Politik & Gesellschaft

Räume und Möglichkeiten

Patrick Bellgardt
19. Oktober 2020

Rund 25 Interventionen auf dem und um das Gaswerkareal sind im Rahmen von qp, dem Kunstprojekt zum art3kultursalon 2020, zu sehen. Begleitend zu diesem »Quartier Parcours« fand am 7. Oktober vor etwa 30 Zuhörer*innen eine Diskussionsrunde im kleinen Scheibengasbehälter statt. Kerzenschein und heißer Tee vom Restaurant im Ofenhaus erwartete das Publikum in diesem aktuell leerstehenden, fast schon sakral anmutenden Industriebau. »Kunst und Kultur im Quartier – Wie geht das zusammen und was soll das?« Diese Frage erörterte Moderator Jürgen Kannler (a3kultur-Herausgeber) mit seinen Gästen Jürgen Enninger (Referent für Kultur, Welterbe und Sport der Stadt Augsburg), Margit Uhr (Bildungsreferentin der Pfarreiengemeinschaft Oberhausen/Bärenkeller), Susanne Thoma (Kulturschaffende), Maria Trump (Künstlerische Produktionsleitung »Plan A« beim Staatstheater Augsburg) und Nihat Anaç (Geschäftsbereichsleiter der KreativWerk GmbH & Co. KG bei den Stadtwerken Augsburg).

In einer seiner ersten öffentlichen Veranstaltungen nach Amtsantritt skizzierte Jürgen Enninger zunächst seinen bisherigen Werdegang: Der gebürtige Niederbayer studierte Religionspädagogik an der Universität Eichstätt, schloss später als Diplom-Kulturwirt in Passau ab. Enninger sammelte Erfahrungen als Geschäftsführer eines Musikverlags und als Betriebswirt in der Bayerischen Staatsoper. Zuletzt leitete der 51-Jährige das Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München.

Mit Blick auf den Koalitionsvertrag der schwarz-grünen Stadtregierung sehe er den »Ausbau des Kulturraums« als »Schlüsselelement« – für ihn ein »Querschnittsthema« mehrerer Referate. In der Vereinbarung von CSU und Grünen wird die »Förderung von dezentralen Kulturevents und Stadtteilzentren zur Ausweitung des Kulturraums auf alle Stadtteile« postuliert. Ebenso die »Möglichkeit für Bürgerinnen und Bürger, Initiativen und Vereine zur kreativen Mitgestaltung der jeweiligen Stadtteilkultur«. Es gehe dabei nicht nur um die Schaffung von physischen Räumen, sondern auch um Wertschätzung und Aktivierung von Künstler*innen, erklärte Enninger: »Die Urbanität einer Stadt wird durch Kultur erst bewirkt.« Generell verstehe er seine Rolle in der Moderation von Themen, nicht in der Vorgabe von Inhalten.

Margit Uhr ist seit rund einem Jahr Bildungsreferentin der katholischen Pfarreiengemeinschaft Oberhausen/Bärenkeller. Etwa 10.000 »Gläubige« zählen zum Einzugsgebiet – zum »Sozialraum«, wie die Sozialpädagogin es formuliert – der vier dazugehörigen Kirchengemeinden. Für ihr Kulturprogramm mit Konzerten, Installationen und Workshops sucht Uhr gezielt Aktive aus den Quartieren, zuletzt zum Beispiel die Gaswerksfreunde. Die Religionszugehörigkeit spiele dabei eine untergeordnete Rolle. Kooperationspartner*innen fand sie auch in der a3kultur-Redaktion: Im Rahmen von qp installiert die Pfarreiengemeinschaft »Knotensäulen« im öffentlichen Raum und ist Patin eines »Quartier-Info-Boards« (kurz: QIB). Diese sollen künftig dem Austausch der Bewohner*innen, der Werktätigen und im Allgemeinen aller am Stadtteil Interessierten dienen – analog und klassisch in der Tradition eines schwarzen Bretts. Die Kirche, so Uhr, sei historisch gesehen immer auch »Quartiersentwicklerin« gewesen.

