Ausstellungen & Kunstprojekte

Plastiziert die Gesellschaft!

Patrick Bellgardt
25. September 2014

Joseph Beuys schenkte der Welt nicht nur die Erkenntnis, dass Kunst auch aus Fett, Filz, Honig, Knochen oder Blut bestehen kann – das Genie vom Niederrhein ging noch viel weiter: »Jeder Mensch ist ein Künstler«, so seine These. Egal, ob Arzt, Müllmann oder Ingenieur – geht es nach Beuys’ Theorie der »sozialen Plastik«, ist jedem Menschen eine schöpferische Kraft gegeben, jeder kann durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und dadurch »plastizierend« auf die Gesellschaft einwirken.

Von dieser Idee beeinflusst, starteten 2011 eine Handvoll Aktivisten mit dem Experiment »Grandhotel Cosmopolis«. Der Rest ist eine Erfolgsgeschichte, die auch von a3kultur in den vergangenen Jahren medial begleitet wurde. Die vier Pfeiler des Projekts stehen: »Hotel mit und ohne Asyl«, Ateliers und Galerie sowie Gastronomie und Veranstaltungszentrum. Nichtsdestotrotz befinden sich das Haus und seine Bewohner – das liegt in der Natur einer »sozialen Plastik« – in einem kontinuierlichen Prozess. Dabei ernten die Hoteliers viel Lob von allen Seiten. Doch welchen Einfluss hat das Grandhotel auf die Stadtgesellschaft und die Politik?

Haus und Bewohner befinden sich in einem kontinuierlichen Prozess

Rund ein Jahr nach dem Einzug der ersten Asylbewerber sind die Erfolge einer menschenwürdigen und inklusiven Form der Flüchtlingsunterbringung deutlich zu sehen. Gleichzeitig zeigen die vergangenen Monate auch den tragischen Gegensatz zwischen dem freiheitlichen, eigenverantwortlichen und solidarischen Ansatz der Hoteliers auf der einen und einer zunehmend restriktiven, bürokratisierten und reaktionären Flüchtlingspolitik seitens des Staats, respektive der EU, auf der anderen Seite.

Als im Februar eine tschetschenische Familie aus dem Kirchenasyl der Pfarrei St. Peter und Paul nach Polen abgeschoben wird, ist der Aufschrei zu Recht groß. Die Frau und ihre Kinder hatten zuvor im Grandhotel gelebt. Der beispiellose Vorgang schlägt überregional hohe Wellen. Die Kritik richtet sich nicht nur gegen die Polizei, auch Oberbürgermeister Kurt Gribl gerät in den Fokus. Als dieser endlich mit den entsprechenden Stellen telefoniert, um die Abschiebung zu stoppen, ist es bereits zu spät. Nicht wenige sagen, dass die Stadt in dieser Situation durchaus noch Spielraum gehabt hätte.

Weit weniger dramatisch gestaltet sich der Fall »Colorcosmopolis«. Im Rahmen des diesjährigen Friedensfests soll das Kölner Streetart-Kollektiv Captain Borderline in Kooperation mit Augsburger Künstlern die Außenfassade des Grandhotels mit einem großen Wandbild schmücken. Kurz vor dem geplanten Termin schreitet das Amt für Denkmalschutz ein und unterbindet die Aktion. Das Bild wird daraufhin kurzerhand auf eine vom Stadttheater gespendete Plane aufgebracht. Was bleibt, ist die Frage, wieso ein solches Mural an einem 60er-Jahre-Betonbau an einer nicht gerade repräsentativen Stelle des Domviertels nicht möglich sein soll. Selbst der nun zu sehende, auf der Plane aufgetragene »Kosmopolitonaut« wurde bislang nur für drei Monate genehmigt.

Eine Willkommenskultur in den Köpfen zu verankern, soll nicht nur graue Theorie bleiben

Beide Fälle, so unterschiedlich sie in ihrer Tragweite auch sein mögen, sind Ausprägungen eines verknöcherten Systems aus Politik und Verwaltung. Deren Vertreter präsentieren das Grandhotel trotz allem gerne als Vorzeigeprojekt, ohne sich jedoch in den entscheidenden Situationen dafür einzusetzen. Man kann nicht erwarten, dass das Grandhotel auf ein solch konservativ geprägtes politisches Umfeld innerhalb kürzester Zeit entscheidenden Einfluss nehmen kann. Umso wichtiger ist es, dass es trotzdem starke Impulse in die Stadtgesellschaft aussendet. Eine wirkliche Willkommenskultur in den Köpfen der Bürger zu verankern, soll eben nicht nur graue Theorie bleiben.

