Klassik

Lebenszyklen

Renate Baumille...
8. Oktober 2019
Lebenszyklen

Schon allein der Blick auf das vor dem Orchester installierte Instrumentenarsenal steigerte die Spannung und Vorfreude auf das erst im März 2019 in Dresden uraufgeführte „Concerto für Schlagzeug und Orchester op.77“ aus der Feder des türkischen Pianisten und Komponisten Fazil Say. Und natürlich auf den Solisten, dem dieses Werk gewidmet ist, für dessen Ausnahmekönnen es geschrieben wurde: Martin Grubinger, d e r Megastar der (klassischen) Perkussion!

Da hatte die an den Konzertauftakt gesetzte Sinfonische Dichtung „Les Préludes“ von Liszt zwangsläufig das Nachsehen. So betörend farbig und mit aller Konsequenz sich die Augsburger Philharmoniker dem Dirigat ihres GMD Héja auch anschlossen, um mit Liszt in seinem lyrisch inspiriertem Werk das in Wellen aufbrandende Nachsinnen über den wechselhaften Verlauf des Lebens zu erkunden - man wartete (zu) ungeduldig auf den Auftritt von Martin Grubinger.

Der kam, sprach erstmal, spielte dann mit dem Waterphone, mit Rototoms und Pauken, mit Vibraphon und Röhrenglocken sowie mit Marimbafon und Boobams (Bambusröhren mit gespannten Membranen) und siegte in vier Sätzen! Mehr noch, er riss die Hörer in der ausverkauften Kongresshalle förmlich mit seiner bewegten Performance der rhythmischen Extra-Klasse von den Sitzen und belohnte die Ovationen nach dem „Concerto“ mit seiner immer wieder verblüffenden Extra-Portion Drumstick-Magie, um dann mit einer Bach-Zugabe auf dem Marimbafon die Pause anzuhauchen. Grubinger wäre nicht der anerkannte Virtuose, wenn er seine Auftritte auf eine reine „One-Man-Perkussions-Show“ reduzieren würde. So ließ er ausreichend Raum für die orchestralen Parts und die sich allmählich entfaltende Struktur der Komposition, die zu Beginn ein wenig an Bernsteins West-Side-Story erinnerte, um dann immer tiefer und mit tänzerisch-folkloristischen Elementen in das umtriebige Istanbuler Lebensgefühl einzutauchen.

Wer glaubte, er könne sich nach der Pause entspannt zurücklehnen, um das kostbar-coole Grubinger-Erlebnis zu verdauen, wurde dank und mit Richard Strauss‘ Tondichtung „Ein Heldenleben“ eines sehr viel Besseren belehrt. Ob es sich hier – wie vielfach interpretiert – um „eitle Selbstbespiegelung“, ein „Stück eigener Seelengeschichte" oder um eine äußerst komplexe musikalische Nachsinnen über die Aspekte des Heroischen an sich mit Bezug zu Beethovens Sinfonie handelt… Der Hörer ging mit dem um zahlreiche Gäste verstärkten und fulminant spielenden Orchester (verdiente Bravi galten Konzertmeisterin Jung-Eun Shin, die ihre Soloparts mit bestechender Hingabe meisterte!) auf eine emotionale Tour de Force, in der sich das Konzertmotto „Lebenszyklen“ funkelnd und machtvoll erschloss. Wie soll man solch einen fantastischen Spielzeitauftakt noch toppen?

www.staatstheater-augsburg.de

Weitere Positionen

25. Oktober 2021 - 10:26 | Juliana Hazoth

Am Sonntag, den 17. Oktober konnte das Junge Theater Augsburg mit »Unter einem Dach?« nach pandemiebedingten Verschiebungen nun endlich Premiere feiern.

25. Oktober 2021 - 10:19 | Renate Baumiller-Guggenberger

Lange mussten die Zuschauer*innen auf die Premiere von »In der Strafkolonie« warten – nun ging sie endlich über die Bühne.

21. Oktober 2021 - 14:00 | Jürgen Kannler

Der erfreuliche Fund von 15 Kilogramm römischer Silbermünzen bringt die Augsburger Politik einmal mehr in Verlegenheit.

18. Oktober 2021 - 16:29 | Sophia Colnago

In der ersten Folge des neuen Podcasts »Lisa & me« geht es um das Gaswerkquartier und die Umsetzung von Kreativraum für Künstler*innen.

18. Oktober 2021 - 15:26 | Sarvara Urunova

Am Wochenende wurde das Mozartfest feierlich eröffnet.

16. Oktober 2021 - 9:00 | Bettina Kohlen

Gerold Sauter arbeitet ausschließlich mit Metall. Als Künstler, Handwerker und Unternehmer gelingen ihm immer wieder überzeugende Lösungen für das ganz Spezielle … Ein Portrait

15. Oktober 2021 - 10:00 | Gast

Seit Juni läuft im tim die Schau »Who cares? Solidarität neu entdecken«. Jürgen Kerner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, nahm zum Ausstellungsstart in einer Rede Stellung zum Thema Solidarität. Hier seine Rede in Auszügen.

15. Oktober 2021 - 9:00 | Anna Hahn

Das Volkstheater München eröffnet die Spielzeit im Theaterneubau im Schlachthofviertel. Beim Bau blieb man in der veranschlagten Bauzeit und im vorgegebenen Budget von 131 Millionen Euro.

14. Oktober 2021 - 11:18 | Jürgen Kannler

Noch vor den Sommerferien traf a3kultur-Chefredakteur Jürgen Kannler den Augsburger Kulturreferenten Jürgen Enninger und den Kulturpark-West-Geschäftsführer Peter Bommas zum gemeinsamen Interview. Das ist ein Novum.

14. Oktober 2021 - 10:32 | Renate Baumiller-Guggenberger

Am Samstag startete die dreiteilig konzipierte Reihe »Zukunft(s)musik« des Staatstheaters im MAN-Museum. Unter der Leitung von GMD Domonkos Héja vermittelten die vier ausgewählten Werke eindrucksvoll die kompositorische Bandbreite, die hörbaren Gegensätze und das visionäre Vermögen des 2006 in Wien gestorbenen György Ligeti.