstand Grünwald einen Besuch in seinem Haus als interdisziplinäres Genuss- und Kunsterlebnis. Diese Haltung, seine Intoleranz in Qualitätsfragen und nicht zuletzt seine herausragende Kreativität in der Küche festigten in den letzten zehn Jahren seine Top-Platzierungen in den führenden Gastro-Rankings.

Zu Jahresbeginn wechselte Grünwald seine Spielstätte und translozierte sein August-Know-how vom Domviertel in die imposante Gründerzeitvilla von Johannes Haag, dem Erfinder und erfolgreichen Vermarkter von Dampfheizungen. Dass Grünwald, der virtuose Spieler mit den Aggregatzuständen, große Sympathien für einen Menschen empfinden muss, der sein Lebensglück auf Wasserdampf baute, dürfte sich von selbst verstehen. Die Stadtwerke als Besitzer der Immobilie boten Grünwald akzeptable Konditionen für die bis dahin leer stehende Beletage der Anlage und zeigten sich einmal mehr als verlässliche Unterstützer von Kunst und Kultur vor Ort.

Christian Grünwald machte sich ans Werk, ließ aber nicht nur eine spektakuläre offene Küche für das neue Haus entwerfen, sondern ersann gleich noch eine neue Dramaturgie und sensationelle Präsentationstechnik für das August in der Haag-Villa. Von Anfang an an diesem Prozess beteiligt war der Künstler Philipp Fürhofer, in jungen Jahren Mitarbeiter im August und bis heute mit den Grünwalds freundschaftlich verbunden.

Der zentrale Gastsaal im neuen August, einst das Spielzimmer des alten Haag, ist ausgelegt für 12 bis 16 Besucher sowie zwei großformatige Arbeiten Fürhofers: wie im Kunstverein dreidimensional, illuminiert und faszinierend genug, um sie eine lange August-Nacht vor Augen zu haben, ohne dabei zu ermüden. Besonders wenn die letzten Strahlen der Abendsonne durch die dichten Baumkronen im parkähnlichen Garten rings um die Villa brechen und ihre letzte Kraft durch das alte Glas der Flügeltüren und Fenster werfen, glaubt man immer wieder für wunderbare Augenblicke, Fürhofers Objekte seien lebendig. Man darf schon heute gespannt auf die Installationen sein, die sich der Künstler für den Garten der Haag-Villa überlegt hat. Die Stahlrahmen dafür sind bereits montiert, allerdings noch verwaist.

Den Saal erreicht man über einige kleinere Salons und Terrassen, die allesamt dem Gast zur Verfügung stehen, bevor er letztendlich an seinen Platz geleitet wird. Gegessen wird an für das August konzipierten Glastischen auf Metallrahmen. Der Clou dieser Entwicklung besteht darin, dass eine variable, illuminierte Schublade über die gesamte Tischfläche vom Personal herausgefahren werden kann, um nach Bedarf bestückt zu werden.

Je nach Speisefolge finden sich dort köstlich-erlesene, auf Glas- und Tonsplitter drapierte Vorspeisen und Desserts, die sorgsam vom Filet befreite Karkasse einer Felsenrotbarbe oder der lichtdurchflutete Querschnitt einer exquisiten Schweinskopfsülze. Die Düfte, das sorgsame Arrangement  der Speisen, aber auch die ästhetische Einbindung der für die Menüzubereitung nicht unmittelbar relevanten Bestandteile der Zutaten üben den einen Reiz dieser Präsentationsform aus. Der andere besteht schlicht in der Vorfreude auf den kommenden Gang, die durch diese starken visuellen Eindrücke befeuert wird.

Grünwald und Fürhofer ist das Konzept einer einzigartigen Präsentation gelungen, die einen Besuch im neuen August zu einem noch stärkeren Erlebnis werden lässt. Es wird andernorts wohl bald Nachahmer finden. Wie schön, dass wir hier leben und jederzeit das Original besuchen können.

Öffnungszeiten: Mi – Sa 19 – 23 | Tel. 0821 – 35279

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