Tanz

»Mein Herz ist wie erstorben«

Renate Baumille...
2. November 2020

Es war schon befremdlich, als sich nach 90 Minuten das gesamte Produktionsteam in gespenstischer Stille vor dem anonym gebliebenen Publikum verbeugte und sich den verdienten Beifall vorstellen musste. Gleich auf zwei Kanälen konnte man sich die getanzte »Winterreise«, die Ricardo Fernando zum Auftakt der Saison als Uraufführung herausbrachte, auf seinem heimischen Bildschirm ansehen. Zeitgleich zur Übertragung auf der Homepage des Staatstheaters wurde erstmals auch über die Streaming-Plattform Twitch ausgestrahlt, wo dank eines zusätzlichen Bild- und Tonkanals der Austausch zwischen dem Theater und der Community dieser Streaming-Plattform möglich wurde.

Tina Lorenz, Projektleiterin für Digitale Entwicklung plauderte bei einem Glas Wein mit Dramaturgin Vera Gertz über Details der Inszenierung, während sich am rechten Bildrand die registrierten Besucher in eher wenig sachlich-fachlichen Kommentaren übten – einig waren sich die rund 2500 Twitch-User zumindest am Ende darüber, dass es herzzerreißend sein muss, auf den Applaus zu verzichten! Einigkeit herrscht sicher auch in Bezug auf die Lösung, die man jetzt gefunden hatte, um die lang ersehnte Ballettpremiere überhaupt öffentlich sichtbar zu machen: Der Live-Stream war eine Win-Win-Sitution für das Staatstheater und unzählige Tanztheaterfans, die andernfalls nur extrem schwer oder gar nicht an ein Theaterticket gekommen wären, selbst wenn die etwas starre Kameraführung mit Fokus auf die Totale und den zwei bis drei Schwenks auf eine merkwürdige Orchesterperspektive optimierbar gewesen wäre.

Franz Schuberts romantischer Liederzyklus, der 1828 nur kurz vor dessen Tod erstmals veröffentlicht wurde, scheint in der Tat das Werk zur aktuellen Pandemie-Gestimmtheit. Denn bereits im ersten, mit »Gute Nacht« überschriebenen Lied, klagt der in die Fremde entlassene Wanderer: »Nun ist die Welt so trübe, der Weg gehüllt in Schnee« – wenig später heißt es im Lied »Erstarrung«: »Mein Herz ist wie erstorben.«

Ricardo Fernando stellte den Tenor Jacques le Roux als eine Art Zeitreisenden überpräsent ins Bühnengeschehen seiner im zeitgenössischen Vokabular geschaffenen Choreografie. Einmal mehr, und da entsprach er dem Inhalt des Kunstliedzyklus‘, verzichtete er auf eine konkrete Handlung und spürte assoziativ und in bildhaften Momenten der eisigen Reise ins Innere des trauernden und am Ende Versöhnung suchenden Protagonisten nach. Ewig kreisend suchte der Sänger seinen Platz, kam nicht wirklich von der Stelle, verweilte im unwirtlichen, verfallenen, einst Heimat gewesenen Terrain, in dem sich ein kahler Baum in den Vordergrund schob, und besann sich auf die Erinnerungen an die verlorene Liebe. Mit Blick auf den »Totenacker« und in der Konfrontation mit den futuristisch anmutenden Allegorien des Todes in Rot und Weiß fügte er sich letztlich in das Dunkle seines Schicksals.

Stimmlich kostete Le Roux virtuos die emotionale Wucht der 24 Lieder in all ihren Schattierungen aus, ließ phasenweise jedoch seinem Operninstinkt (zu) viel Raum. Die geniale kammermusikalische Version, mit der Hans Zender die vielschichtige Atmosphäre des originalen Klaviersatzes zur orchestralen Mega-Performance macht und in zeitlose Klangdimensionen katapultiert, beanspruchte im positiven Sinn den Großteil der Aufmerksamkeit – superb gemeistert von den Augsburger Philharmonikern unter ihrem Chef Domonkos Héja! –, so dass das choreografierte Geschehen auf der Bühne arg ins Hintertreffen oder zur choreografisch meist wenig Abwechslung bringenden Illustration geriet.

In jedem Fall aber trickste Ricardo Fernando die Abstandsgebote mit seiner Version der »Winterreise« clever aus, fokussierte sich auf ästhetisch feinsinnige Soli-und Duopassagen. In den wenigen Ensemblesequenzen agierten die Tänzer*innen seiner achtzehnköpfigen Company als empathische Mit-»Wanderer«, die ebenso geheimnisvoll auftauchten wie sie alsbald im nebulös bleibenden Exil verschwanden. Ein Highlight pirschte mit Goncalo Martins da Silvas grandiosem Hirsch-Solo heran, in dem dank körpersprachlicher Exaltiertheit überaus einfallsreich endlich auch tänzerisch »Die Post« abging! Auch die »Krähe« oder das energiereiche Männer-Duo, das in der »Täuschung« die Verlockung der tanzenden Lichter nachempfand, blieben in Erinnerung. Einen prominenten Part in der Tanztheaterproduktion, die hoffentlich live erlebt stärker berühren wird, übernahmen diesmal fraglos die opulenten Kreationen des Magdeburger Kostümbildners Stephan Stanisic, der wenig Hehl aus seinem Faible für Haute Couture zum Beispiel aus dem Hause Thierry Mugler machte und die diversen Natur-und Zwischenweltwesen mit Laufsteg-würdigem Kopf-und Körper-Putz ausstattete.

Details zum Spielplan ab Dezember auf www.staatstheater-augsburg.de

Foto: Jan-Pieter Fuhr

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