Politik & Gesellschaft

Kauft nicht bei Idrizovic

Jürgen Kannler
22. April 2016

Im vergangenen Jahr erhielt Kurt Gribl kurz vor dem Pfingstfest unverhofft Bürgerpost. Das Projekt Theatersanierung drohte ihm zu diesem Zeitpunkt völlig aus dem Ruder zu laufen: Planung, Kostenexplosion, Kommunikation, Transparenz, es gab viel Diskussionsstoff. Eine Handvoll Kulturarbeiter, unter ihnen der Kommentator, forderten in einem offenen Brief vom OB einen Diskurs zur Zukunft des Stadttheaters, die Klärung der Intendantenfrage, einen Planungsstopp beim Theaterneubau sowie einen von der Stadt initiierten Bürgerbeteiligungsprozess (BBP). Das Echo auf diese Initiative kam rasch und vernehmlich. Es variierte zwischen Sympathie, Skepsis und  Unverständnis. Doch es kam Bewegung in das Thema, es wurde diskutiert. Auch wenn zu Beginn der Gespräche Verantwortliche aus Politik und Verwaltung noch Unsicherheiten im Dialog mit den Bürgern zeigten.

Heute ist die Intendantenfrage geklärt, die Diskussion um die Zukunft der Theaterlandschaft angestoßen und der BBP weitgehend abgeschlossen. Seinem Inhalt und Wert nach ging dieser in einzelnen Phasen jedoch kaum über eine nette Inszenierung hinaus. Zu deutlich sind wohl die Abhängigkeiten der mit dem Prozess betrauten Moderatoren von Folgeaufträgen, nicht nur aus Augsburg, um von ihnen allen Ernstes die zugesagte Neutralität einfordern zu können. Auch handwerklich zeigte ihre Arbeit einige Mängel. Trotz alledem waren die vergangenen Monate wichtig. Politik, Verwaltung und Bürgerschaft sind nun auf dem Weg zum Dialog auf Augenhöhe, auch wenn das Ziel noch weit ist.

BDA fordert offenen Planungsprozess

Mit dem Start des BBP im Herbst 2015 setzte die Stadt nach eigener Aussage zumindest die Planungen für den Bauteil 2 des neuen Theaters aus. Dieser beschreibt, grob gesagt, die Bauabschnitte nördlich des Bühnenturms. Nun melden sich auch profunde Kenner der Materie vom BDA (Bund Deutscher Architekten) zu Wort und fordern in einer Pressemitteilung für diesen Bauabschnitt einen »offenen Planungsprozess« sowie ein »offenes städtebauliches Wettbewerbsverfahren« für das Theaterviertel. Ein vergleichbares Verfahren wäre dem BDA nach zwar für das gesamte Sanierungs- und Neubauprojekt Theater wünschenswert gewesen, »es war aber nicht zwingend notwendig«, so die Architekten.

Für die größten Spannungen in der bisherigen Diskussion um die Zukunft des Stadttheaters sorgt der von der Stadt vorgelegte Finanzierungsplan. Von den ursprünglich vorgesehenen 235 Millionen Euro blieben nach einer kaum nachvollziehbaren Einsparungsrunde noch knapp 190 Millionen Euro für den Neubau im Norden und die Sanierung im Süden des Theaters übrig. Einen Zuschuss von 107 Millionen Euro versprach Finanzminister Söder seinem Parteifreund Gribl aus der Staatskasse. Die fehlende Summe von rund 72 Millionen Euro (ohne Preissteigerungen, Zinslast, Nebenkosten und sämtliche nicht zu beziffernde Kosten für das neu zu gestaltende Theaterviertel) plant Finanzreferentin Eva Weber über Kredite zu finanzieren.

Für manche Bürger ist dieser Plan in Ordnung, für andere indiskutabel. Diese argumentieren unter anderem mit Forderungen der zuständigen Aufsichtsbehörde, die Schuldenlast der Stadt von derzeit über 350 Millionen Euro abzubauen. Aus dieser Position heraus nahm die neu gegründete Initiative Kulturelle Stadtentwicklung Augsburg (iA) ihr Recht wahr, Unterschriften für ein Bürgerbegehren mit dem Ziel eines Bürgerentscheids um die Frage zu sammeln: »Soll die Stadt Augsburg die Sanierung des Theaters trotz finanziell schwieriger Situation über Neuverschuldung finanzieren?«

Theatermörder

Kein Mensch in dieser Stadt ist verpflichtet, diese Kampagne zu unterstützen. Sollte die Initiative die 11.000 nötigen Unterschriften für ein Bürgerbegehren nicht bekommen, ist die Frage obsolet. Sollte es zur Abstimmung kommen und eine Mehrheit mit Ja stimmen, ist die Frage ebenfalls obsolet. Doch auch bei einer Mehrheit gegen eine Neuverschuldung ist die Stadt maximal ein Jahr an dieses Votum gebunden.

Trotz dieser Sachlage schlagen den iA-Initiatoren von selbst ernannten Theaterfreunden Wellen aus Frust, Unsicherheit, Intoleranz, Dummheit und Hass entgegen, wie sie der Kommentator in Augsburg noch nicht erlebt hat. Diffamierung, Ausgrenzung, Beleidigungen und Boykottaufrufe bilden nur die Spitze des Eisbergs. Im besonderen Maße wird Buchhändler Kurt Idrizovic Opfer dieser Kampagnen. So werden die Schaufenster seines Ladens mit Parolen wie »Theatermörder« (Foto) beschmiert, seine Veranstaltungsreihe im Theater wird abgesetzt und seine Geschäftsgrundlage durch Boykottaufrufe gefährdet. Auch andere iA-Initiatoren werden, zum Teil anonym, diffamiert, ausliegende Unterschriftenlisten werden zerstört und iA-Unterstützer wurden bei Werbemaßnamen eingekesselt. Die Palette des Hasses hat in der Friedensstadt Augsburg viele Farben.

Auch wenn die große Mehrheit der Gegner dieser Initiative zu einem fairen Dialog bereit ist, wird es höchste Zeit, dass Stadtspitze und Theaterleitung ein klares Signal gegen dieses Kesseltreiben setzen, ansonsten droht die Streitkultur in Augsburg zum Teufel zu gehen. Und auch wer aus tiefster Überzeugung niemals unterschreiben würde, für Kulturprojekte keine Kredite aufzunehmen, obwohl zeitgleich alle möglichen Bereiche öffentlichen Wirkens auf diese Weise finanziert werden, kann jetzt ein Zeichen der Solidarität setzen. Denn, um mit Frau Luxemburg zu sprechen: Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Und wo diese Freiheit droht verloren zu gehen, nützt den Bürgern auch die schönste Theaterlandschaft nichts mehr.

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