Theater & Bühne

Liebe und Hass in Pink

a3kultur-Redaktion

Das Volkstheater München eröffnete die Saison im neuen Theaterhaus mit »Edward II.«

Der Zuschauerraum der Bühne 1 des neu eröffneten Volkstheaters in der Tumblingerstraße riecht noch neu, die Sitze sind noch nicht platt gesessen und die Atmosphäre ist sehr euphorisch. Dort werden von dem neuen Gebäude Fotos geschossen, hier eine Extratour in alle Stockwerke gedreht und vor dem Eingang ins Haus sammeln sich die vielen Theaterbegeisterten und etliche Neugierige. Eine Dame sucht sogar per Schild noch nach einer käuflich zu erwerbenden Theaterkarte, als wären wir bei einem Rolling-Stones-Konzert. Es läuft noch nicht alles ganz rund, vielleicht ist auch so der Einsatz von Intendant Christian Stückl bei der Einlass- bzw. 3G-plus-Kontrolle zu erklären, oder aber der Typ ist wirklich so entspannt, wie er wirkt, und sich für das Einfache nicht zu schade. Die ältere Dame, die von ihm ihr Einlassbändchen um den Arm gelegt bekommt, ist sichtlich überrascht: »Es ist eine Ehre, von Ihnen kontrolliert zu werden!« Stückl senkt nur verlegen den Kopf und schenkt der nervösen Zuschauerin ein Lächeln. Die Schlange vor dem Getränkestand, der nur mit zwei Personen besetzt war, zog sich im Foyer des Theaters leider durch den halben Raum. Unterstützung wäre hilfreich gewesen, aber Stückl kann ja nicht überall sein.

Auf der Bühne zu sehen war Christopher Mar-lowes »Edward II.« in der Regie von Multitalent Christian Stückl. Das zweistündige Stück erzählt die Geschichte einer Liebe zwischen zwei Männern und vom Hass der anderen. König Edward II. besteigt nach dem Tod seines Vaters den Thron und macht sich gleich darauf bei seiner Gefolgschaft unbeliebt, bringt scheinbar die ganze Welt gegen sich auf. Edward liebt einen Mann, Gaveston, den er an seinen Hof holt, ihn mit Geld und Titeln überhäuft und ihn zu seiner rechten Hand macht. Hasserfüllt tritt der Hof dem Paar von nun an entgegen, Edwards Ehefrau Isabella bangt um ihre Familie, die Adeligen um ihre Macht und die Kirche, personifiziert durch den Erzbischof von Canterbury, um ihre Prinzipien. Unter deren Druck knickt Edward letztlich ein und schickt seinen Geliebten fort. Die Beziehungen am Königshof sind aber nicht mehr zu retten und schließlich verpasst die gedemütigte Ehefrau ihrem Mann den symbolischen Dolchstoß.

Stückl lässt seine Schauspieler*innen auf einer Drehbühne agieren, die eine temporeiche Bildfolge ohne Zwischenvorhänge ermöglicht. Die Bühne ist nach hinten und oben hin offen, so lassen sich eventuell auch die nach dem Premieren-abend kritisierten Akustikprobleme erklären. Ein Metallgerüst mit pinken und weißen Neonlichtern steht im Zentrum des Geschehens und wird von den Schauspieler*innen von Szene zu Szene durchwandert. Alles ist in Pink gehalten, von der Badewanne über die Handtücher bis hin zu den Kostümen der Protagonist*innen. Stückl konzentriert sich in seiner Inszenierung vor allem auf die Stigmatisierung der Homosexualität des Königs. Der englische Königshof wird durch die Vorlieben des Königs zerrüttet. Spannend und modern erzählt er die Geschichte des schwulen Königs, der starke Ähnlichkeiten mit dem jungen Ludwig II. von Bayern hat, und von der Machtgier des Adels und der Kirche, sodass man fast vergessen könnte, dass man sich inmitten eines realen Dramas aus dem 14. Jahrhundert befindet.

Homosexualität war im Mittelalter, so wie leider noch in vielen Ländern heutzutage, eine Sünde wider Gott. Edward II. war ein unkonventioneller König, er bevorzugte die Gesellschaft von Künstler*innen und Menschen »niederer Berufe«. Neben der Tatsache, dass er Günstlingswirtschaft betrieb, war er aber auch ein erfolgloser Herrscher. Zahlreiche schmachvolle militärische Niederlagen, vor allem gegen die unbeugsamen Schotten, führten zu Unmut und Missgunst im englischen Adel und der Bevölkerung. Isabella, gedemütigt durch die zahlreichen Männerbeziehungen ihres Mannes, verbündet sich letztlich mit den Kritikern von Edward II., mit dem Ziel, ihren Mann zu entthronen. Bei einer für sie günstigen Gelegenheit schafft sie sich ein Söldnerherr, die Adeligen laufen zu ihr über, Edward wird festgenommen und verliert die Krone. Edward starb letztlich einen grausamen Tod: Er wurde mit einem glühenden Eisen zu Tode gepfählt.

Fazit des Abends: Das neue Volkstheater und auch »Edward II.« ist definitiv eine Fahrt nach München wert, ein Blick in das Programmheft sowie die Geschichtsbücher ist sehr zu empfehlen, und: Leg dich nicht mit Isabella an!

www.muenchner-volkstheater.de