Klassik

Milieufrage Klassik

Jürgen Kannler
11. April 2014
schwäbischesjugendsinfonieorchester

Im vergangenen Jahr veröffentlichte die Hamburger Körber-Stiftung eine Untersuchung, die Licht auf das Verhältnis deutscher Jugendlicher und junger Erwachsener zum Klassikbetrieb wirft. Die gute Nachricht zuerst: Die überwiegende Mehrheit der Befragten im Alter zwischen 18 und 25 Jahren, nämlich 84 Prozent, hält klassische Musik in all ihren Spielarten für ein »wichtiges kulturelles Erbe«. Die höheren Altersstufen toppen diesen Wert lediglich um magere vier Prozent. Alle weiteren Ergebnisse im Kontext Jugend und Klassik sind eher niederschmetternd.

Die meisten Jugendlichen urteilen über die Konzertangebote, sie seien zu lang, zu teuer, zu unbequem und zu unverständlich. Sie fühlen sich von einem elitär auftretenden Stammpublikum ausgegrenzt und in der vorherrschenden Atmosphäre unwohl. Außerdem kritisieren sie die Art und die Form, wie für Klassikevents oftmals geworben wird. Unterm Strich ergibt die Addition der einzelnen Punkte ein fatales Ergebnis. Nur jeder zehnte junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren war überhaupt schon einmal in seinem Leben Zuhörer in einem Klassikkonzert. Und es deutet nichts darauf hin, dass sich dieser Wert ohne gezielte Maßnahmen in absehbarer Zeit verbessern wird.

Nur jeder zehnte junge Erwachsene war schon einmal in einem Klassikkonzert

Diese Ergebnisse sind für a3kultur Grund genug, sich in den kommenden Ausgaben gezielt mit dem Verhältnis von Jugend und Klassik speziell in unserer Region auseinanderzusetzen. In einer losen Serie werden wir uns mit Programmmachern, Jugendlichen, Musiklehrern und Künstlern treffen und über das Thema sprechen. Den Anfang dieser Reihe macht Allan Bergius. Der Musiker ist zweiter Solocellist an der Bayerischen Staatsoper und leitet als Dirigent sowohl Attacca, das Jugendorchester dieser Münchner Institution, als auch seit bald zwei Jahren das vorwiegend vom Bezirk getragene Schwäbische Jugendsymphonieorchester (SJSO). Am 27. April wird er mit rund 100 Jugendlichen aus ganz Schwaben im Kongress am Park Sinfonien von Mahler und Mozart zur Aufführung bringen. Eine Woche später, am 3. Mai, gastiert das SJSO in kleinerer Besetzung im Rittersaal von Schloss Höchstädt mit Solokonzerten von Beethoven und Mozart.

Im Laufe unseres Gesprächs in der a3kultur-Redaktion wird rasch deutlich, dass es mindestens zwei dominierende Sichtweisen auf das Thema Jugend und Klassik gibt. Die eine Gruppe sorgt sich vor allem um das Publikum der Zukunft. Die andere beschäftigt vor allem die Situation der Jugendlichen, die selbst schon aktive Musiker sind oder werden wollen. Viele davon kommen aus einem musikalisch geprägten Elternhaus, sie genießen von Anfang an die spielerischen Varianten der Förderung, wie Allan Bergius erzählt. Er weiß, wovon er spricht, sein Vater war selber über lange Jahre Cellist im Orchester der Bayerischen Staatsoper. Ohne ein gewisses Engagement der Eltern ist eine fundierte musikalische Ausbildung von Kindern kaum zu schaffen. Dabei ist es allerdings nicht zwingend, dass die Kleinen familiär musikalisch »vorbelastet« sind. Talent kann auch erkannt werden, wenn die musikalischen Grundkenntnisse und Fähigkeiten sich noch in einem sehr frühen Stadium befinden. Wichtig ist die gezielte und kontinuierliche weitere Förderung. Bergius erzählt von einer jungen Geigerin, die mit einfachsten Grundkenntnissen bei Attacca vorspielte und trotzdem eine Chance in der Reihe der zweiten Geigen bekam. Nach nur vier Jahren war sie die Konzertmeisterin des Orchesters.

