Politik & Gesellschaft

Geht doch!

Jürgen Kannler
9. Mai 2016

Ende April berichtete Kulturreferent Thomas Weitzel im Veranstaltungssaal des neuen Stadtarchivs von der nahen Zukunft des ehemaligen Gaswerkareals an der Schnittstelle der Stadtteile Oberhausen, Bärenkeller und Kriegshaber. Die Pläne sollen im Laufe der Woche im Stadtrat vorgestellt werden und anschließend rasch an den Start gehen.

Zur Vorgeschichte

Seit 15 Jahren suchten die Stadtwerke als Besitzerin des weitläufigen Geländes nach einer neuen Nutzung der Immobilie und scheiterte mit zum Teil abenteuerlichen Plänen. Der Grund dafür lag im hohen Verseuchungsgrad des Bodens und der darauf stehenden Gebäude. Diese stehen unter Denkmalschutz. »Der komplette Erhaltungszustand macht das Augsburger Gaswerk europaweit einzigartig«, so Karl Ganser, ein international ausgewiesener Experte der Materie. Seither pumpt der städtische Betrieb jährlich rund 500.000 Euro in den Erhalt der Brache.

Frischen Wind brachte Baureferent Gerd Merkle vor einigen Jahren in die Diskussion um das Gelände. Sein Vorschlag: Der Kulturpark West könne doch seinen jetzigen Standort in der ehemaligen Reese-Kaserne räumen und ins Gaswerk ziehen. Die Idee eines neuen kunst- und kreativwirtschaftlichen Zentrums war geboren und wird bis heute diskutiert.

Zur Zukunft

Nun präsentiert Weitzel also sein erstes Konzept zur Zukunft des Gaswerks. Kern dieser Vorstellung ist gegenwärtig das ehemalige Ofenhaus (Illustration/Foto). Dort soll ab Frühjahr 2018 die neue Brechtbühne ihr Publikum finden. Dazu werden Tribünenelemente und Technik aus der bis dahin abgerissenen »alten« Brechtbühne demontiert und im Gaswerk wiederverwendet, ebenso wie der Name des Hauses. Dieses Schauspielhaus nimmt dann samt Technik und einem kleinerem Bereich für eine Cafébar fast den gesamten rechten Flügel des Ofenhauses in Beschlag.

Als spektakulär könnte sich die Umsetzung eines Restaurants, Foyers und Aktionsraumkonzepts erweisen. Im linken Flügel soll dieses rund 20 Meter hohe Raumerlebnis stattfinden, wenn es nach den Ausführungen von Weitzel und den mit den Planungen und dem Bau beauftragten Architekten geht. Der Kulturreferent schwärmt darüber hinaus von einem Ballettsaal in der Bogenarchitektur unter dem Dach und man hofft, dass diese reizvolle Idee ihre Umsetzung findet.

Verlängert werden soll das denkmalgeschützte Stück Industriekultur in Richtung Nordosten durch einen Zweckanbau mit Stahlfassade und vergleichbarer Kubatur. Auf fünf bis sechs Etagen sollen dort die Verwaltung, die Intendanz und die Werkstätten des Stadttheaters einziehen. Außerdem sieht das Raumkonzept einige Flächen für Künstler vor, die zurzeit noch im Kulturpark West in der ehemaligen Reese-Kaserne arbeiten.

Für den gesamten Theaterneubau veranschlagen die Stadtwerke 12,5 Millionen Euro. Refinanziert wird die Investition zu Teilen aus dem Budget, das das Theater Augsburg für die Ausstattung und das Betreiben seiner Interimsspielstätten zur Verfügung hat, sowie Mieteinnahmen für die geplanten Atelierflächen. Weitzel rechnet derzeit mit einer Interimszeit des Schauspiels auf dem Gaswerk von mindestens fünf Jahren. Es könnte aber auch deutlich länger dauern, bis das Theater nach den momentan bekannten Planungen für die Sanierung und den Neubau am alten Standort wieder an den Start gehen kann. Welches Kulturprojekt dann an seiner Stelle auf das Gaswerkareal zieht, um den Theaterneubau im Ofenhaus zu bespielen, lässt Weitzel offen und verweist auf die Eigentümer der Immobilie. Ebenso unklar ist gegenwärtig noch, zu welchem Quadratmeterpreis Künstler und Kreative das exklusive Baudenkmal beziehen können.

Für diese Klientel sollen sich auf dem Gelände in den kommenden Jahren mehrere Optionen auftun. Bis Anfang der 2020er-Jahre könnten wesentliche Teile des historischen Ensembles in attraktive Ateliers und Übungsräume umgewandelt werden. Die wichtigsten Voraussetzungen dafür wurden von den Stadtwerken in den letzten beiden Jahren geschaffen. Unter hohem finanziellen Aufwand wurde der Boden auf dem Gaswerkgelände von den giftigen Rückständen der letzten 100 Jahre Industriekultur in Augsburg gereinigt. Diesen Arbeiten fiel leider auch der gesamte westliche Flügel des Komplexes zum Oper, in dessen Mitte der weltweit erste Scheibengasbehälter seinen Platz hatte. »Ein Erhalt dieses ebenfalls denkmalgeschützten Teils der Anlage war aus finanziellen Gründen nicht darstellbar«, war am Rande des Vortragsabends zu erfahren.

Kantine ins Gaswerk

Auch für den größten Scheibengasbehälter auf dem Gelände sieht Thomas Weitzel eine neue Nutzung vor. Auf zwei Etagen sollen dort Übungsräume für Musiker eingerichtet werden. Diese Idee kam schon bei den ersten Planungsetappen auf und wurde nun in abgespeckter Form wieder aufgegriffen. Der Charme dieser Variante liegt darin, dass der weitaus größte Teil des imposanten Kesselinneren weiterhin für Kunstprojekte erlebbar bliebe. Zuletzt bespielten die Kunstsammlungen das weithin sichtbare industriekulturelle Wahrzeichen der Stadt erfolgreich mit Jaume Plensas Projekt »Secret Heart«.

Auch bei den kleineren Kesseln in unmittelbarer Nähe des Riesen könnten sich laut Weitzel die Ideen des Amsterdamer Architekturbüros Cordes durchsetzen und hier mittelfristig Betrieben der Kultur- und Kreativwirtschaft ein exklusives und wohl nicht ganz billiges Arbeitsumfeld angeboten werden. Ob darunter auch ein Unternehmen aus dem Bereich Live- und Clubkultur sein könnte, war an diesem Abend nicht mehr zu erfahren. Dass aber ein solcher Betrieb für das Gaswerk fest eingeplant ist, auch um auf dem Gelände so etwas wie einen programmatischen Gegenentwurf zum Theaterneubau zu setzen, unterstrich der Kulturreferent. Insider halten es zum jetzigen Zeitpunkt für möglich, dass es sich dabei um eine neue Location für die Musikkantine handeln könnte, die derzeit noch auf dem Gelände des Kulturparks West auf dem Gelände der ehemaligen Reese-Kaserne ihr Programm anbietet. Wann und zu welchen Bedingungen die Musiker und Künstler des Kulturparks umziehen können und in welcher Form eine Einigung mit den Entwicklern und jetzigen Betreibern des Projekts aussehen kann, ist nach wie vor offen und birgt weiteres Konfliktpotential für die Stadt.

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