Politik & Gesellschaft

Der falsche Weg

Gast
29. April 2022

Kulturförderung als Akt der Selbstoptimierung – das neue »Augsburger Modell«. Ein Gastbeitrag von Peter Bommas

Der Kulturausschuss der Stadt Augsburg hat fast unbemerkt vor Ostern ein Förderkonzept für kulturell genutzte Räume beschlossen und sich wider besseres Wissen in der Pressemitteilung auch gleich noch »zur größten Vermieterin kulturell genutzter Räume« erklärt. Konkret ist dieser Beschluss eine »Zeitenwende« im Augsburger kulturpolitischen Förderdiskurs. Zukünftig sollen sogenannte »Förderparameter« über die Vergabe städtisch vermieteter Räume zur kulturellen Nutzung wirksam werden, wobei Bewerber*innen nach einer Vorprüfung durch das Kulturamt in einem Bewerbungsgespräch nach Professionalisierungsgrad, künstlerischem Potenzial, eigenständigem künstlerischen Profil und Schaffen, nach Diversity-Aspekten sowie nach Bereicherungsgrad für die Augsburger Kulturlandschaft abgeprüft werden sollen. Die Entscheidung der Raumvergabe trifft eine Jury aus Mitgliedern des Kulturausschusses und »zu benennenden lokalen Expert*innen« auf Basis vorbereitender Einschätzungen durch eine Kommission aus Expert*innen der Kommunalverwaltung und der lokalen Kulturszene. Die maximale Förderdauer beträgt sieben Jahre und ist in drei Förderphasen mit ansteigendem Mietpreis unterteilt. Was nach dieser befristeten Förderung passiert, bleibt offen. Hier wird ein für Projektförderungen gängiges, wenn auch umstrittenes und wenig nachhaltiges Fördermodell der Nutzung von Räumen übergestülpt – ohne Not, aber mit bitterem Beigeschmack.

Diese Vorgehensweise ist angelehnt an das sehr kontrovers diskutierte Münchner Zwischennutzungskonzept »Domagk-Modell« und wurde schon zwischen 2009 und 2012 von der Gribl/Grab-Administration unter Federführung des damaligen Popkulturbeauftragten und späteren OB-Referenten Richard Görlich favorisiert, um damit die Philosophie und Praxis der vom Kulturpark West entwickelten Raumangebote zu destabilisieren. Kultur als neoliberaler Markt der Konkurrenz, schon beim Ergattern der räumlichen Voraussetzungen für Kulturarbeit. Eine schräge Idee. Damals ist das nicht gelungen, der Kulturausschuss hat ein solches Konzept abgelehnt und den im Grundsatzpapier Kulturpark West formulierten Basissatz »Kultur für alle« gestützt. Der Auf- und Ausbau der Kreativlandschaft im ehemaligen Reese-Gelände und aktuell auf dem Baywa- und Gaswerkareal funktioniert gerade deshalb so erfolgreich und nachhaltig, weil von Beginn an auf diese Art von Bewertungsmarathon verzichtet wurde: Raum zur kulturellen Nutzung für alle, ohne soziale oder künstlerische Ausgrenzung durch Kommissionen!

Es wird zukünftig ein Hauen und Stechen geben bei diesem Zwang zur kulturellen Selbstoptimierung, und die immer knappen Räume werden an die gehen, die sich als die besten und smartesten Selbstdarsteller*innen präsentieren. Es wird zwei konkurrierende Fördermodelle geben, wobei das städtische Modell nur für »Augsburger*innen« gelten soll – als gäbe es Kulturlandschaften sortiert nach Postleitzahlen. Und ganz nebenbei – diese Art von Förderung ist kontraproduktiv im aktuellen Diskurs um kulturelle Nachhaltigkeit. Schon irgendwie seltsam, dass unter Regierungsbeteiligung der Grünen solche kulturelitären Konzepte realisiert werden – und weder von der Opposition noch Aktivist*innen der Kulturszene ein Aufschrei erfolgt!

Peter Bommas ist Geschäftsführer der Kulturpark West gGmbH. Das Unternehmen ist der größte Anbieter von Kreativräumen in der Region.

 

Bildunterschrift: Grundsteinlegung für den falschen Weg? Mit der Grundsteinlegung in Form einer Alubox gaben (v.li.) Kulturreferent Jürgen Enninger, Gaswerksleiter Nihat Anac (swa), Architekt Johannes Eck (Fa. Pletschacher) und swa-Geschäftsführer Alfred Müllner den Startschuss für den Bau der Musikbox auf dem Gaswerksareal.

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