Theater & Bühne

Packend wie eine Folge »Black Mirror«

Max Kretschmann
12. März 2020

Nach der fatalen Gewalttat im Dezember 2019 am Augsburger Königsplatz und den Ereignissen von Halle und Hanau müssen wir uns fragen, welche Rolle Gewalt in unser aller Leben spielt. Obwohl sich unsere Gesellschaft in moralischen Fragen am liebsten als progressiv begreifen möchte, kommt es immer wieder zu Taten, die die tiefen Abgründe unserer ethisch vermeintlich reflektierten »Hochkultur« aufzeigen. Ein Begriff wie »toxische Männlichkeit«, der repressive und stereotype Tendenzen in aktuellen Männlichkeitsbildern beschreibt, scheint dabei nur eine Dimension der Lage darzustellen.

Anders als soziologische Theorien und politische Deutungen solcher Gewalttaten haben Kunst und Theater die Möglichkeit, sachlich Zusammenhänge aufzuzeigen, dabei aber auch auf emotionaler Ebene Situationen zu erproben und Hypothesen durchzuspielen, ohne sie immer gleich argumentieren zu müssen. Jörg Schurs Inszenierung von »Waisen« schafft es, die Frage nach der Gewalt in unserer Gesellschaft so atemberaubend zu stellen, dass die Zuschauer*innen in eine Ereignisspirale gezogen werden, bei der es höchstens in der (übrigens sehr gut gewählten) Pause ein Aufatmen gibt.

Die Story des Stücks ist schnell umrissen: Liam (Olaf Dröge) platzt blutverschmiert in das Esszimmer seiner Schwester (Petra Wintersteller), wo diese gerade mit ihrem Ehemann Danny (Heiko Dietz) ein privates Dinner hält. Er stammelt von einem blutenden, schwer verletzten Mann, den er gefunden habe, der mit einem Mal aus seiner Bewusstlosigkeit aufgewacht und weggerannt sein soll. Das Ehepaar ist in Alarmbereitschaft. Doch über den Verlauf des Stücks wird klar: So wie Liam die Geschichte am Anfang erzählt, kann sie nicht stattgefunden haben. So ringen die drei um die Wahrheit und das gemeinsame Vorgehen. Dabei bilden sich ständig neue Koalitionen und Konflikte innerhalb des Trios.

Die Zuschauer*innen tauchen ein in eine Story der urbanen Gewalt, die in ihrer düsteren Stimmung an einen Film Noir erinnert, sich aber so packend entwickelt wie ein Thriller – und das ohne je das Esszimmer des Ehepaars zu verlassen. Tatsächlich wirkt »Waisen« wie eine live dargebotene Episode der preisgekrönten Netflix-Serie »Black Mirror«. Es wird die Grundstimmung eines Erlebnisses erzeugt, das mit einer ungeheuren Rasanz aus einer scheinbaren Normalität heraus in eine prekäre Situation abrutscht. Verstärkt wird diese Psycho-Thriller-Atmosphäre durch den beklemmenden Sound von Lilijan Waworka. Die Figur des Junggesellen Liam wird so sprunghaft und wirr, in seiner Psyche so facettenreich-kaputt und problembehaftet von Olaf Dröge dargestellt, dass man schlicht von einer Meisterleistung sprechen muss. Doch auch Petra Wintersteller und Heiko Dietz lassen so gekonnte psychische Ambivalenzen und gebrochene Stereotypen in ihrer Charakterentwicklung durchblitzen, dass sie in ihrer Leistung keinesfalls hinten angestellt werden dürfen.

Durch das schlichte Bühnenbild eines modern-karg eingerichteten Esszimmers, das von Bauzäunen abgegrenzt wird, entsteht ein drastisches Bild von Innen und Außen – von (vermeintlicher) Harmonie und Chaos. Dabei versucht das Stück immer wieder alle Seiten der Lage zu betrachten. Probleme migrantischer Milieus werden ebenso aufgezeigt wie die rassistischen Grundzüge unserer »weißen heilen Welt«. Auch wenn das Stück mit Rollen und Rollenerwartungen spielt, kann Gewalt hier nicht als rein männliche Dimension verstanden werden. Immer wieder thematisiert die Figur der Helen eine »Blut-ist-dicker-als-Wasser«-Metaphorik, die ein »Wir-hier-drinnen« und »Die-da-draußen« erzeugt, das in seiner Drastik stark an die aktuelle Flüchtlingspolitik und die Lage an den griechischen Grenzen erinnert. Das Bühnenbild mit seinen Bauzäunen unterstreicht diese Metaphorik. Dabei wird u.a. die Frage danach gestellt, ob unterlassene Hilfeleistung nicht auch schon eine Gewalttat ist.

Einzig der Titel des Stücks mag ein wenig irreführend sein. Zwar handelt es sich bei Helen und Liam um Vollwaisen, deren Eltern in einem Feuer ums Leben gekommen sind, doch liefert die Vorgeschichte den Handlungen der beiden einen psychologischen Begründungsversuch, den es möglicherweise gar nicht benötigt hätte. Insbesondere weil die Figur des Danny keinen solchen Hintergrund zugewiesen bekommt. Er verbleibt in einer stereotypen Rolle, bis er von den abscheulichen Gewalttaten gebrochen und traumatisiert wird. Anstatt also eine gewisse psychische Grundkonditionierung aller Menschen vorauszusetzen (wie bei den Waisen), wird hier lediglich ein Stereotyp gebrochen. Allerdings stören diese Ungereimtheiten in keinster Weise. Stattdessen führt das Sensemble hier einen opulenten Psycho-Thriller mit viel Tiefe auf, bei dem es zu keiner der rund 100 Minuten langweilig wird.

Weitere Termine bis Ende April unter: www.sensemble.de

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