Politik & Gesellschaft

MUT

Gast
12. Juli 2016

Mut ist keine Marketingstrategie im Sinne des: Du schaffst das. Mut handelt aus Einsicht, während Tollkühnheit die eventuellen Folgen fahrlässig außer Acht lässt. Wenn die Einsicht geeignet ist, die Hoffnung zu nähren, ist der Mut Letzterer geschuldet.

Notorisch der Aufruf, dass man in prekären Situationen den Mut nicht sinken lassen soll. Doch es gibt Lagen, in denen man den Mut zu verlieren droht. Dann bedarf es der Ermutigung von außen. Im Hochmittelalter gehörte der Mut zu den Tugenden des Ritters. Auch heute gewinnt einer, der Mut bewiesen hat, an Ansehen – egal, ob physisch oder moralisch. Mut zeigt gemeinhin derjenige, der für seine Ansichten Nachteile in Kauf nimmt und uneigennützig für das Recht der Schwachen sich einsetzt. Auch von Tieren kennt man den Mut, obwohl das Sollen eigentlich als etwas bestimmt ist, das in der Natur nicht vorkommt.

Unter Jugendlichen dienen Mutproben der Initiation oder dazu, die Rangordnung zu klären. Ganz allgemein spielt der Mut im sozialen Leben eine zentrale Rolle – zumal in seiner bürgerlichen Form als Zivilcourage. Im Alltag nahezu unsichtbar, tritt Zivilcourage dann zutage, wenn Regeln und Normen, auf denen Gemeinschaft beruht, missbraucht werden und die Balance zwischen Macht und Ohnmacht droht verloren zu gehen. Der Mut garantiert der Gemeinschaft das Gemeinsame in der unentwegten Auseinandersetzung mit den Eliten auf der einen und den Rücksichtslosen und Schmarotzern auf der anderen Seite.

Das, was das Lebendige lebendig macht, war für den Römer der Mut. Animus bedeutet daneben aber auch Atem, Hauch, Geist – so wie das althochdeutsche muot. Der Volksmund hat den Mut im Herzen (frz. cœur) gesucht, sodass die Beherztheit zur Courage gedieh. In Deutschland versteht man unter Courage eher Schneid als Mut. 1670 gibt Grimmelshausen seinem barocken Simplicius Simplicissimus eine zweifelhafte Lebensgefährtin mit, die Landstreicherin Courasche. Damit hat der Autor den Mut zum unentbehrlichen Begleiter desjenigen erkoren, der adlig ist – wie eben Simplicius, der edle Held des Romans.

Naturgemäß macht die Bürokratisierung des Lebens auch vor dem Mut nicht halt – erst recht, seitdem die Vernetzung eine unheilige Allianz zwischen Technik und Verwaltung erlaubt. Kampagnen-Aggregatoren wie openPetition, Avaaz, Campact, Change, MoveOn, foodwatch, Lobbycontrol und viele andere gefallen sich darin, als sozialer Verstärker zu fungieren und Gefolgschaften zu organisieren. Im affektiv richtigen Moment machen sie per E-Mail oder auf eigenen YouTube- bzw. Twitter-Kanälen Stimmung – und rufen folgerichtig dazu auf, Mut zu zeigen. Ohne auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen, lassen sich derart Online-Petitionen zu den verschiedensten Anliegen unterstützen. Diese Petitionen sind naturgemäß gegen oder für etwas. Daumen hoch oder Daumen runter – jedenfalls ist es der Daumen, den die Gegenwart zum eigentlichen Souverän gekrönt hat. Hier wird dem Schlachtruf Digitalität ein gänzlich neuer Sinn eingehaucht, bedenkt man, dass im Lateinischen digitus Finger meint. Digitalität formt Demokratie auf diese Weise um zu einem launischen Daumenkino. Eine weitere Folge dieser Praktik ist, dass Mut umschlägt in Mutlosigkeit – denn wo Mut bequem wird, ist er keiner mehr. Mut ist angewiesen auf das Individuum und darauf, dass dessen Einsatz von Gewicht ist. Billig und ohne Risiko ist Mut also nicht zu haben – gerade weil er für die, die es an ihm fehlen lassen, immer auch eine Zumutung bedeutet.

Seit der Französischen Revolutionen garantieren Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit den Menschen die Menschenrechte. Allzu leicht wird dabei vergessen, dass es an der Courage des Einzelnen liegt, dass ihnen überall dort Geltung verschafft wird, wo sie bedroht werden und geschliffen werden sollen.

Thomas Palzer arbeitet als Schriftsteller und Philosoph in München. Zuletzt veröffentlichte er den Roman »Nachtwärts«. Zur Eröffnung des Friedensfest-Rahmenprogramms am 14. Juli um 18:30 Uhr im Goldenen Saal ist Palzer einer der Teilnehmer der Gesprächsrunde »Mut haben. Mut beweisen. Mut machen.«
www.thomaspalzer.de

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