Doch auch diese Erfolgsgeschichte begann mit dem ersten Schritt. Wenn dieser nicht direkt im Elternhaus erfolgen kann, sind Kindergärten und Schulen gefragt, die Kinder in Sachen musikalischer Erziehung bei der Hand zu nehmen. Diese frühe Förderung fängt beim gemeinsamen Kennenlernen von Musik und den verschiedenen Instrumenten an, zieht sich über die ersten Besuche von Konzerten und mündet im besten Fall in das Erlebnis, selbst zu musizieren und Teil eines Klangkörpers zu werden. Viele Kultureinrichtungen legen erfolgreich Programme in diesem Kontext auf und stoßen damit auf riesigen Zuspruch. So sind die Kinderkonzerte im Theater Augsburg fast immer ausverkauft und auch langfristig angelegte Mitmachprojekte, wie sie beispielsweise von der Augsburger Einrichtung »Mehr Musik!« initiiert werden, erfreuen sich großer Beliebtheit. Nach Bergius Einschätzung arbeiten auch zahlreiche Schulen mit großem Engagement daran, ihren Schülern eine brauchbare, in manchen Fällen sogar gute musikalische Grundausbildung mit auf den Weg zu geben. Nicht zu unterschätzen sind auch die Leistungen, die von den zahlreichen öffentlichen Musikschulen und Vereinen sowie kirchlichen und privaten Einrichtungen erbracht werden. Allein die Singund Musikschule Mozartstadt Augsburg beschäftigt knapp 70 Pädagogen für ihre rund 2.600 Schüler.

Allerdings können das große Engagement und die starken Leistungen dieser Einrichtungen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es mit der musikalischen Ausbildung unserer Kinder im Allgemeinen und der Hinführung zur Klassik im Besonderen nicht zum Besten steht. Musikstunden werden zu Tausenden gestrichen und ministeriale Verirrungen wie das G8-Konzept lassen den Schülern kaum Raum für anspruchsvolle Leidenschaften wie das Musizieren. Für die Politik gilt Musikunterricht als Blümchenthema, das im Ernstfall zugunsten von Mathe oder Physik jederzeit zurückzustehen hat.

Ein gesundes Nebeneinander von Sport und Musik ist für Kinder einkommensschwacher Familien nicht vorgesehen

Lehrer sehen auch immer weniger Möglichkeiten, vor allem mit Schülern der höheren Klassen Theater und Konzerte zu besuchen. Die Gründe liegen oft in der gestiegenen Belastung der Lehrkräfte, der sie sich zunehmend ausgesetzt sehen, aber auch in den vermeintlichen Risiken bei Ausflügen im Klassenverband. Das heißt, viele Lehrer werden ihrer Schüler schon im Klassenzimmer kaum mehr Herr und scheuen ganz einfach den Feldversuch im Konzert- oder Theatersaal. Zu Unrecht, wie Musiker wie Allan Bergius aus eigener Erfahrung bestätigen können.

Als ernstes Hindernis für Jugendliche, den Weg zur Klassik zu finden erweisen, sich auch die immensen Kosten, die eine solche Ausbildung verursacht. Für 45 Minuten Einzelunterricht in der Woche an der Geige werden den Eltern an öffentlichen Einrichtungen jährlich Rechnungen in Höhe von gut 800 Euro präsentiert. Rechnet man die Leihgebühren oder gar die Anschaffungskosten für ein Instrument hinzu, kommt man spielend auf über 1.000 Euro – für ein Kind.

