Tanz

»Für Immer« im Duo

Renate Baumille...
2. Februar 2020
Ballettabend Made for Two_Staatstheater Augsburg

Sie traten an, um das Potenzial dessen auszuloten, was Mann und Mann oder Mann und Frau oder Frau und Frau im modernen Bühnentanz so alles vermögen ...

Der Auftakt zu diesem modernen Ballettabend »Made For Two« mit seinen zehn Kurz-Choreografien von sieben Choreografen, die antraten, um das Potenzial dessen auszuloten, was man mit Tänzern und Tänzerinnen im Duo so alles machen kann, war erwartungsgemäß genial. Das »Ballet 102« nämlich kam aus dem bewährten Stuttgarter Theaterhaus und damit direkt von Eric Gauthier, der seit vielen Jahren für höchst originellen tänzerischen Esprit bürgt. In Summe lassen sich im klassischen Pas de deux ziemlich genau 102 Positionen destillieren, die von Momoko Tanaka gemeinsam mit Alessio Pirrone in Bestform auf Spitze gestellt und mit reichlich Slapstick-Momenten auf die Bühne gezaubert wurden.

Ähnlich amüsant sorgten auch »Alte Zachen« in temporeicher Show-Manier sowie das dreiminütige, feminine Gegenstück »Chopsticks« für gute Laune. Beides hatte der israelische Tänzer und Choreograf Nadav Zelner im leichten Gepäck nach Augsburg importiert. Tänzerisch anspruchsvoller folgte Guillaume Hulot mit seinem 2014 in Mainz uraufgeführten »Tuning Another Beeing« – hier flexibel und aufmerksam umgesetzt von den beiden Tänzern Nikolaus Doede und Cosmo Sancilio – mit der körpersprachlichen Suche nach allmählicher Synchronisierung zweier Wesen. Nicht schlecht, welche Herausforderungen eine eben nur 1.40 Meter breite Matratze für ein quirliges Liebespaar bereithält! In Ricardo Fernandos »Midnight Lullaby«, der erster von insgesamt drei Beziehungs-Miniaturen, testeten Keiko Okawa und Samuel Maxted den Härtegrad der Schlafunterlage sowie den ihrer temperamentvollen Beziehung. Tom Waits gab hier den Ton an und am Ende siegte die Kompromissfähigkeit. Passend zum Start der neuen »GNT«-Staffel brachte die südkoreanische Choreografin Youn Soon Hue ihr viertes Werk für die Augsburger Ballettbühne heraus. »NoName?« kann als etwas zu lang geratene, kritisch-humorvolle Hommage an die gnandenlose Glamourwelt von Vogue und Co interpretiert werden. Das Stück gab in jedem Fall dem enorm wendigen und ausdrucksstarken Tänzer Goncalo Martins da Silva hinreichend Gelegenheit, seinen »Konkurrenten« Gustavo Barros auf dem Laufsteg der Eitelkeiten mit Raffinesse und Geschmeidigkeit auszustechen.

Nach viel »Mann/Mann« widmete sich »A Door Between Us« (R. Fernando) dem immer wieder versuchten, am Ende jedoch verpassten Eintritt in die Lebenswelt(en) von Frau und Mann. Mit einer rollenden Türe als Versatzstück kam auch Abwechslung in den mit mediterranem Anstrich versehenen, vielseitig nutzbaren Einheits-Bühnenraum, den Vittorio Greco mit Geschick und passend für alle Werke entworfen hatte. Nach sieben Kurzchoreografien wartete man immer noch auf das wirklich Besondere, das diesem Tanzabend auch vom Charakter einer Mini-Gala befreien würde. Mit der Uraufführung »Für Immer« von Annett Göhre wurde man auch endlich fündig. Der wunderschönen Zeile, bzw. der Stimme aus dem Off, mit dem dieses Duo um die stabilen, verlässlichen und die fragilen Säulen einer Partnerschaft kreiste, begann: »Ich habe ein großes Gefühl für Dich…« konnte man von ganzem Herzen zustimmen! Hier offenbarte sich die immer wieder erstaunliche künstlerische Qualität, die zeitgenössischer Tanz haben kann und haben sollte! In Göhres Tanzduo ist kongenial all das verdichtet, was eine Choreografie zum Kunstwerk macht: die präzise ausbalancierte Mischung von Emotion, Spannung, Sinnlichkeit und tänzerischer Persönlichkeit samt kluger Dramaturgie. Wie schön wäre es, zeitnah auch ein abendfüllendes Werk von dieser großartigen, mehrfach ausgezeichneten Choreografin zu erleben, die seit fünf Jahren als Ballettdirektorin am Theater Plauen/Zwickau engagiert ist. In der an diesem Abend ebenfalls uraufgeführten Choreografie »Lovelorn« versuchte Andonis Foniadakis im Finale die konventionellen Rhythmus- und Tempostrukturen zu brechen. Er trieb vier mal zwei Tänzer*innen in einem atem- und pausenlosen Bewegungsmodus in die gnadenlosen Fänge des Stroboskoplichts. Kein Wunder, dass Tim Buckleys »Song to the siren« den musikalischen Background dazu lieferte.

Und verdient wie immer gab es den Premierenbeifall für die Leistung der Companie, die hier mit vielen Gästen arbeiten durfte sowie die neu(er)en Gesichter, unter denen das von Emiliy Yetta Wohl und Alessio Pirrone (Solisten bei »Für Immer«) eben ganz besonders positiv auffielen.

Weitere Termine: www.staatstheater-augsburg.de

 

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