Theater & Bühne

Mensch vs. Kapital

Patrick Bellgardt
26. Februar 2018

Alexander Eisenachs Schauspiel führt in die Anfänge des Finanzkapitalismus, in den »Wilden Westen«, Entschuldigung … Western. »In eine Zeit, als der Todfeind des Menschen noch der Mensch war und nicht das Kapital«, wie Marisol (Daniela Nering) im Prolog klarstellt. Ganz im Sinne des Brechtschen Verfremdungseffekts ist die Bardame Erzählerin und Protagonistin zugleich. Immer wieder tritt sie aus der Handlung heraus und wendet sich an das Publikum.

Neben Marisol treiben der skrupellose Bandit Baxter (Florian Fisch), der ehemalige Kopfgeldjäger Sneaky Sam (Birgit Linner) und der korrupte Sheriff Logan (Jörg Schur) ihr Unwesen im kleinen Städtchen La Plata. Aus der Bahn geworfen werden sie durch das Erscheinen des mysteriösen Neuankömmlings Nomoney (Sarah Hieber). Eisenach nutzt klassische Motive des Westerngenres – von Glücksspielausschweifungen im Saloon über die Frage nach Recht und Ordnung bis hin zum Erscheinen des heldenhaften Fremden –, treibt sie ein Stück weit parodistisch auf die Spitze, um sie geschickt mit aktuellen politisch-ökonomischen Gegenwartsdiskursen zu verstricken.

Was soll das Starren auf den Goldpreis von heute, wenn man eine Wette auf den von morgen abschließen kann? Während Baxter leergeschöpfte Claims veräußert und sich am Weiterverkauf fauler Kredite bereichert (»Alles, was in meine Hände gerät, ist nichts mehr als eine Steuer auf die Ahnungslosigkeit«), hadert Sneaky Sam mit der Moderne: »Es muss doch um die Erweckung einer neuen Zukunft gehen. Einer Zukunft, die ihre Vergangenheit nicht lediglich als Berechnungsgrundlage zukünftiger Reichtümer betrachtet, sondern als Reservoir gesellschaftspolitischer Ideen.« Mit der Ankunft von Nomoney regt sich Widerstand: »Wenn man der ganzen Welt eingetrichtert haben wird, dass es nur auf das Kaufen ankommt, dass alle menschlichen Handlungen durch das Kaufen ersetzt werden können, […] dann ist der Konsum das Leben selbst.«

Der Regisseur des Abends, Sensemble-Leiter Sebastian Seidel, erweitert das Stück um einige musikalische Intermezzi. Die Songs stammen aus der Feder von Rainer Hartmann aka Rainer von Vielen, der als Ennio Morricone des Allgäus eine wunderbare Hommage auf den Italowestern liefert. Kleine Details, wie die Lucky-Luke-Comics lesende Marisol oder ein zeitweise bedrohlich blinkender Bankomat neben einem »Wanted«-Plakat, verfeinern die reizvolle Ausstattung.

»Der kalte Hauch des Geldes« bewegt sich irgendwo zwischen Kapitalismuskritik und Westernparodie, zwischen VWL-Vorlesung und Gesellschaftsutopie. Trotz dieser Fülle schafft es die Inszenierung dieses Gesamtpaket spannend und stilvoll zu verkaufen, was nicht zuletzt in der überzeugenden Leistung des fünfköpfigen Schauspielensembles begründet liegt.


Nächste Termine: 1., 9., 10., 16. und 17. März sowie weitere im April und Mai.

Im Rahmen der »Augsburger Literaturgespräche« am 26. Februar, 19:30 Uhr, ist Alexander Eisenach gemeinsam mit Stephanie Waldow (Universität Augsburg), Stefanie Wirsching (Augsburger Allgemeine) und Sebastian Seidel im Sensemble Theater zu Gast.

www.sensemble.de
www.brechtfestival.de

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