Ausstellungen & Kunstprojekte

Finsterer Content und Haustiere

Jürgen Kannler
16. Mai 2022

Nach fast genau 21 Jahren steht in Augsburg endlich wieder eine Schau mit Arbeiten von Martin Eder auf dem Programm. Er ist der mit Abstand bekannteste zeitgenössische Künstler mit Wurzeln in unserer Region. Seit dem 3. April präsentiert die Künstlervereinigung »Die Ecke e.V.« seine Ausstellung »Moloch« in der Halle 1 im Glaspalast. Ein guter Anlass für unser Interview.

a3kultur: Martin, du bist in den letzten 20 Jahren sehr viel herumgekommen. An welchen Orten fühlst du dich wohl?

Martin Eder: Das sind meistens die Orte, an denen ich gerade nicht bin. Tendenziell ist man immer geneigt zu meinen, dass das Gras auf der anderen Seite des Flusses viel grüner ist. Wenn man zu Hause ist, hat man Fernweh, und wenn man weg ist, hat man Heimweh, das ist meistens so. I don’t know, was mir da lieber ist.

Gibt es das »Drüben ist das Gras grüner«-Gefühl auch in der Kunst? Du bist Musiker, Maler, Bildhauer – fühlst du dich da auch in Bereichen wohler, die du gerade nicht bearbeitest?

Ich bin kein Profimusiker, ich bin da dem Bewertungszirkus entzogen und mache das eher für mich und zum Spaß. Mit Musik kann ich mich von dem ständigen Nachdenken und dem angestrengten Blick erholen. Das Tolle: Musik verschwindet, aber das Bild ist am nächsten Tag immer noch da. Bei der Kunst wird man immer mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert.

Wie gefällt dir denn die Auswahl »Moloch« die jetzt im Glaspalast zu sehen ist?

»Moloch« ist ein dramatischer Titel, der aber ganz gut umspannt, worum es in der Ausstellung geht. Ich habe die Bilder selbst ausgewählt, sie sind teilweise schon älter und kommen aus Sammlungen von überall her. Ich habe die Ausstellung kuratiert, um des Begriffs Herr zu werden. »Moloch« beschreibt neben einem Dämon auch ein urbanes System, das Bürger*innen auszehrt, also quasi ein gesellschaftliches Phänomen.

Hat das Wort jüdische Wurzeln?

Genau, es kommt aus dem jüdischen Bereich. Es gibt einen Dämon, Moloch, dem man Kinder geopfert hat, aber das darf man nicht eins zu eins übersetzen. Es geht eher darum, dass man seine Energien und Ressourcen für etwas opfert, dem man sich aus irgendeinem Grund nicht widersetzen kann. In meinem Fall und auch in Augsburg ist es nicht so dramatisch. Dass die Stadt ihre Kinder frisst, das würde Augsburg nie tun.

Du bist das beste Beispiel, dass es nicht so sein muss. Ich kenne dich jetzt doch schon ein paar Jahre, du hast oft für eine Arbeitsphase einen Titel gefunden und deren Werke dann komplett unter diesem Begriff ausgestellt. So ist es diesmal nicht.

Ich hatte mal eine Schau vor der Pandemie, die hieß komischerweise »Dystopia«. Da wurde mir plötzlich klar, dass dieses Phantasma traurige Wahrheit wird. Plötzlich bricht überall alles zusammen und das System, auf das wir uns mehr oder weniger immer verlassen haben, bricht weg. Man muss vorsichtig sein mit selbsterfüllenden Prophezeiungen. Dennoch, in meiner Kunst geht es sehr oft um Katastrophenszenarien. Obwohl sie auf den ersten Blick süßlich und hell verpackt daherkommen, geht es um finsteren Content.

Beschäftigst du dich mit der Bibel?

Ich interessiere mich für das Phänomen der Mystik und der Mythologie. Die Mystiker versuchen im Nichtwissen einen Sinn zu suchen. Das ist eigentlich ein großartiges Moment, wenn man bergreift, dass man nicht alles verstehen kann und muss, aber dem Ganzen offen gegenüber bleibt und das Beste hofft. Ich habe mal eine Hypnosetherapie-Ausbildung gemacht, da geht es darum, dass man versucht etwas Unsichtbares zu formen und Un­terbewusstes ans Tageslicht zu holen. Da gibt es sehr viele Parallelen zum Bildermalen.

