Politik & Gesellschaft

Kein Grund zur Euphorie

Gast
11. März 2021

Seit dem Abzug der amerikanischen Besatzung aus dem Sheridan-Gelände in Pfersee, welches während des Krieges als Außenlager des KZ Dachau diente, herrscht ein verbissener Konflikt um die Nutzung des Gebäudes. Das Versäumnis, an die NS-Zeit sowie an Zwangsarbeit in Augsburg zu erinnern, scheint nur schleppend nachgeholt zu werden. Ermüdend ist das vor allem für diejenigen, die sich schon seit den 1990er-Jahren dafür einsetzen.

Nach über zwei Jahrzehnten Konflikt um die Halle 116 kommt man nicht umhin zu fragen: Gibt es hier ein systematisches Problem?

In meiner Abschlussarbeit habe ich versucht, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Denn es fehlt nicht nur in der Halle 116 eine Sichtbarmachung der NS-Geschichte, es fehlt auch an vielen anderen Ecken der Stadt. Der Umgang mit dem Ort reihte sich vorerst in die westdeutsche Tradition des Erinnerns bzw. des Nichterinnerns ein. Die ersten Engagierten, wie Wolfgang Kucera oder Reiner Erben, mussten überhaupt noch den Erhalt des Gebäudes sichern. Auch die Halle 116 sollte, so der Bauausschuss der Stadt in den 1990er-Jahren, abgerissen werden. Mit dem Besuch einiger Zeitzeug*innen, welche nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die Möglichkeit hatten, Kontakt zur Gedenkstätte Dachau aufzunehmen, und somit auch nach Augsburg kamen, änderte sich das Bewusstsein für den Ort. Der ehemalige Tatort blieb vorerst bestehen. Demgegenüber stand jedoch, beginnend in den 2000er-Jahren, der Kampf um Entschädigung. Dies betraf auch einige Augsburger Firmen, hatte Augsburg während des Zweiten Weltkrieges doch mit Firmen wie Messerschmitt, aber auch MAN erheblich zur Rüstungsindustrie beigetragen. Wolfgang Kucera, Reiner Erben und Claudia Roth engagierten sich zusammen mit der Geschichtswerkstatt Augsburg und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) für eine Aufklärung. Der Kulturbereich der Stadtverwaltung glänzte mit Desinteresse. Die Halle 116 sollte, wenn überhaupt, ein Nullsummenspiel werden. Einen Ort wie diesen zu finanzieren schien keine Möglichkeit zu sein, erinnert sich Kucera bei unserem Gespräch 2018.

Augsburg kann sich nicht freisprechen vom Problem des aufsteigenden Rechtsradikalismus

An dieser Stelle ist es wichtig, sich der Augsburger Geschichtsidentität zu stellen. Eine Stadt, und daran ist tendenziell nichts auszusetzen, konstruiert für sich eine historische Identität, meistens eine, auf die sie stolz sein möchte. So sind wir als Augsburger*innen verbunden mit Familie Oehmichen (wobei auch hier über Walter Oehmichens NS-Vergangenheit wenig gesprochen wird) und der Puppenkiste. Auch der Religionsfrieden und Bertolt Brecht, die Augsburg als Grund für viele schöne Projekte nutzt, gehören dazu. Dass im Stadtmarketing der »Mozartstadt« ab und an Leopolds Vorname verschluckt wird, gefällt Wolfgang Amadeus’ Geburtsstadt Salzburg vermutlich nicht besonders. Wirklich schwierig wird es mit der historischen Stadtidentität jedoch, wenn Ereignisse von großem Ausmaß verschwiegen werden. Und das passiert heute noch bei der NS-Vergangenheit. Sich einer Täterschaft zu stellen mag im ersten Moment schwierig sein, die Konsequenz und vor allem die Erkenntnis daraus kann jedoch eine große Chance für eine Weiterentwicklung sein. Hinzu kommt beim Thema Nationalsozialismus eine Verantwortung, der es sich zu stellen gilt. Augsburg kann sich nicht freisprechen vom Problem des aufsteigenden Rechtsradikalismus. Das zeigen nicht nur die vielen Hakenkreuzritzereien in der Synagoge in der Innenstadt, sondern auch die politische Präsenz der AfD. Eine Querdenker-Demo bleibt abzuwarten.

