Ausstellungen & Kunstprojekte

Orte und Bilder

Bettina Kohlen
27. Mai 2019
augsburg contemporary_what else could i do_2019

Die Diskussion, ob und wieweit Fotografie eine Kunstform ist, wird seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert diskutiert und erforscht. Hier lassen wir das mal, aber da dieser Text in der Rubrik Kunst platziert ist … Wie auch immer: an Fotografie ist in Augsburg aktuell einiges geboten.

Keri Thöner flaniert durch die Stadt und hält das Ungewöhnliche im Unspektakulären fest. Skurril und formschlüssig komponiert erzählen ihre Bilder Geschichten im Alltag (Schlosser’sche Buchhandlung). Jochen Eger interessiert sich ebenfalls für seine urbane Umgebung und das Banale des Alltäglichen (Kaffeehaus Dichtl). Im Gegensatz zu Thöner, deren einzelne Bilder zusammen ein Kaleidoskop des städtischen Lebens ergeben, setzt er auf Bilderserien und Langzeitbeobachtung einzelner Situationen.

Im Höhmannhaus sind die Arbeiten junger Schweizer Fotograf*innen zu sehen, die es in die Endauswahl des vfg-Nachwuchsförderpreises geschafft haben. Die unterschiedlichen Ansätze zeigen, welches Spektrum Fotografie aufweist, jenseits eines modischen Instagrammability Looks … Sehr überzeugend kommt die Arbeit des zweiten Preisträgers Christian Indergand rüber, der sich in seinem Heimatkanton Uri auf die Spur der Sagen begibt.

Hochkarätige tschechische und slowakische Fotografie aus einer Prager Privatsammlung hält das H2 im Glaspalast bereit. Im Kabinett geben die gezeigten 56 Arbeiten einen eindrucksvollen Überblick zur Fotografie vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Jetztzeit. Musterbeispiele des Neuen Sehens, surrealistische Ansätze, aktuelle Formen der Bildgestaltung: alles dabei, alles von ausgesprochen hoher Qualität. Sollte man gesehen haben, unbedingt.

Jie Li und Jan Hashagen, frischgebackene Absolvent*innen der Münchner Akademie (Axel Kasseböhmer) bespielen gemeinsam die Räume der Ecke Galerie. Thema: das Paradies, aber auch das nicht mehr paradiesische Paradise in Kalifornien … Jie Li reflektiert bewusst japanische und chinesische künstlerische Traditionen, agiert eher mit Hell und Dunkel. Jan Hashagen hingegen setzt kontrastreich Farben gegeneinander. Manches gerät abstrakt, anderes sehr gegenständlich, seinen Reiz bezieht das Ganze besonders durch die Verzahnung der Hängung, das enge Neben- und Miteinander der Werke. Besonders augenfällig wird dies an der langen Wand, an der sich eine Vielzahl kleinster Formate in Reihe drängt. Sehenswert. Gut und wichtig, dass sich hier Künstler*innen, die noch am Anfang stehen, ausprobieren können.

Im Kunstverein Augsburg liegt gerade eine Menge Bauschutt herum, allerdings säuberlich arrangiert und geordnet. Nein, hier wird nicht renoviert, hier untersucht die israelisch-amerikanische Künstlerin Noa Yekutieli anhand solcher aus ihrem Kontext gezogenen Fragmente unseren Umgang mit Katastrophen und Traumata. Das Chaos nach der Zerstörung fängt sie durch gezielte Strukturierung auf. Auf diesen neuen Ordnungen errichtet sie fragile schwarze Scherenschnitt-Silhouetten. Rauh und poetisch führt Yekutieli die Endlichkeit und Grenzen der Existenz vor Augen. Nichts ist für immer, auch Kunstwerke nicht. Aber vielleicht die Kunst?

augsburg contemporary ist die neue Kunst-Koop der Galerist*innen Claudia Weil (Claudia Weil Galerie, Friedberg-Rinnenthal) und Andreas Stucken (Zweigstelle Berlin), die zukünftig gemeinsam den Mini-Laden mit dem großen Schaufenster in der Bergstraße bespielen. Die Start-Show präsentiert unter der Regie von Stucken eine kleine klare Auswahl von Arbeiten einiger von ihm vertretener Künstler*innen. Anschließend bespielen beide Partner*innen den Raum gemeinsam. Sehr erfreulich, eine Bereicherung. Sogar, wenn man nur daran vorbeigeht …

Nicht vergessen: Die contemporallye, die Sebastian Lübeck aktuell in einem »Haus der Kunst« (Thomas Elsen bei seiner Einführung) in Haunstetten gestartet hat, läuft noch zwei Runden, jeweils ein ganzes Wochenende lang. In der Inninger Straße 25 wird ein denkwürdig merkwürdiges Umfeld zum Raum für Künstler*innen, die Lübeck bereits früher gezeigt hat. Da treffen konkrete Arbeiten auf kritische Popart, eine schräge Schweine-Installation auf ein zartes Monster aus der Feder von Louis, dem kleinen Sohn von Lübeck. Die wilde Mischung funktioniert erstaunlich gut, die Kunst steht im Fokus, ohne dass dieses Setting zur Attitüde gerät. Wichtige Sache, gute Kunst in spannender Athmosphäre.

www.schlossersche.buchhandlung.de
Sichtbar unsichtbar. Fotografien von Keri Thöner bis 12. Juli

www.dichtl.de
im Gelände: Urbane Fotografie von Jochen Eger bis 18. Juli

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de 
vfg-Nachwuchsförderpreis junger Schweizer Fotografen bis 8. Juli im Höhmannhaus

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de 
Licht.Spuren. Schlüsselwerke tschechischer und slowakischer Fotografie bis 30. Juni im H2

www.kunstverein-augsburg.de
Noa Yekutieli: Degrees of Separation bis 7. Juli

www.augsburg-contemporary.de
What else could I do bis Mitte Juni

www.contemporallye.com
in der Inninger Straße 25
31. Mai bis 2. Juni, 14. bis 16. Juni, Vernissagen: freitags um 19 Uhr


Foto: »augsburg contemporary«, Blick in die Galerie mit Arbeiten von Elisabeth Sonneck (links) und Albert Weis (hinten)

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