Theater & Bühne

Lauschiges Plätzchen

Patrick Bellgardt
10. November 2017

Auf der grünen Wiese hinter dem Kulturhaus abraxas steht das Märchenzelt. Seit 22 Jahren lockt das schwarze Zelt nach Art der mongolischen Jurten Groß und Klein zum Lauschen und Staunen um das flackernde Licht der Feuerstelle. In unserer Kulturregion ist das von Matthias Fischer (Foto) gegründete Erzähltheater längst eine Institution. Über 300 Aufführungen im Jahr stehen alleine in der festen Spielstätte in Kriegshaber auf dem Programm. Hinzu kommen rund 50 Gastspiele im gesamten deutschsprachigen Raum. Mit einem eigenen mobilen Märchenzelt besuchen Fischer und sein Team Kindergärten und Schulen ebenso wie historische Feste, Weihnachtsmärkte oder sonstige private oder öffentliche Events.

Matthias Fischers Leidenschaft gilt der gesprochenen Sprache, vor allem altüberlieferten Volksmärchen aus aller Welt. Lange vor dem Märchenzelt begann der Sprecherzieher und ehemalige Rundfunkmoderator mit dem Vorlesen von Geschichten und Rezitieren von Gedichten. Die Fantasie anzuregen, Bilder entstehen zu lassen, die Menschen zu berühren – all das fasziniert Fischer noch heute. Die Nachfrage nach Auftritten stieg, aus dem Hobby entwickelte sich eine berufliche Perspektive. 1995 erblickte schließlich das Märchenzelt das Licht der Welt. Damals besaß diese Form des Erzähltheaters einen eher exotischen Charakter. Dies hat sich gewandelt – auch ein Verdienst der Arbeit Fischers und seiner Truppe. Zehn Erzähler sind derzeit frei für das Märchenzelt tätig.

Das Angebot ist breit gefächert und spricht alle Altersgruppen an. Bei den Kleinsten zwischen drei und sechs Jahren stehen mitmachorientierte Märchen hoch im Kurs. Dabei sind keineswegs die Klassiker der Brüder Grimm ganz oben auf der Wunschliste – vor allem unbekanntere Geschichten lassen die Kinderherzen höherschlagen. Ebenso sind jahreszeitlich passende Erzählungen wie beispielsweise zu Ostern, Halloween und Weihnachten sehr beliebt. Das Repertoire ist riesig, auch für erwachsene Besucher wird vielfältige Unterhaltung geboten. So gibt es zwischen den Märchen schon mal eine Glühweinprobe, Bratäpfel und Stockbrot werden direkt am Lagerfeuer zubereitet.

Im November feiert das Märchenzelt die Premiere von »Ox und Esel« (Regie: Caroline Ghanipour). Das Stück, eine humorvolle Weihnachtsgeschichte für alle ab fünf Jahren, ist eine Kooperation mit dem ebenfalls im Kulturhaus abraxas beheimateten Theater Fritz und Freunde. Matthias Fischer, der die Komödie gemeinsam mit Fritz Weinert auf die Bühne bringen wird, stellt sich damit einer Herausforderung der angenehmen Art: ein Schauspiel einzuproben und eng mit einer Regisseurin zusammenzuarbeiten – kein alltägliches Geschäft für den erfahrenen Erzähler. Doch die Übergänge sind fließend. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich Fischer der 2016 formierten, solidarisch angelegten Lobbygruppe der freien Theater in Augsburg anschloss, um gemeinsam ihre Etatforderungen zu präsentieren. Inzwischen erhält das Märchenzelt 20.000 Euro städtische Förderung pro Jahr.

»Ox und Esel« feiert am 18. November um 17 Uhr Premiere im Kulturhaus abraxas. Bereits am 17. November gibt es um 9 und 10:30 Uhr eine Vorpremiere für Kindergärten und Schulen. Weitere Termine: 3. (11, 15 und 17 Uhr),  4. (9 und 10:30 Uhr, für Kindergärten und Schulen), 5. (9 und 10:30 Uhr, für Kindergärten und Schulen), 15. (20 Uhr), 22. (15 Uhr), 23. (15 und 17 Uhr) und 27. Dezember (15 und 17 Uhr).
www.maerchenzelt.de

Weitere Positionen

17. Mai 2022 - 13:23 | Manuel Schedl

Helmut Kohl, Udo Lindenberg oder namenlose Bürger*in – die Fotografien eines Daniel Biskup erzählen Geschichte und Geschichten, immer ganz nah am Menschen.

17. Mai 2022 - 12:45 | Juliana Hazoth

Am 15. Mai wurde erstmalig der Popliteraturpreis vergeben. Die Jury zeichnete den Autoren Alard von Kittlitz mit seinem Roman »Sonder« aus.

Stasikomödie
17. Mai 2022 - 7:00 | Thomas Ferstl

In »Stasikomödie« begibt sich der erfolgreiche Romanautor Ludger Fuchs durch seine Stasi-Akte auf die Spuren seiner Vergangenheit. Ein Brief in den Akten wird dabei zum Wendepunkt.

Volker auf der Bühne
16. Mai 2022 - 8:00 | Sophia Colnago

Was die Digitalisierung und neue Technologien mit Kulturbetrieben macht gibt es jetzt zum Nachhören: Volker Bogatski bei der »Lagebesprechungen – für alle!«

16. Mai 2022 - 8:00 | Jürgen Kannler

Nach fast genau 21 Jahren steht in Augsburg endlich wieder eine Schau mit Arbeiten von Martin Eder auf dem Programm. Er ist der mit Abstand bekannteste zeitgenössische Künstler mit Wurzeln in unserer Region. Seit dem 3. April präsentiert die Künstlervereinigung »Die Ecke e.V.« seine Ausstellung »Moloch« in der Halle 1 im Glaspalast. Ein guter Anlass für unser Interview.

13. Mai 2022 - 18:00 | Juliana Hazoth

Ein wenig ratlos sitzt man nach den ersten Seiten von »Sonder« vor dem Roman, entzieht er sich anfangs doch jeglicher klaren Einordnung.

13. Mai 2022 - 10:22 | Anna Hahn

Das Junge Theater Augsburg feierte mit seiner Jungen Bürger*innenbühne Premiere. Im Mittelpunkt stand Europa, die EU und zehn junge Darsteller*innen, die mit viel Spielfreude und ihren eigenen Geschichten diesen Abend zu etwas ganz Besonderem machten.

Susanne auf der Bühne
13. Mai 2022 - 8:00 | Sophia Colnago

Den Vortrag von Susanne Reng zur Lage der 13 freien Theater in Augsburg bei den »Lagebesprechungen – für alle!« und die Diskussion gibt es jetzt auch digital zum Nachhören

12. Mai 2022 - 20:00 | Juliana Hazoth

Mithu M. Sanyals Debütroman ist eine Wucht. »Identitti« strotzt vor intellektueller und emotionaler Sprengkraft, fängt dabei den Zeitgeist ein wie kein zweiter Roman.

12. Mai 2022 - 10:59 | Renate Baumiller-Guggenberger

Der in Neuburg lebende, bei Augsburg und in München aufgewachsene Komponist Tobias PM Schneid (*1963) ist gespannt auf die Uraufführung seiner »Symphony No.4«, die am 16./17. Mai unter der musikalischen Leitung von Augsburgs GMD Domonkos Héja im Rahmen der Sinfoniekonzerte der Augsburger Philharmoniker im Kongress am Park mitzuerleben ist. a3kultur traf ihn zum Interview.