Literatur

Poesie des Älterwerdens

Gudrun Glock
10. Mai 2020

Die Autorin Bärbel Schröder wurde 1955 in Bonn geboren, arbeitet als Fernsehautorin und -regisseurin. Zwanzig Jahre hat sie ihre Mutter beim Altwerden begleitet und es als großes Privileg empfunden, ihr bis zum Abschied so nahe zu sein.

»Dem Tod kann man zustimmen, beim Sterben wird es schon schwieriger«, beschreibt die Autorin ihre Gespräche mit ihrer Mutter. Aber sie fügt auch hinzu: »Am Ende war alles ganz leicht«. Mit einfühlsamen Worten beschreibt Bärbel Schröder die Poesie des Älterwerdens. Und das macht sie so bezaubernd und ohne Pathos, dass es mich zutiefst anrührt. Und ich weiß nicht, was mich dabei mehr bewegt. Die Geschichte eines alten Menschen oder die Erkenntnis, dass wir alle dieser Mensch sind.

Lass uns zusammenziehen, bevor es zu spät ist, bittet die Tochter ihre Mutter. »Das können wir machen, wenn wir alt sind«, sagt Schneckchen, wie die Autorin ihre Mutter liebevoll nennt. Leider haben sie den Zeitpunkt dann doch verpasst. Nach einem unvorhergesehenen Krankenhausaufenthalt, bleibt nur noch das Seniorenheim. »Ich hatte immer etwas Besseres für Mutter gewollt. Ein Umzug ins Altenheim stand nicht auf meiner Liste«, schreibt Schröder mit Bedauern. Ob Betreuerinnen, Pfleger, Heim-Clowns, Mitbewohnerinnen und -bewohner, Weihnachtsfeste oder Ausflüge, alles wird sehr lebendig vor dem inneren Auge des Lesers.

Anfangs fühlt sich die Mutter tatsächlich ganz wohl im Heim. Aber das angenehme Heimleben verändert sich immer wieder. Menschen kommen und gehen und auch geschlossene Freundschaften lösen sich. »Du, Bärbel, jetzt muss ich noch mal fragen, wo sind wir hier eigentlich?« Obwohl hier die leichte Demenz der Mutter zum Ausdruck kommt, muss ich doch unvermittelt schmunzeln. Und wenn Schneckchen konstatiert, »ich bin 91, da wird man ein bisschen kresi«, macht sich ein Grinsen auf meinem Gesicht breit.

Vieles lässt mich aber auch nachdenklich werden. »Tröste mich!«, bittet die Mutter beim allabendlichen Telefongespräch ihre Tochter und verrät ihr, dass sie so oft Heimweh verspüre, aber nicht wüsste wonach und selbst nicht verstehe, warum sie so traurig sei.

So achtsam sind die Worte gewählt, welche den Alltag der beiden beschreiben. »Das Schönste am Leben, Kindchen (…), ist doch nicht, was man erreicht hat, das Schönste ist, dass man lebt«, hat Schröders Mutter einmal gesagt. Das ist sehr berührend und lässt vieles in einem anderen Licht erscheinen.

Bärbel Schröder
Mutterzeit. Vom Glück, meine Mutter in ihren letzten Jahren zu begleiten
Knaur HC | Erscheinungstermin: 01.04.2020
368 Seiten | ISBN: 978-3-426-21470-1

www.droemer-knaur.de

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