Für Familien mit wenig oder keinem finanziellen Spielraum bedeutet oft schon das Studium der Preislisten das Ende der musikalischen Karriere der Kinder. Über den monatlichen Zuschuss von zehn Euro, den das Sozialamt in solchen Fällen vorsieht, schütteln Branchenkenner nur den Kopf. Er wird in vielen Fällen vom damit verbundenen Verwaltungsaufwand verbrannt und kommt somit gar nicht wirklich bei den Schulen an. Außerdem müssen sich Kinder und Eltern entscheiden: entweder Singschule oder Fußballverein. Ein gesundes Nebeneinander von Sport und Musik ist für Kinder einkommensschwacher Familien nicht vorgesehen. Auch wenn es einige vorwiegend privat gestützte Fördervereine und Initiativen wie das Projekt »Kinderchancen« gibt. Diese Engagements leisten Einzelfallhilfe, können aber keinen generell breiteren Zugang zur Klassik schaffen, wie es beispielsweise Programme wie »Jedem Kind sein Instrument« in Nordrhein-Westfalen versuchen.

Man muss in diesem Kontext festhalten, dass bei der Frage, ob und wie Kinder und Jugendliche an Klassik herangeführt werden, die Antwort in allererster Linie darin zu finden ist, in welchem Milieu sie zu Hause sind. Dieser Faktor entscheidet weitgehend unabhängig von Talent, Herkunft oder Neigung, ob der Weg zu einem ersten Konzerterlebnis führt oder nicht. Neun von zehn Kindern scheint dieser Weg nach der eingangs zitierten Studie versperrt. Doch wie erleben Jugendliche, die diesen ersten Schritt gemacht haben, die Klassikszene?

Wer sich in den Konzertsälen unserer Region umschaut, wird erkennen, dass das Angebot breit gefächert ist und die unterschiedlichsten musikalischen Vorlieben bedient. Das Spektrum reicht von sehr alter Musik bis zur Uraufführung zeitgenössischer Werke. Die musikalische Qualität erstreckt sich über ein ebenso breites Feld. Die Konzerte der Augsburger Philharmoniker, die hier ansässigen Festivals und zahlreiche Einzelprogramme von den Domsingknaben bis zur Kammermatinee bieten das Jahr über Events von hohem, manchmal sogar höchstem Niveau. Ergänzt wird dieses Angebot durch eine Fülle von Laienkonzerten, oft unter professioneller Leitung, oder das reiche Programm des Leopold-Mozart- Zentrums (LMZ). Dieses sorgt übrigens für einen Genuss, der den Besucher nicht kostet. Die Konzerte des LMZ sind in der Regel gratis, ebenso wie die Mittagskonzerte beim Deutschen Mozartfest, das dieses Jahr vom 17. bis 25. Mai stattfindet.

Der Dresscode bei Klassikkonzerten in unserer Region variiert von piekfein bis T-Shirt, bietet Rentnerbeige in allen Variationen, zeigt Alpenländisches und andere beliebte Geschmacksverfehlungen. Cliquen bleiben unter sich. Hier unterscheiden sich Klassikfans kaum von Metallica-Hörern. Das Publikum klatscht meist an den heutzutage dafür vorgesehenen Stellen und quittiert Zuwiderhandlungen mit Snobismus, statt das eigene Tun einmal zu hinterfragen. Kein Umfeld also, das speziell auf Vorlieben Jugendlicher eingehen würde. Aber auch kein Ort, an dem man sich als 20-Jähriger wirklich fremd fühlen müsste.

Zum Schluss weist Allan Bergius noch auf einen Faktor hin, der es Jugendlichen oft unmöglich macht, einem Konzert beizuwohnen: »Vielen Jugendlichen fehlt die Fähigkeit, sich über einen längeren Zeitraum konzentrieren zu können. Sie haben einfach nicht die Geduld, um klassische Werke in ihrer Tiefe begreifen zu können. Darum würde es Sinn machen, kürzere Programme zu gestalten, die auch mit einer lockeren Atmosphäre überzeugen können. Klassik darf nicht zu einem Privileg werden.«

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