Klassik

Eine Machtdemonstration

Gast
14. Mai 2018

Was ist »typisch russisch«? Über diese Frage war sich nicht einmal die russische Komponistengruppe, genannt »Das mächtige Häuflein«, einig, die sich im 19. Jahrhundert zum Ziel setzte, der »Verwestlichung« von Musik einen »natürlich-russischen Stil« entgegenzustellen. Bereits nach wenigen Jahren löste sich die Bewegung wieder auf. Was blieb, waren signifikante Kompositionen. Das Matineekonzert der Augsburger Philharmoniker im Rahmen des Mozartfestes am Christi-Himmelfahrts-Feiertag gab ein eindrucksvolles Zeugnis davon.

Zur Wahl des Konzertortes kann man nur gratulieren. Unerwartet passgenau fühlt man sich im Goldenen Saal des Rathauses in eine opulente Kreml-Atmosphäre versetzt, die Wirkung dieser Musik funktioniert hiermit erstaunlich gut. Gleich zu Beginn, in der »Walzer-Fantasie h moll« von Michail Glinka, werden sämtliche russische Klang-Klischees bedient: Romantisch, opulent, in diesem Fall mit deutlichen Walzeranklängen gespickte »Feiertagsmusik«, verpackt in das melodische Gewand russisch-folkloristischer Harmonik. Trotz der bekannt schwierigen Akustik des Goldenen Saales gelang den Augsburger Philharmonikern eine erstaunlich differenzierte und transparente Interpretation, selbst die vielen zitatartigen Themen in den einzelnen Instrumentengruppen wurden nicht vom Raumklang verschluckt. Generalmusikdirektor Domokos Héja ließ dankenswerterweise genug »Platz zum Atmen« – seinen Musikern und der Überakustik des Saales.

Eine Eigenschaft, die der »Sinfonietta über russische Themen, op. 31« von Nikolai Rimski-Korsakow sehr zugute kam. Auch hier ein Feuerwerk an charakteristischen Elementen, die man in Summe ohne Bedenken als »russischen Stil der Romantik« bezeichnen kann: musikalische Lautmalereien, ineinander verflochtene, teilweise polyphon verarbeitete Themen zwischen den Intrumentengruppen, fanfarenartige Sequenzen, opernhafte und wieder dramatisch-folkloristische Momente. Im dritten Satz, dem »Scherzo-Finale«, gelingt den Philharmonikern eine ausgezeichnet fragile Interpretation »vieler schneller Noten« im tänzerischen Stil der Satzbezeichnung »Vivo«.

Höhepunkt des Vormittags: Alexander Glasunows romantisch-verklärtes »Konzert für Violine und Orchester a-Moll op. 82« von 1904, und die Frage, warum es nicht auch den Bekanntheitsgrad eines Tschaikowsky-D-Dur-Konzertes erlangt hat.

ARD-Preisträgerin Sarah Christian (Foto: Giorgia Bertazzi) trifft den russischen Schmelz des Werkes mit dem warmen und in der Tiefe geradezu betörenden Klang ihrer Geige phänomenal. Beeindruckende Emotionalität, Klangfülle und energische Virtuosität kennzeichnen das Spiel der Augsburgerin, die mittlerweile auch auf den großen Bühnen der Welt zu hören ist. Hin und wieder hätte man sich mehr Zurückhaltung des Orchesters gewünscht – dessen opulente Klangfülle verdeckte leider an manchen Stellen die Solistin. Unter dem Dach des Mozartfestmottos »Machtspiele« aber war diese Matinee eine gewaltige Demonstration von Macht – in diesem Fall der Macht von Musik, Menschen in ihren Bann zu ziehen. (Iris Steiner)

www.mozartstadt.de

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