Tanz

Große Erwartungen

Bettina Kohlen
30. Oktober 2017
schwanensee_theater augsburg_2017_foto: jan-pieter fuhr

Der frühere Ballettchef Robert Conn hat das Ballett Augsburg zu einer überregional beachteten Compagnie gemacht. Dementsprechend gespannt wartete man auf die erste Arbeit seines Nachfolgers Ricardo Fernando, der, im Gegensatz zu seinem Vorgänger, auch selbst inszenieren wird. Zum Einstand nahm er sich „Schwanensee“, den Goldstandard des klassischen Balletts vor, und setzte auf eine Kombination von neoklassischem und zeitgenössischem Tanz, die zwar Welten von der traditionellen Petipa-Choreografie entfernt war, aber dem Publikum doch ein vertrautes Bewegungsrepertoire bot. Das hätte gerne etwas mutiger, entschiedener und abwechslungsreicher ausfallen können. Doch die Tänzer der neuen Compagnie zeigen in einem minimalistischen Setting eine beeindruckende Leistung, sie agieren sowohl im Ensemble als auch in den Soloparts mit Eleganz und Finesse. Der weiße und der schwarze Schwan wird vielfach von einer Tänzerin dargestellt, in der Augsburger Inszenierung werden daraus zwei getrennte Parts, wodurch sich „Schwanensee“ in das Konzept dieser Spielzeit einfügt, indem Persönlichkeitsaspekte durch Doppelungen und Trennungen offenbart werden.
Marcos Novais war als Prinz zwar technisch überzeugend, seine Interpretation blieb aber etwas reserviert. Jiwon Kim Doede als Odette zeigte sich schwanengleich anmutig zart und rein und Karen Mesquita gab einen gefährlich erotischen schwarzen Schwan. Herausragend böse dämonisch tanzte Lucas Axel da Silva den zentralen Akteur, den Zauberer Rotbart. Alle Soloparts sind jeweils mit drei Tänzerinnen und Tänzern besetzt, so dass sich von Vorstellung zu Vorstellung changierende Variationen ergeben.
Die Schwäne erweisen sich als wilde Truppe, die ruppig ihren Raum beansprucht und auf die konnotierte Anmut pfeift. So mutieren die vier kleinen Schwäne zum ironischen Zitat.
Das schlichte Bühnenbild lässt dem Tanz freien Raum, auf die zusätzlichen XXL-Videoprojektionen jedoch, vor allem die Schwanenbilder, hätte man gut verzichten können. Für das Ende des Balletts gibt es traditionell drei Schlussvarianten, eine glückliche und zwei tragische. Fernando überlässt die Entscheidung über Glück und Unglück dem Publikum, zur Premiere gab es (auch wenn das tragische Ende stimmiger wäre…) ein Happy End.
Der Zauber von „Schwanensee“ beruht natürlich zu weiten Teilen auf der grandiosen Ballettmusik von Peter Tschaikowsky: Die Augsburger Philharmoniker unter Leitung von Domonkos Héja wurden diesem Mythos mehr als gerecht und lieferten eine hinreißende Interpretation des um einige Teile gekürzten Werkes. Vielleicht ist diese Schwanensee-Choreografie nicht das Nonplusultra - das Gesamtpaket überzeugt aber und ist unbedingt einen Besuch wert!

1. und 5. November, 18.00 / 10. und 14. November, 19.30 / zahlreiche weitere Vorstellungen von November bis Februar
www.theater-augsburg.de

Foto: Jiwon Kim Doede (Odette) und Marcos Novais (Prinz Siegfried), copyright: Jan-Pieter Fuhr, 2017

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