Klassik

»Neustart« in der Grottenau

Renate Baumille...
8. März 2021

»Small is smart«: Mit der Kapazität von 250 Studienplätzen zählt das Augsburger Leopold-Mozart-Zentrum (LMZ) zu den kleinen, aber feinen Ausbildungsstätten in Deutschland. Die überschaubare Größe verspricht in der Praxis beachtliche Vorteile wie etwa eine familiäre Atmosphäre und die sehr persönliche, intensive Betreuung der Studierenden. Als Zentrum für Musik und Musikpädagogik der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg lockt das LMZ Nachwuchsmusiker*innen aus dem süddeutschen und schwäbischen Raum, aber auch aus Asien, Südamerika, der Ukraine oder Litauen nach Augsburg.

Angeboten werden drei kombinierbare Profile des achtsemestrigen Bachelor-Studiengangs Musik (Instrumental- und Gesangspädagogik, Elementare Musikpädagogik, Blasorchesterleitung) sowie drei, teils auch berufsbegleitend konzipierte Master-Studiengänge (Künstlerischer Master Musik, Musikvermittlung/Konzertpädagogik, Musiktherapie). International werden Kooperationen mit interdisziplinär konzipierten Fachtagungen gepflegt. Bestens in die Orchesterszene vernetzt ist der Lehrkörper mit 17 Professor*innen, 18 künstlerischen und wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen sowie rund 100 Lehrbeauftragten.

Dieses Profil weiß auch der aus Usbekistan stammende Master-Student und Pianist Evgeny Konnov zu schätzen. 2019 wurde er mit dem Kunstförderpreis der Stadt Augsburg ausgezeichnet, um im Jahr darauf der Einladung als Artist in Residence am Staatstheater Augsburg zu folgen. Konnov ist nur einer von vielen jungen Musiker*innen, die sich aus gutem Grund für das LMZ entschieden haben.

Dennoch: Derzeit kann Prof. Andrea Friedhofen, die seit 2017 gemeinsam mit Prof. Christoph Hammer und Prof. Dominik Wortig die Leitung des LMZ innehat, nicht anders, als von einer »desaströsen« Situation zu sprechen, was die Gemütslage ihrer Musikstudierenden betrifft. »Das Musikstudium an sich ist ja schon eine hochsensible Angelegenheit«, so Friedhofen, die nach einem Jahr rigider pandemischer Beschränkungen und Ausfällen essenzieller Unterrichtsmodule wahrnimmt, wie stark die Motivation der Studierenden leidet. Offenkundig sind die Frustration, Lethargie und Zukunftsängste angesichts der fehlenden beruflichen (Langzeit-)Perspektiven. Derzeit darf allein instrumentaler Einzelunterricht im Präsenzmodus stattfinden. Alle, die zu Hause keine Möglichkeit zum Üben haben, können nun zumindest wieder die Räume im LMZ nutzen. Relevante Ausbildungsformate wie Kammermusik und Ensembles finden, wenn überhaupt, online statt.

Lange Zeit besaß das LMZ in der Maximilianstraße 59 eine durchaus prominente, in jedem Fall zentrale Adresse. Der Umzug in die oberen Etagen der für 30 Millionen Euro sanierten »neuen Grottenau« im Herbst 2020 soll den Ausbildungsbetrieb optimieren. Darüber hinaus stellt die Location einen neuen Konzertsaal bereit, in dem die jährlich über 200 LMZ-Veranstaltungen, Abschlussprüfungen und Proben stattfinden können.

Dank Corona ging der »Neustart« pianissimo und ohne geplanten Festakt über die Bühne. Erst diesen Sommer soll das nachgeholt werden. Leider mischten sich bald einige Mollakkorde ins neue Terrain: Die Zimmer und Unterrichtsräume erweisen sich als sehr hellhörig. Mitmieter wie unter anderem das Amt für Jugend und Familie beschwerten sich über »Lärmbelästigung« am Arbeitsplatz, auch LMZ-Studierende wie -Lehrende dürfen im eigenen Unterricht den der Kolleg*innen »miterleben«. Das ist alles andere als ideal. Das Liegenschaftsamt der Stadt bemüht sich jetzt um die fachtechnische Klärung des Sachverhalts und ordnete umfangreiche Schallmessungen an. Die Aufgabenstellungen des Vermieters ergeben sich aus diesen Messergebnissen und weiteren Erkenntnissen zur Schallübertragung in den Etagen. Es bleibt zu hoffen, dass so bald ein reibungsloses, den Anforderungen und Bedürfnissen einer Musikausbildungsstätte angemessenes, akustisch akzeptables Miteinander aller Grottenau-Nutzer*innen ermöglicht wird.

