Festival

Im Zeichen des (Vor-)Lesens

Renate Baumille...
1. März 2021

»Ja, da muss man sich doch einfach hinlegen …« oder zumindest niederknien vor Bewunderung! Mein Einstieg erfolgte am frühen Abend mit einem weiteren Clip von Suse Wächter. Diesmal stand Brecht selbst – mit obligater Zigarre zwischen den Lippen – in einer Doppelfolge als einer der »Helden des 20. Jahrhunderts« im Scheinwerferlicht. Liebevoll eingebettet saß er zwischen Wächter und Matthias Trippner am Berliner Kino-Harmonium, um Pollys »Barbarasong« aus der Dreigroschenoper und das wehmutsvolle Lied »Und ich werde nicht mehr sehen das Land« ziemlich originalgetreu und grandios zu intonieren.

Die Literaturwissenschaftlerin Dr. Sabine Kebir setzte sich bei der Lesung aus ihrem 1998 erschienenen Buch mit einer bis dato unentschiedenen Streitfrage auseinander. Ist »Eifersucht auch eine Naturgewalt« oder wird sie irgendwann zivilisatorisch überwunden? Brecht wusste über dieses relevante Phänomen der menschlichen Psyche bekanntlich manches Lied zu singen – die ihn umgebenden Frauen bewältigten ihre Eifersucht mit jeweils diversen Strategien. Fakten zu Brechts nicht nur von Feministinnen bezweifeltem Image als »Ein akzeptabler Mann?« kann man im gleichnamigen Buch mit Erkenntnisgewinn nachlesen.

Stichwort für den nächsten Beitrag: Trotz Brechts betonter Skepsis gegenüber dem »Ausdrücklichen« lieferte das Video »HelliBert & PandeMia« (Foto © Brechtfestival) interessante Querverweise zu finsteren Zeiten und »undurchdringlichen Verstimmungen«, die bei den besten Paaren eine eigenwillige Dynamik verursachen. Das Schauspieler-Ehepaar Charly Hübner und Lina Beckmann hatte sich in der häuslichen Schwarz-Weiß-Tristesse des Hamburger Lockdowns Mokka kochend mit dem Briefwechsel zwischen Brecht und Helene Weigel beschäftigt. Auch Brecht hatte ja einst allein in Amerika lernen müssen »Gläser und Tassen zu spülen«. Warum auch nicht?

Mehr Klang und Farbe ins irgendwann doch monotone Online-Geschehen – die Grenzen rein digitaler Festivalformate wurden deutlich – brachte in bester Reminiszenz an die früheren (ach!) Live-Formate im Gögginger Kurhaus der Auftritt der Slampoet*innen Tanasgol Sabbagh und Henrik Szanto. Musikalisch befeuert wurden sie durch die bewährte Band um Kurator und Bassist Girisha Fernando sowie Steffi Sachsenmeier und Tom Jahn. Brechts Textzeile »Du sollst kein Brot essen« hatte zu überzeugenden Spokenword-Kreationen inspiriert, die gewitzt Genderklischees aufbrachen und virtuos der »Geduld der Armut« auflauerten. Toll, am Dienstag gibt es Slam-Nachschlag!

Mit Marion Braschs lebendiger Romanlesung »Ab jetzt ist Ruhe« (2012) tauchte man flugs hinein in die »tragische Geschichte, aber nicht in ein tragisches Leben« ihrer fabelhaften, in der DDR bekannt gewordenen Familie. Die sympathische Radiomoderatorin und Autorin – Schwester des Schriftstellers/Regisseurs Thomas Brasch, des Schauspielers Klaus Brasch sowie des Prosa- und Hörspielautors Peter Brasch – betont im Buch insbesondere auch die »Widerstände der Söhne gegen eine Vätergeneration«  und »ein Regierungsangebot, mit dem sich die Jugend nicht länger einverstanden zeigte«. 

www.brechtfestival.de

Weitere Positionen

21. September 2021 - 11:38 | Fabian Linder

Stadtkultur (mit)gestalten – aber wie? Im Textil- und Industriemuseum lud das Netzwerk »Degraux!« zur Diskussion. Ein erstes Talkexperiment zu den Ankerthemen wie Konsum & Partizipation, Leerstände und Zwischennutzung.

Ein Mann und eine Frau auf einem Sofa sitzend in ein Gespräch vertieft.
20. September 2021 - 12:14 | Sophia Colnago

Passend zur anstehenden Bundestagswahl sprechen Lisa McQueen und Jürgen Kannler in der aktuellen Folge von »Lisa & me« über Lokalpolitik und Sitzungen im Augsburger Rathaus.

16. September 2021 - 10:00 | Marion Buk-Kluger

Für den September können wir Kabarett- und Comedy-Fans (fast) aus dem Vollen schöpfen, denn es ist angerichtet. Quergelacht – die a3kultur-Kolumne von Marion Buk-Kluger im September.

15. September 2021 - 10:47 | Bettina Kohlen

Die erste Premiere der neuen Spielzeit des Staatstheaters setzt digitale Zeichen mit einer VR-Brillen-Produktion, dem Ballett »kinesphere«.

15. September 2021 - 10:34 | Sarvara Urunova

Das Festival »Mozart @ Augsburg« ging am Wochenende zu Ende. a3kultur-Autorin Sarvara Urunova besuchte das Konzert von Sebastian Knauer und Daniel Hope.

14. September 2021 - 13:38 | Sophia Colnago

»Lisa & me« ist die neue Podcastreihe von a3kultur: zwei Personen, ein Mikrofon und jedes Mal ein anderes Thema. Jürgen Kannler und Lisa McQueen im Talk. Hier anhören!

13. September 2021 - 16:06 | Anna Hahn

Ein Hotelzimmer, drei Frauen, ein gemeinsamer Plan – Das Staatstheater feierte Premiere und widmet sich dem Rape and Revenge-Genre.

12. September 2021 - 0:00 | Iacov Grinberg

Iacov Grinberg besucht ungern Wahlveranstaltungen. Für die von Ulrike Bahr (SPD) ausgerichtete Podiumsdiskussion zum Thema »Gut aufwachsen und zusammenleben in der Stadt« machte er eine Ausnahme. Eine Zusammenfassung.

10. September 2021 - 15:00 | Bettina Kohlen

Anlässlich des 500jährigen Bestehens der Augsburger Fuggerei richtet eine Ausstellung des Diözesanmuseums St. Afra den Blick auf das Weltgeschehen der Zeit um 1521.

10. September 2021 - 10:00 | Juliana Hazoth

Die Lyrik, so Dichter Knut Schaflinger, hat es nirgendwo einfach, doch in Augsburg noch weniger. Ein Gespräch mit dem Mitorganisator der Langen Nacht der Poesie.