Theater & Bühne

»Money is the Root of all Evil!«

Max Kretschmann
16. Oktober 2020

»Manchmal liegt so jemand wie Dürrenmatt wohl in der Luft«, erklärt der Leipziger Regisseur Philipp J. Neumann das gleichzeitige Erscheinen seiner Interpretation von »Der Mitmacher« mit der Inszenierung »Der Physiker« am Staatstheater Augsburg. Und tatsächlich – die tragikomische Atmosphäre, die der Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt in seinen Stücken beschwört, ist dieser Tage immer häufiger spürbar. Denn manche gesellschaftlichen Tendenzen sind so grotesk, dass man darüber lachen müsste, wenn es nicht zum Weinen wäre.

Wie bei »Die Physiker« ist die Wissenschaftsethik ein zentrales Thema des Stücks. Der Chemiker »Doc« verliert in der Wirtschaftskrise seinen Job in einem großen Chemiekonzern. Über Umwege landet er in der Unterwelt und stellt sein Wissen in die Dienste des Gangsters »Boss«, für den er künftig chemisch Leichen zersetzt. Die Hauptfigur lässt sich allerdings von den moralischen Abgründen seines Berufs nicht abschrecken, da in seinen Augen alle Jobs schmutzig sind. Eine Affäre mit Ann, der Geliebten des Gangsterbosses, und das Auftauchen seines Sohnes Bill scheinen ihn aus seiner unbeteiligten Rolle des vermeintlich freien Wissenschaftlers zu reißen. Doch zeigt sich, dass es für eine nützliche Person wie ihn in diesem System kein Entkommen gibt.

Als »Der Mitmacher« 1973 in Zürich uraufgeführt wurde, stand Dürrenmatt nach der Aufführung selbst auf der Bühne und ließ sich ausbuhen. Insgesamt galt die damalige Inszenierung als gescheitert. Der Autor fand sich darauf zumindest in soweit missverstanden, als dass er sein Stück gleich mehrfach schriftlich reflektierte und rezensierte. Das Ergebnis ist ein mehr als 320 Seiten starkes Buch (»Der Mitmacher: Ein Komplex«, Diogenes-Verlag, 1998), von dem das eigentliche Stück nur etwa 120 Seiten ausmacht. Inspiriert wurde Dürrenmatt für sein Werk von einem Amerikaaufenthalt 1959, wo er sich allem Anschein nach zu einen guten Teil von Groschenromanen (dime novels) und dem dortigen Film Noir beeinflussen ließ.

Anders als zur Uraufführung 1973 gab es am 9. Oktober schallende Ovationen für die Inszenierung im Sensemble. Mit viel Körperkomik und Unterhaltungswert (insbesondere die Musikauswahl!) schafft es Neumanns Produktion die scharfen Kontraste und lakonischen Dialoge des Stücks in ein ironischeres Licht zu rücken. Das flexible Bühnenbild in Laboroptik sorgt dafür, dass die Charakterwechsel der drei Darsteller*innen in geschmeidigen Übergängen passieren. Eine gewisse optische und inhaltliche Ähnlichkeit zu der popkulturellen Kracher-Serie »Breaking Bad« lässt sich dabei nicht von der Hand weisen. Der kultige Sound von den »Andrew Sisters« rundet die Handlung mit einem ironisch-nostalgischen Charme ab.

Der Protagonist »Doc« wird von allen drei Darsteller*innen abwechselnd gespielt. Zu einer Verwirrung bei all den Charakteren kommt es dank einer einheitlichen Choreografie jedoch nicht. Da wo das Stück Geschlechtergrenzen überschreitet, glänzt es durch eine Frische im Umgang mit dem Personal. Hervorzuheben ist etwa Heiko Dietz in der Rolle der Geliebten Ann. Der erwachsene Mann im violetten Kleid wirkt mit seinen affektierten Gesten zunächst derart komisch, dass man sich ein Lachen kaum verkneifen kann. Allerdings verfliegt die Komik darum auch wieder, da man ihm die Figur ohne Weiteres abnimmt. Auch Birgit Linner als Polizeichef »Cop« und Dörte Trauzeddel als Bill überzeugen in jeder der eingenommenen Rollen auf ganz eigene Weise.

Phillip J. Neumann ist nicht unbedingt ein festes Mitglied der Augsburger Theaterszene, aber auch nicht neu in der Stadt. So hatte der Leipziger vor zwei Jahren schonmal eine Kooperation mit dem Neuen Theater Burgau und dem Sensemble, als er hier Max Frischs »Biografie: Ein Spiel« inszenierte. Schön an der aktuellen Aufführung ist, dass sich mit Lisa Bühler eine weitere Verknüpfung mit der hiesigen Freien Szene ergeben hat. Die studierte Kulturmanagerin gehört schon seit Jahren fest zum Headquarter des kreativen Theaterensembles »bluespots productions« und arbeitete bei dieser Produktion als Regieassistentin mit.

Insgesamt war die Premiere von »Der Mitmacher« eine sehr gelungene Inszenierung, sodass auch einzelne Versprecher der Performance keinen Zacken aus der Krone brechen. Einzig der ein wenig fragwürdige Einsatz von österreichischem Dialekt als (einziger) Brecht’scher Verfremdungseffekt wirkte etwas verloren und dadurch unpassend. Davon abgesehen glänzt »Der Mitmacher« jedoch durch ein rundes Konzept, das dem Stück seine ursprüngliche Sperrigkeit nimmt und einen unterhaltsamen Abend verspricht, ohne dabei seinen kritischen Charakter zu verlieren.

www.sensemble.de

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