Die Schaffung von Teilhabe durch die Aneignung von öffentlichem Raum ist eines der Ziele von Susanne Thoma. Ihre Initiative »Gasius Worx« ist seit einigen Monaten im Portalgebäude des Gaswerks angesiedelt. Für dieses »Stadt Labor« haben ihr die Stadtwerke Augsburg eine ehemalige Angestelltenwohnung temporär zur Verfügung gestellt. Mit seinen Angeboten möchte das Projekt ein Scharnier zwischen dem Gaswerk und der umliegenden Nachbarschaft sein – ein Beitrag, um die Zugänge zur Quartiersentwicklung vielfältiger und niedrigschwelliger zu gestalten. Hierfür hat Thoma ein starkes Netzwerk aufgebaut, das von den Gaswerksfreunden über das Museumsstüble Oberhausen bis hin zum Landschaftspflegeverband reicht. Das »Kunst Kabinett« schafft im Rahmen von »Gasius Worx« einen Ausstellungsraum nicht nur für auf dem Gaswerkgelände arbeitende Künstler*innen. In Planung ist außerdem ein »Demokratie Parcours«, der in Zusammenarbeit mit Schüler*innen und Lehrer*innen der Martinschule, einem in Oberhausen beheimateten sonderpädagogischen Förderzentrum, entwickelt wird. Das Thema: Mitgestaltung im Quartier als Beitrag zur politischen Bildung.

Das Staatstheater Augsburg ist so etwas wie der Leuchtturmmieter auf dem Gaswerkgelände. Mit seiner Spielstätte im Ofenhaus lockt es jede Woche hunderte Besucher*innen auf das Areal. Seit 2017 bietet das Staatstheater mit der Plattform »Plan A« ein interdisziplinäres Spielfeld für Kooperationsprojekte, geleitet und kuratiert von Nicole Schneiderbauer und Maria Trump. An der Schnittstelle zum sozialen Engagement bewegt sich die gemeinsam mit »Utopia Toolbox« jüngst gestartete Intervention »Obdach«. Alle Bürger*innen sind eingeladen, nach Voranmeldung das so genannte »Haus 0« zu bewohnen und sich auf sechs Quadratmetern mit dem Thema Obdach(-losigkeit) auseinanderzusetzen. Bis in den Sommer 2021 hinein wird diese Wohnskulptur auf dem Gaswerkareal zu finden sein.

Im Vorfeld der Diskussionsrunde erreichte die a3kultur-Redaktion Beschwerden von Mieter*innen des Gaswerkgeländes. Die Kommunikationsstrukturen der Stadt(-werke) als Vermieter der Atelier-, Werkstatt- und Proberäume seien nicht optimal. So erfahre man nicht rechtzeitig von Veranstaltungen auf dem Gelände. Nihat Anaç, bei der swa für die Entwicklung des »KreativWerks« zuständig, betonte, dass bei ihm keinerlei Beanstandungen aus dieser Richtung ankamen. Die Türen für Anliegen jeglicher Art ständen offen, die Mitarbeiter*innen seien täglich vor Ort. Gegenüber externen Veranstalter*innen, wie zuletzt beim »KunstWerk Open Air«, äußere man den Wunsch, die ansässigen Künstler*innen aktiv miteinzubeziehen.

Die swa könne als Eigentümerin die »Hardware« bereitstellen, die Räume schaffen, das Gelände öffnen – die Ausgestaltung eines funktionierenden, kreativen »Biotops« entstehe jedoch im Miteinander der Nutzer*innen vor Ort, fasste Anaç die Rolle der Stadtwerke zusammen. Stichpunkt Öffnung ins Quartier: Bis die Angebote des Gaswerks bei den Menschen in den umliegenden Stadtteilen ankommen, brauche es noch Zeit. Angesichts der langen Zeit des Areals als Industriebrache ab 2001 seien »die Mauern gefühlt noch oben«. Für die nächsten Monate stehe unter anderem die weitere Entwicklung von Mietflächen für Start-ups und Unternehmen auf dem Plan. Die Stadt plant zudem ab Januar ein »Kulturzelt« auf dem Gelände, das bis zu 200 Zuschauer*innen ein vor allem von regionalen Künstler*innen gestaltetes Programm für die Wintermonate bieten soll.

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