Sprichst du eigentlich gerne über deine Kunst?

Ich spreche nur dann drüber, wenn mich jemand fragt.

Du hast die Ausstellung also selbst zusammengestellt. Hast du den Glaspalast gekannt, vielleicht noch vor seiner Renovierung? Aus deiner wilden Zeit hier?

Ja, ich kann mich an eine große Party vor vielen Jahren erinnern. Das war im selben Raum, in dem jetzt auch die Ausstellung stattfindet. Da sah er aber noch nicht so elegant aus wie jetzt. Ich finde den Ort und auch das Wort »Glaspalast« toll. Der Name passt auch gut zu »Moloch«: ein Palast, der kurz vorm Einstürzen ist, auf fragilen Stützen steht.

Du bist zufrieden mit der Präsentation?

Ja, ich bin sehr zufrieden damit. Die Räume sind wunderbar.

Teile der in der Ausstellung präsentierten Bilder gehören Damien Hirst. Er hat eine Ausstellung von dir komplett aufgekauft. Kanntest du den Kollegen schon, bevor dieser Deal stattgefunden hat?

Er hat mich einmal in sein Museum eingeladen, die Newport Street Gallery in London – ein großes Gebäude, ehemalige Opernwerkstätten, die er schick hat umbauen lassen.

Dort präsentiert er deine Arbeiten immer mal wieder.

Vor zwei, drei Jahren hat er mich dort mal ausgestellt und vor kurzem hatten wir eine Schau in Soho. Irgendwie kam es, dass er mein Fan wurde. Er hat lange Zeit schon Sachen von mir gekauft, bevor er mich mal privat kontaktiert hat.

Vielleicht weil ihr beide Tiere mögt …

Tiere? Ja, maybe, kann sein … Aber seine Tierobjekte schimmeln jetzt gerade, er hat Probleme mit denen.

Hast du Haustiere?

Katzen und Vögel.

Vögel hast du auch mal hier in Augsburg ausgestellt, Wellensittiche.

Ja, »Brot für Maldi« hieß die Schau. Guter Titel, so hätte man die jetzige Ausstellung auch nennen können: »Brot für Maldi II« (lacht)

»Maldi« und »Moloch« …

Maldi war früher mein Spitzname.

Wie ist das, wenn du Tiere malst? Sitzen die Modell oder geht das über ein Foto?

Das meiste geht mit Fotos. Ich fotografiere auch alle Menschen, die ich male. Ich fotografiere sehr viel, aber irgendwann hat man das auch drauf, da braucht es kein Bild mehr als Vorlage, da kann man dann improvisieren und variieren. Am Ende sieht ja auch alles gleich aus, was ich male.

Sprichst du Menschen an und fragst, ob du sie malen kannst?

Grundsätzlich versuche ich immer Menschen zu malen, die mich interessieren, gar nicht so vom Äußeren her, es geht ja nicht um Schönheit. Geschlecht und Alter sind egal, es geht um Ausdruck, darum, dass die Person irgendetwas hat.

Wie gewinnt man das Vertrauen dieser Menschen? Das ist schon eine intime Geschichte, sich malen zu lassen.

Das stimmt, aber im Lauf der Zeit habe ich mir angewöhnt, mit Profi-Laien – zu arbeiten. Es gibt Menschen, die machen das beruflich, Aktmodelle an Hochschulen etwa. Die Leute wissen, was auf sie zukommt.

Es gäbe wohl auch eine Menge Menschen, die sich sehr geehrt fühlen würden, von dir gemalt zu werden. Nimmst du Aufträge an?

Nur in Millionenhöhe.

Danke für das Gespräch.

 

Künstlergespräch und Book Release

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit 160 Seiten bei Hatje Cantz, finanziert von der Arno Buchegger Stiftung Augsburg. Der Katalog wird in einer Veranstaltung am Samstag, 21. Mai in der Halle 1 im Glaspalast im Rahmen eines Künstlergesprächs und einer Podiumsdiskussion vorgestellt.

www.die-ecke.de

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