Klassik

Gescheiterte Utopie

Sarvara Urunova
5. Mai 2014
lohengrin

Die ersten Töne der Ouvertüre erklingen, der Vorhang geht auf und es wird von Anfang an klar: Das Volk ist zum Scheitern verurteilt. Auf der Bühne in einem heruntergekommenen Theaterraum, an dessen einst pompöse Ausstattung nur ein prächtiger Kronleuchter und eine durchlöcherte Kuppeldecke erinnern, sitzen geistlose, blutleere Wesen, resigniert und in ihrer Sehnsucht nach Veränderung verloren. In ihrer Hilflosigkeit erstarrt, sind sie nicht mehr dazu fähig aus eigener Kraft zu handeln, und so bleibt ihnen nichts mehr übrig als auf einen Retter zu warten, in der Hoffnung auf eine Erlösung. Inmitten der Zombies verweilt inzwischen die unschuldige Elsa (Sally Du Rant), in ihrem reinen weißen Unterkleid, als ein Lichtstrahl in diesem verwesten Reich. Plötzlich ändert sich alles als der Hoffnungsträger, Lohengrin (Gerhard Siegel), erscheint und die Menge in die Bewegung bringt.

Damit die Utopie, die Lohengrin verkörpert, zur Realität wird, muss gehandelt werden. Der steril weiße Raum im zweiten Akt steht für die utopische Reinheit des Neuanfangs, das Volk ist bereit für die heile Welt zu kämpfen und wird zu Revolutionären. Jedoch vollzieht sich die Handlung nicht, dem Volk fehlt es an einer bestimmter Richtung, was durch das eher zurückhaltende Auftreten des Titelhelden und mal statische, mal sinnlose Abläufe auf der Bühne bestätigt wird.

Die Reinheit wird auch durch die machtgierigen Graf von Telramund (Jaco Venter) und seine Gattin Ortrud (Kerstin Descher) beschmutzt, als sie den weißen Raum mit Blutspuren beflecken, in ihrer Unersättlichkeit jedoch sehr authentisch wirken und damit für eine der besten Szenen der Aufführung sorgen.

Zweifel breitet sich aus. Elsa, die zwar gleichfalls zu handeln versucht, indem sie die Kehle von Telramund mit einer Schwanenfeder durchbohrt, den Glauben jedoch nicht in sich trägt, wird zum Symbol der verlorenen Gesellschaft, die sich in Ungewissheit auflöst.

Die Überzeugungskraft fehlte leider auch im gesanglichen Bereich. Dafür beeindruckte die hervorragende Leistung von Dirk Kaftan, der mit seinem Orchester die polaren Welten einer Utopie kraftvoll vereinigte.(sur)

www.theater-augsburg.de

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