Festival

I bin oiwei i

Patrick Bellgardt
1. Juni 2014

Wer ein Konzert von Hans Söllner besucht, muss mit unangenehmen Wartezeiten rechnen. Das Verhältnis des bayerischen Liedermachers zur Exekutive ist über die Jahre nicht wesentlich besser geworden. Nicht nur die Konzertbesucher müssen sich nach einem Auftritt Söllners in Esslingen Ende März Drogenkontrollen unterziehen, auch das Auto des Musikers wird in die Mangel genommen. Mehrere Beamte und zwei Spürhunde durchsuchen das Fahrzeug nach Marihuana. Das Ergebnis: Ledersitze kaputt, Türverkleidung beschädigt, Lack zerkratzt. Gefunden wird nichts – kein Gramm, kein Krümel. Söllner erstattet Anzeige wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung. Gleichzeitig fordert er seine Fans bei Facebook auf, es ihm gleichzutun: »Wehrt euch endlich!«

»I bin ned ihr, na, i bin oiwei i«

Seit über 30 Jahren hält der inzwischen 58-Jährige dem Staat den Spiegel vor. Nicht nur in seinen Liedern, auch im Privaten lässt Söllner nicht locker, wenn ihm Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit begegnen. Am Heiligabend 1955 in Bad Reichenhall geboren, kommt der junge Hans früh mit dem »System« in Konflikt. Mit 14 wird er nach vier Jahren Mitgliedschaft aus dem örtlichen Trachtenverein ausgeschlossen. Langhaarige Trachtenträger? Das darf es nicht geben. Nach seinem Hauptschulabschluss folgt eine Ausbildung zum Koch, die er nach drei Jahren erfolgreich beendet. Seinen Traumjob findet Söllner damit allerdings nicht.

Nach 16 Monaten Zivildienst in Weilheim zieht es den Kriegsdienstverweigerer nach München, wo er zwei Jahre vergeblich nach einer Anstellung sucht. In dieser Zeit schreibt und komponiert er seine ersten Lieder auf einer alten Gitarre. Söllner beginnt eine zweite Lehre als Kfz-Mechaniker, widmet sich in seiner Freizeit jedoch weiter der Musik. Durch den ersten Platz bei einem Sängerwettstreit in Traunstein bekommt er 1983 die Möglichkeit, sein erstes Album »Endlich eine Arbeit« aufzunehmen. Mit Anfang 30 hat Söllner seine Bestimmung gefunden. Ende der 80er geht der Solokünstler neue Wege und gründet – inspiriert von einer Jamaikareise – gemeinsam mit musikalischen Freunden die heute legendäre Formation Bayerman Vibration, die Reggae gekonnt mit bayerischen Texten verbindet. Bis heute bleibt er sowohl dem Offbeat als auch der Liedermachertradition treu.

»A Drecksau bleibt a Drecksau, egal wohers kimmt«

Mit seinen staats- und gesellschaftskritischen Texten macht sich Söllner schnell bei der Polizei und Politik einen Namen. Der Sänger nimmt auf der Bühne kein Blatt vor den Mund und stößt mit seinem Freiheitsbegriff schnell an Grenzen. »Der Gauweiler sieht so aus, als ob wir die Reichskristallnacht noch vor uns hätten.« Für diese Äußerung wird der »bayerische Rebell« 1988 zu einer Geldstrafe in Höhe von 15.000 DM verurteilt. Derweil lassen Peter Gauweilers Vorschläge zur Aidsbekämpfung es einem auch heute noch eiskalt den Rücken runterlaufen. So forderte der damalige Staatssekretär Zwangstests für »Risikogruppen « wie Nichteuropäer und Homosexuelle sowie die »Absonderung« von Infizierten.