Mit verschiedensten Angeboten laden die Hoteliers die Bevölkerung ein, sich auch mal mit schwierigen Themen auseinanderzusetzen. Intensive und herausfordernde Formate wie die interkulturelle Geschichten- und Erzählwerkstatt werden durch vergleichsweise »einfach« zugängliche Veranstaltungen wie Konzerte oder Lesungen ergänzt. Die Resonanz ist dabei recht unterschiedlich. Zuletzt konnten die Besucher des »Standing on the Shoulders of Giants Parcours« mit Installationen, Performances und Musik das Domviertel erkunden. Nicht zuletzt von den Anwohnern wurde die Aktion sehr positiv aufgenommen.

Wie kein anderes Projekt in der Region steht das Grandhotel der Stadtgesellschaft offen: Diverse Initiativen und Gruppen sammeln sich unter dem Dach des Hauses. Während die offene Nähwerkstatt »Garnhotel« Hilfe zur Selbsthilfe in Sachen Textilien anbietet, versteht sich »Die Wilde 13« als Plattform für Bürger, die sich für Flüchtlinge engagieren möchten. Auf der Homepage des Grandhotels findet sich zudem eine Reihe von Themen, für die die Hoteliers nach Unterstützung suchen. Nur durch aktive Partizipation kann die »soziale Plastik« weiter bestehen – womit wir wieder bei Beuys wären: »Nicht einige wenige sind berufen, sondern alle.« Das Grandhotel liefert nicht nur einfach zu konsumierende Endprodukte. Nur im Für- und Miteinander der Menschen entwickelt sich das Haus weiter.

Die Grandhotel Peace Conference lädt zum gesellschaftlichen Diskurs

Mit einem weiteren neuen Projekt möchten die Hoteliers ihre bisherige Arbeitsweise kritisch reflektieren, um auch der Idee von Flüchtlingsunterkunft und Kunstlabor weiteren Antrieb zu verleihen. Im Rahmen eines auf etwa zwölf Monate angelegten Prozesses unter dem Titel »Grandhotel Peace Conference« sollen in mehreren Modulen Experten zu bestimmten Themenfeldern eingeladen werden. Die Stadtgesellschaft ist aufgerufen, sich am Diskurs zu beteiligen und eigene Erfahrungen einzubringen. Das erste öffentliche Modul startet am 26. September mit der Veranstaltungsreihe »überWunden«, bei der das Thema Trauma und kulturelle Identität im Zentrum steht. Traumatisierende Auswirkungen von Vertreibung, Flucht und Krieg auf das Individuum und die Gesellschaft werden über Grenzen und Generationen hinweg ins Blickfeld gerückt.

Ein Teil von »überWunden« ist die Ausstellung »The Art of Killing« des tschechischen Fotografen Lukáš Houdek. Die bedrückenden Werke des Künstlers werden in der stimmigen Atmosphäre der leer stehenden Alten Spenglerei am Mauerberg 26, wenige Meter vom Grandhotel entfernt, zu sehen sein. In seiner Heimat von vielen als Verräter gebrandmarkt, setzt sich Houdek mit Gräueltaten und Massakern an deutschen Zivilisten in der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander. Während viele Tschechen die Morde verschweigen oder leugnen, setzt er auf eine Enttabuisierung. Nur so kann das Trauma auf beiden Seiten überwunden werden.

Stef M. Froelich und Susa Gunzner vom Team des Grandhotels fügen der Schau mit ihrer Soundinstallation »Fading« einen spannenden Akzent hinzu. Naturaufnahmen (»Fieldrecordings«) aus Gegenden, in denen die Verbrechen der Vergangenheit stattfanden, mischen sich mit Fragmenten folkloristischer Musik und Auszügen aus Interviews mit Geflüchteten und Vertriebenen. Michaela Kfir, ebenfalls im Grandhotel aktiv, stellt zusammen mit Lukáš Houdek eine Verbindung der Fluchtgenerationen damals und heute her. Im Rahmen eines interaktiven Fotostudios sind die Besucher eingeladen, ein persönliches Objekt mitzubringen, das sie an ihre Heimat oder ihr Zuhause erinnert. Der Gegenstand und die dazugehörige Geschichte werden dokumentiert und Teil einer weiteren Ausstellung.

Foto: Lukáš Houdek setzt sich in seiner Ausstellung »The Art of Killing« mit Gräueltaten und Massakern an deutschen Zivilisten in der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander. Hierzu hat er Morde, Vergewaltigungen und Folter mit Barbiepuppen nachgestellt. Das Foto oben zeigt: Postoloprty (Postelberg), Mai/Juni 1945 – Hunderte Menschen werden in den Kasernen und der Umgebung erschossen oder zu Tode geprügelt. 763 Opfer wurden bislang identifiziert. © Lukáš Houdek

 

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