Tanz

Mensch und Maschine im Bewegungsspielraum

Bettina Kohlen
15. September 2021

Die erste Premiere der neuen Spielzeit des Staatstheaters setzt digitale Zeichen mit einer VR-Brillen-Produktion, dem Ballett »kinesphere«.


In einer großen Industriehalle agiert eine Gruppe von Tänzer*innen in ritualisierten gleichgeschalteten Bewegungen, sie nähern sich dabei immer wieder einem seltsamen Wesen, halten aber skeptisch Abstand. Dieses Ding, ein orangefarbener Industrieroboter, führt seinen langen Arm in weichen komplexen Bewegungen um sich herum, die in ihrer biomorphen Attitüde reizvoll mit der Maschinenhaftigkeit der Tänzer*innen kontrastieren. Die Titelgebende Kinesphäre bezeichnet den Raum, den ein Körper mit seinen Extremitäten umschreiben kann. Doch im Gegensatz zu jenen, die sich in der Bewegung den Raum erobern, kann der Roboter auf seinem Standfuß lediglich im Rahmen seiner Greifweite agieren. Maschine und Gruppe wahren Distanz zueinander, aber was ist mit dieser etwas mysteriösen Gestalt in einem martialischen schwarzen Mantel? Die Wissenschaftlerin (Gabriele Zozete Finardi) hat eine spezielle Beziehung zu diesem zurückgelassenen Roboter, sie umgarnt das Ding in einem gelenkigen Pas de Deux, dominiert es, steuert es. Oder doch nicht so ganz?

Die strenge Choreografie, deren repetitive Bewegungen sich maschinenhaft synchron zeigen, weckt nicht nur freundliche Gefühle, der Tanz mit der Maschine ist beileibe kein unbeschwertes Spiel, sondern ruft vage dystopische Assoziationen wie Fritz Langs Film Metropolis, aber auch archaische Muster wie in Le Sacre du Printemps hervor.

 

© Jan-Pieter Fuhr

Die speziell für die VR-Brille konzipierte Produktion »kinesphere« lässt die Zuschauer*innen nicht außen vor, sondern packt sie mitten ins Geschehen: Blickkontakt, das Gefühl, gleich umgerannt zu werden, die Nähe zu den Tänzer*innen lassen ein außergewöhnlich intensives Theatererlebnis wachsen, bei dem nicht nur auf der Bühne, vor den Augen der Besucher*innen etwas passiert, sondern rundherum. Zudem ändert sich immer mal wieder der Standort der 360°-Kamera und damit der virtuelle Standort der Beobachter*in. Bewegung, zumindest auf einem Drehstuhl, ist demnach nicht nur für die Compagnie angesagt, sondern auch für das Publikum, das auf diese Weise eine eindrucksvolle immersive Erfahrung machen kann.

Den Tanzabend »kinesphere« kann Jede*r sich jederzeit nach Hause bestellen, die entsprechende VR-Brille wird via boxbote geliefert und auch wieder abgeholt.

www.staatstheater-augsburg.de | kinesphere. Ein Mensch-Maschine-Tanzabend | www.boxbote.de/augsburg/city-shop/staatstheater-augsburg

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