Tanz

Giselle »light«

Renate Baumille...
28. Oktober 2019
Szene aus dem Ballett "Giselle"

Giselle ist übermütig und hat allerlei Flausen bzw. Besseres im Kopf als sich mit ihresgleichen abzugeben. Schon zu Anfang charakterisieren sie die »bockig« in die Luft geschraubten Hüpfer als junge Frau mit leicht rebellischer Ader. Dem Gastwirt Hilarion, der sie begehrt, räumt sie keine Chancen ein. In seinem  Wirtshaus in sonniger Hanglage begegnen sich die einfachere und die bessere Gesellschaft zu munteren Tändeleien. Empfänglich ist Giselle trotz der Warnungen ihrer Mutter Berthe (Emily Yetta Wohl) für die Avancen des stattlich-noblen Albrecht samt seiner verräterischen Reitgerte. Erst der unerwartete Auftritt seiner sehr eleganten Verlobten Bathilde (Sewon Ahn) vereitelt Albrechts Flirt und lässt eine unbeirrbar um den Geliebten kämpfende Giselle zurück, die bald darauf im Schusswechsel der beiden Kontrahenten versehentlich zum Opfer wird. Erst im Leben nach dem Tod könnte diese Liebe sich vielleicht erfüllen …

Mit seiner flüssigen und leicht lesbaren Giselle, die bereits 2008 für Hagen entstanden war, präsentierte Ballettchef Ricardo Fernando und mit ihm das mit einigen neuen Tänzerinnen und Tänzern besetzte Ensemble eine »Light-Version« des berühmten romantischen Ballettklassikers. Wie es sich für Kalorienreduzierte und fettarme Produkte gehört, konnte man keinen wirklich überzeugenden und damit choreografisch originären und runden Eigengeschmack erkennen, auch wenn das Premierenpublikum die tendenziell neoklassisch bis gemäßigt modern inspirierte Giselle durchaus mit dem Gütesiegel »Begeisterung« quittierte. 

Mit den kleinen Eingriffen – neben der Idee, dass Giselle keinen Selbstmord begeht, hat Fernando die sonst rein weiblich besetzten tanzwütigen »Wilis« auch mit Männern verdichtet – in das Original-Libretto von Theophile Gautier bediente Fernando mit sicherem musikalischen Gespür die bildhafte Dramaturgie der walzersatten und motivisch angelegten Komposition von Adolphe Adam. Leider ging das Konzept, mit dem sich Fernando gegen ein wirklich aktualisierendes Narrativ des bekannten Plots entschied, in weiten Teilen zu Lasten der emotionalen Fallhöhe. Die sollte eine »Giselle« als Paradebeispiel des romantisch und französisch geprägten Balletts besitzen, ganz egal in welcher Ballettästhetik man sie nun zeigt. Auch im zweiten, dem »Ballet blanc«-Akt, vermisste man neben virtuosen tänzerischen Momenten den stimmungsvollen Zauber der Jenseitssphäre, in der alles passieren könnte, in der Gefahr und Verlockung lauern, in der sich Schmerz und Sehnsucht intensiv herauskristallisieren.

Königin Myrtha (Gabriela Zorzeta Finardi) herrschte als kompromisslose Gebieterin mit prägnanter Gestik. Rigide trimmte sie die ascheweißen und flatternden Waldschattengeister auf Linie, die auch im Kreis rennend alles gaben, um das Happy End für Giselle zu vereiteln. Irgendwie wollte an diesem Abend, der choreografisch zu schlicht und eintönig blieb, der Funke nicht wirklich überspringen. Womöglich lag dies auch der fehlenden Scharfzeichnung der Charaktere, von denen einzig – zumindest in der Premierenbesetzung – Nikolaos Doede als eifersüchtiger Hilarion mit seiner tänzerischen Präsenz überzeugte, während Ana-Isabel Casquilhos Giselle trotz liebenswerter Flirtstudien im ersten Akt und makelloser Technik, die ihr im zweiten Akt zur Schwerelosigkeit verhalf, doch zu blass blieb, um sich als zentrale Titelfigur zu behaupten. In seiner Rolle als Albrecht war Gustavo Barros (dem man mit der weißen Strumpfhose als Teil seines Adelsoutfit keinen Gefallen tat) ein verlässlicher Duo-Partner. Er fiel trotz seines Sprungvermögens mehr durch die Körpergröße als mit wirklicher solistischer Brillanz und darstellerischem Charisma auf. Verlässlich agierte auch das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Ivan Demidov, das mit Präzision und teils recht forscher Attitüde das Geschehen auf der Bühne begleitete.

Weitere Termine:
www.staatstheater-augsburg.de

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