Klassik

Minimale Musik, maximale Nässe!

Renate Baumille...
9. Juli 2021

Mit Steve Reichs avantgardistischem Meisterwerk »Music for 18 Musicians« startete gestern das »Klassik Open Air am Elias-Holl-Platz«.

Faszinierend waren sowohl die musikalische Wirkung und die starke Interpretation sowie die Tatsache, dass trotz erbarmungsloser Nässe von oben die Zuschauer bis zum Ende unter ihren Schirmen und Regenponchos ausharrten, um den beteiligten Musiker*innen und den fünf Tänzer*Innen den verdienten Beifall zu zollen.

Der Auftakt mit der »Music for 18 Musicians« vereinte dank ihrer durchaus besonderen und aufwändigen Instrumentation unter der musikalischen Leitung von Stefan Blum, Iris Lichtinger und Ton Jahn sowie der Gesamt-Produktionsleitung von Ute Legner – verstärkt durch die Visuals des LAB BINAER und die kleine, aber feine moderne Tänzer-Company (Choreografie: Ema Kawaguchi) – »fast alle« im Bereich neuer und alter Musik bekannten Augsburger Musiker*innen auf der Bühne. Und dieser Abend war in zweifacher Hinsicht eine intensive körperliche Erfahrung für die Konzertbesucher*innen: Steve Reichs auf einem Zyklus von elf Akkorden basierendes Werk führt die Hörer ganz unweigerlich in eine Art Trance; es verführt dazu, es mit geschlossenen Augen wahrzunehmen, um sich vorbehaltlos auf die polyphone Kraft, den sanften, mit winzigen Akkordverschiebungen arbeitenden »perpetuo-mobile« Spannungsbogen und den rhythmischen Sog der Patterns und Phasen einzulassen.

Diese rund 60-minütige konstant pulsierende Prozessmusik, die bewusst auf ein tonales Zentrum verzichtet, ist sicher nicht jedermanns Geschmack, doch wer sich darauf einlässt und mit allen Sinnen eintaucht, wird mit einem erstaunlichen, fast hypnotischen Hörerlebnis belohnt. Allerdings trat der ebenso pausenlose Regen in Konkurrenz mit der überwältigenden Präsenz der Komposition und der Qualität der Interpretation, die von der (überdachten) Bühne aufs Publikum einströmte. Somit musste man sich irgendwann entscheiden, worauf man sich konzentrierten wollte und die trotz Schirm bald nassen Schuhe und Hosenbeine akzeptieren, um dann nur noch wahrzunehmen, welch faszinierendes klangliches Wunderwerk der im Minimalismus verortete amerikanische Komponist Steve Reich bereits vor fast 50 Jahren schuf.

Seine 1976 in New York erstmals aufgeführte »Music for 18 Musician« behauptet sich nicht von ungefähr bis heute als richtungsweisendes zeitgenössisches Werk. Für die darin beteiligten Musiker*innen kommt die Aufführung fraglos einem Marathon gleich, was Atem-und Schlagtechnik und Konzentration betrifft. Als Hörer ist man immer wieder fasziniert, wie nahtlos sich Streicher, Klarinette, Bassklarinette, die vier Klaviere, Marimba-und Xylophon samt den vier weiblichen Stimmen ineinanderfügen, so dass man nur selten eindeutig zuordnen kann, wer gerade welchen Laut in dieser Klangtextur generiert oder im Moment den rhythmischen Puls vorgibt. Mit diesem MEHR MUSIK!- Projekt gab es also einen vielversprechender Start ins lange, gerne wieder trockene Klassik-Open-Air- Wochenende!

Tickets und Infos: www.mozartstadt.de

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