Dass solche Nazivergleiche zumeist nicht tragbar sind, dessen ist sich Söllner durchaus bewusst. Nichtsdestotrotz macht er mit dem Stilmittel der Übertreibung eindringlich auf Missstände aufmerksam und legt den Finger in die Wunde. Strauß, Stoiber, Huber, Beckstein … der Musiker legt sich über die Jahre schonungslos mit vielen – vorrangig mit der CSU verbundenen – »Obrigen« an. Bis heute musste Söllner im Laufe seiner Karriere rund 300.000 Euro für diverse »Meinungsäußerungen « zahlen, Gerichts- und Anwaltskosten exklusive.

Seinen Weg als einer der letzten durch und durch politischen Volkssänger geht er konsequent weiter. Dennoch scheint der Ehemann und Familienvater in letzter Zeit zumindest verbal etwas ruhiger geworden zu sein – was natürlich nicht bedeuten soll, dass er sich vom System alles gefallen lässt, wie der jüngste Zwischenfall mit der Esslinger Polizei zeigt. Mit seiner Frau und drei Kindern lebt Söllner heute in Ainring im Berchtesgadener Land, nicht weit von seinem Heimatort entfernt. Bereits aus seiner ersten Ehe hat er drei erwachsene Söhne. Der Natur- und Tierliebhaber ist gern »dahoam«, widmet sich in seiner Freizeit dem Imkern, hält sich neben dreizehn Bienenvölkern auch mehrere Hühner und einen Hahn. Seit den 90ern lebt er vegetarisch.

»Steh auf, wenn dir irgendwas ned passt«

Wer denkt, der Liedermacher sei immer nur dagegen, hat Söllner nicht verstanden. Und dabei geht es nicht nur um das von den Medien häufig aufgewärmte Thema der Legalisierung und Entkriminalisierung von Marihuana. Ende des vergangenen Jahres erfüllt er sich einen lang gehegten Traum. In Ainring eröffnet der heimatverbundene Liedermacher zusammen mit dem dortigen CSU- (!) Bürgermeister Bayerns erste öffentliche Dorffeuerstelle. Als Treffpunkt und Diskussionsforum wünscht sich Söllner einen solchen Ort in allen Gemeinden. »Wo immer ich war auf der Welt, an einem Feuer sitzt man nie lange allein. Ich hoffe eure Bürgermeister denken so wie unsere und greifen diese Idee auf«, schreibt er auf seiner Homepage. Auch für ein garantiertes, bedingungsloses Grundeinkommen – er nennt es »Menschengeld« – setzt sich der Musiker ein. Jedes Mitglied unserer Gesellschaft könne so die nötige Sicherheit erhalten, um seine ganz eigenen Fähigkeiten frei zu entfalten.

Musikalisch besinnt sich Söllner für das aktuelle, bei seinem langjährigen Label Trikont erschienene Album »Zuastand 2« eher auf traditionelle Klänge. »Die Zustände bleiben immer dieselben, nur der Rhythmus ändert sich«, ist auf seinem neuesten Werk zu lesen. Mit Unterstützung von Maultrommel und Zither, Okarina und Teufelsgeige, Holzlöffel und Schellentrommel, Schüttelrohr und Kuhglocken hat der Sänger alte, teils vergessene Songs neu eingespielt. Im Mittelpunkt steht jedoch seine Stimme, wie man sie kennt – mal kräftig und wütend, mal emotional und nachdenklich.

Söllner verkörpert seine Ideale einer freien und gerechten Gesellschaft sowohl privat als auch auf der Bühne authentisch, ohne Drang zur Selbstinszenierung. Man nimmt dem bodenständigen Bayern die Rolle des Rebellen nach wie vor gerne ab. Seine Fans sind ihm dabei über die Jahre treu geblieben, doch auch neue Generationen zeigen sich vom Phänomen Hans Söllner fasziniert – demnächst mit Sicherheit auch wieder in Augsburg.

Zusammen mit seiner Band Bayaman’Sissdem gastiert Hans Söllner als Headliner des Grenzenlos-Festivals am 6. Juni auf dem Gaswerkgelände. Um 20 Uhr ist er in der »Augsburger Allgemeine Arena« live zu erleben.

www.soellner-hans.de

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