Die kreative Einheit aus Musik, Pädagogik und Wissenschaft, wie sie durch die Struktur des LMZ realisiert wird, könnte nicht treffender beschrieben werden als im Beitrag der Festschrift »50 Jahre Uni Augsburg«. Musik benötigt, so heißt es dort, »eine umfassende, breite Ausbildung mit entsprechender Qualifikation, höchster Disziplin und gemeinschaftlicher Verantwortung in der Gruppe ebenso wie individuelle Ausdrucksstärke, damit eine wirkliche ›Symphonie‹, also ein erfolgreiches Zusammenklingen vieler Beteiligter, entstehen kann, bei dem letztlich dann auch ein Auditorium zum gleichermaßen rezipierenden wie inspirierenden Partner wird.«

Erst 2008 wurde das LMZ nach dem Vorbild der Universitäten in Mainz und Münster als »Zentrum für Musik und Musikpädagogik« der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg angegliedert. Bereits 1873 existierte eine Augsburger Musikschule, die 1926 zum Städtischen Konservatorium und 1948 zum »Leopold-Mozart-Konservatorium der Stadt Augsburg« umbenannt wurde. Im Zuge der generellen Auflösungen bayerischer Konservatorien startete ab 2000 die kommunale »Musikhochschule Nürnberg-Augsburg«, die aber schnell unter internen und externen Strukturdebatten litt.

Als tragfähiges Erfolgsmodell dagegen kann man das heutige LMZ würdigen, selbst wenn im Moment der optimistische Blick in die Zukunft durch die Corona-Belastungen getrübt scheint. Es verdient als aktiver regionaler Kulturfaktor noch größere Wertschätzung. Ob in innovativen und generationenübergreifenden (Bühnen-)Projekten, insbesondere im Bereich der Musikvermittlung, ob mit den tollen, häufig kostenfreien Konzerten der Instrumental- und Gesangklassen, ob als zuverlässiger Partner der hiesigen Kultur- und Festivalmacher*innen. Ganz im Sinne der Deutschen Mozartstadt tragen die jungen Musiker*innen am LMZ maßgeblich dazu bei, das musikalische Erbe und Potenzial kreativ und nachhaltig in der Stadt zu bespielen, teil- und erlebbar zu machen. Nicht erst in pandemischen Notzeiten sollten wir uns alle des heilsamen und stabilisierenden Potenzials der Musik bewusst sein – auch dafür steht das Leopold-Mozart-Zentrum.

www.leopold-mozart-zentrum.de

Foto (© LMZ): Der Konzertsaal des Leopold-Mozart-Zentrums im Erdgeschoss der Grottenau bietet knapp 170 Plätze.

 

Weitere Positionen

21. September 2021 - 11:38 | Fabian Linder

Stadtkultur (mit)gestalten – aber wie? Im Textil- und Industriemuseum lud das Netzwerk »Degraux!« zur Diskussion. Ein erstes Talkexperiment zu den Ankerthemen wie Konsum & Partizipation, Leerstände und Zwischennutzung.

Ein Mann und eine Frau auf einem Sofa sitzend in ein Gespräch vertieft.
20. September 2021 - 12:14 | Sophia Colnago

Passend zur anstehenden Bundestagswahl sprechen Lisa McQueen und Jürgen Kannler in der aktuellen Folge von »Lisa & me« über Lokalpolitik und Sitzungen im Augsburger Rathaus.

16. September 2021 - 10:00 | Marion Buk-Kluger

Für den September können wir Kabarett- und Comedy-Fans (fast) aus dem Vollen schöpfen, denn es ist angerichtet. Quergelacht – die a3kultur-Kolumne von Marion Buk-Kluger im September.

15. September 2021 - 10:47 | Bettina Kohlen

Die erste Premiere der neuen Spielzeit des Staatstheaters setzt digitale Zeichen mit einer VR-Brillen-Produktion, dem Ballett »kinesphere«.

15. September 2021 - 10:34 | Sarvara Urunova

Das Festival »Mozart @ Augsburg« ging am Wochenende zu Ende. a3kultur-Autorin Sarvara Urunova besuchte das Konzert von Sebastian Knauer und Daniel Hope.

14. September 2021 - 13:38 | Sophia Colnago

»Lisa & me« ist die neue Podcastreihe von a3kultur: zwei Personen, ein Mikrofon und jedes Mal ein anderes Thema. Jürgen Kannler und Lisa McQueen im Talk. Hier anhören!

13. September 2021 - 16:06 | Anna Hahn

Ein Hotelzimmer, drei Frauen, ein gemeinsamer Plan – Das Staatstheater feierte Premiere und widmet sich dem Rape and Revenge-Genre.

12. September 2021 - 0:00 | Iacov Grinberg

Iacov Grinberg besucht ungern Wahlveranstaltungen. Für die von Ulrike Bahr (SPD) ausgerichtete Podiumsdiskussion zum Thema »Gut aufwachsen und zusammenleben in der Stadt« machte er eine Ausnahme. Eine Zusammenfassung.

10. September 2021 - 15:00 | Bettina Kohlen

Anlässlich des 500jährigen Bestehens der Augsburger Fuggerei richtet eine Ausstellung des Diözesanmuseums St. Afra den Blick auf das Weltgeschehen der Zeit um 1521.

10. September 2021 - 10:00 | Juliana Hazoth

Die Lyrik, so Dichter Knut Schaflinger, hat es nirgendwo einfach, doch in Augsburg noch weniger. Ein Gespräch mit dem Mitorganisator der Langen Nacht der Poesie.