Und was hat nun die Halle 116 damit zu tun? Sie ist diese Chance. Die Chance, sich der Verantwortung und der Täterschaft zu stellen und Augsburg endlich einen Ort zu geben, an dem diese Themen sichtbar gemacht werden.

Nachdem die große Garage vor dem Abriss gesichert war, entstand ein neues Problem: Wie soll sie gestaltet und finanziert werden? Es kamen zudem auch noch einige weitere Interessengruppen dazu, welche Anspruch auf den Ort erhoben. Abgesehen von den Investoren für den Komplex Sheridan-Gelände, welche neue Baupläne einreichten, gründete sich 2001 aus der ehemaligen Initiative für Entschädigung von Zwangsarbeit in Augsburg die Initiative Gedenkort Halle 116. Auch der Verein Amerika in Augsburg sammelte wichtige historische Zeugnisse zum Ort für eine spätere Ausstellung. Zur Einigung ihrer Ziele und nach einer Reihe von Auseinandersetzungen wurde 2012 ein Konzept von der Augsburger Gesellschaft für Stadtentwicklung und Immobilienbetreuung, kurz AGS, für die Entwicklung eines musealen Konzepts an Prof. Philipp Gassert in Auftrag gegeben. Außerdem wurde ein wissenschaftlicher Beirat einberufen. 2015 wurde das Konzept beendet und es erschien ein Abschlussbericht. Anschließend kam lange nichts mehr.

Ein Lichtblick und auch ein künstlerischer Beitrag, an dem sich ein sinnvolles museales Konzept orientieren sollte, war der Audiowalk des multimedialen Theaterensembles Bluespots Productions vom Sommer 2017. »Memory off Switch« brachte die Geschichte der Zwangsarbeiter*innen sowie die lokale Täterschaft zurück in die Erinnerung der Zuhörer*innen. Im selben Jahr wurde eine Fachstelle für Erinnerungskultur eingerichtet und an Dr. Felix Bellaire vergeben. Mit Wiederaufnahme des Themas auf städtischer Seite wurde 2019 schlussendlich auch die renovierungsbedürftige Garage gekauft. Auch wurde der Forschungsauftrag zur Erstellung einer Häftlingsliste des Lagers Augsburg-Pfersee finanziert. Die Arbeitsgruppe, welche sich heute mit der Nutzung des Gebäudes auseinandersetzt, besteht aus vielen Teilen, hinzu kam noch der Regionalverband Deutscher Sinti und Roma Schwaben.

Vorsicht aber mit voreiliger Euphorie. Wie Prof. Gasserts Konzept bewiesen hat, herrscht die Tendenz, Zwangsarbeit und NS-Täterschaft in den Hintergrund zu stellen. Dabei ist gerade dies der Grund, weshalb das Gebäude noch steht. Es müssen andere historische Ereignisse nicht ausgeschlossen werden, den Ort jedoch nicht zur Genüge als ehemaliges KZ-Außenlager zu kennzeichnen, würde mit der aktuellen historischen Identität der Stadt bedeuten, sich weiterhin nicht zur Täterschaft zu bekennen. Ein Lern- und Denkort, was es momentan werden soll, braucht ein modernes Konzept, keine alten Stellwände. Das muss finanziert und damit politisch gewollt werden. Nur so kann sich die Stadt in ihrer Identität weiterentwickeln, und das wäre dringend notwendig.


Judith Alberth führte eineinhalb Jahre durch das Jüdische Museum Augsburg Schwaben. 2019 schloss sie ihr Bachelor-Studium in Europäischer Kulturgeschichte mit einer Arbeit zur Erinnerungskultur der Zwangsarbeit in Augsburg anhand des Konflikts um die Halle 116 ab. Bei der weiteren Forschungsarbeit zur Namensliste der Zwangsarbeiter*innen und KZ-Häftlinge in Pfersee unterstützte sie Reinhold Forster bei deren Aufarbeitung. Seit Herbst 2019 studiert sie im Master-Studiengang Geschichtswissenschaften mit dem Schwerpunkt Frauen- und Geschlechtergeschichte sowie Zeitgeschichte an der Universität Wien. Im Januar 2021 erschien die erste Folge ihres Podcasts »Let’s talk, Sisters!« (zu hören unter www.jmaugsburg.de), der die Ausstellung »Schalom Sisters*!« des Jüdischen Museums begleitet.

Foto oben: »FCK AFD«-Graffiti auf der Gebäuderückseite der Halle 116

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