Politik & Gesellschaft

Endlich fertig?

Julian Stech
7. April 2015

Wenn die Rapper von Deichkind etwas Politisches zu sagen haben, tun sie das am liebsten mit einer geballten Ladung Sarkasmus. »Wir ham’ das klargemacht, das Ding nach Haus’ gebracht / Die Welt ist fertig, endlich fertig« (»Die Welt ist fertig«), heißt es auf ihrem neuen Album »Niveau Weshalb Warum «. Der Mensch bastelt unersättlich am Blauen Planeten herum, ist ein Opfer der Werbung und bekommt den Hals nicht voll. So sehen Deichkind den Erdenbürger dieser Tage. Es wird mit dem Staat und der Gesellschaft abgerechnet. Und das nicht mehr auf lässigen Soul-Samples und Beats in schleichenden 90 bpm, sondern auf verrückten Synthis und tonnenschweren, komprimierten Bässen. Doch haben diese Texte genug revolutionäres Potenzial, um eine Veränderung in unseren Verhaltensweisen mit anzuschieben? Oder anders gefragt, bewegen die Stars aus Hamburger mit ihrer Arbeit mehr als nur die Ärsche der Fans bei den großen Festivals und Clubevents in Europa während ihrer laufenden Tour? Bisher ist der Umbruch nur musikalisch vollzogen.

In Deutschland hat sich in den letzten Jahren ein neues Genre entwickelt: Rap und Gesang auf harten Elektro-Beats. Sounds haben sich vermischt. Sounds, die ihre Geschichte haben. Techno, Trance, Drum and Bass, oder wie auch immer man die programmierten Tracks begrifflich voneinander unterscheiden will, haben sich seit den Anfängen, lange vor der ersten Loveparade 1989, bis in die Gegenwart ständig weiterentwickelt. Elektro ist zu einem Massenhype geworden, hat mittlerweile verschiedenste Subkategorien und konnte jahrelang auch ohne nennenswerten Gesang und eindringliche Hooks gut leben.

Aber wie sieht es beim Hip-Hop aus? Was wäre Hip-Hop ohne Worte? Was wäre Rap ohne eine attitude? Schwer vorstellbar, denn diese Musik definiert sich durch die Message hinter den Texten. Rap war und ist Musik der Straße, der gesellschaftlich Unterdrückten. Wie das geniale Großmaul Tupac Shakur schon von sich behauptete: »I’m a reflection of the community.« Natürlich spielen auch hier melodiöse und tanzbare Beats eine große Rolle. Ohne diesen Flow hätte Hip-Hop nie den kommerziellen Status erreichen können, der seinen erfolgreichsten Protagonisten täglich ein Bad im privaten Geldspeicher erlaubt.

Doch abgesehen davon war das, was Hip-Hop von Anbeginn ausgemacht hat und zu einer weltweiten Bewegung werden ließ, das Identifikationspotenzial der Verse, der Aufschrei einer unzufriedenen Jugend, die Anklage einer sozialen Ungerechtigkeit. Von den Ghettos und Suburbs der USA bis in die deutschen Vorstädte und Flüchtlingssiedlungen. Ganz fein hinein, in jede Gesellschaftsschicht. Heute hören wir in Deutschland eine Verschmelzung dieser beiden die Massen anziehenden Genres. Wie zwei knutschende Superstars, die plötzlich in der Öffentlichkeit Händchen halten. Aber warum auch nicht? Denn richtig programmiert und designt können Elektro-Beats hervorragend die Kraft und Unruhe wiedergeben, die ein Rapper benötigt, um sein Anliegen musikalisch zu vermitteln.

Dass ernsthafte, oft von linkem Gedankengut geprägte Themen in den Köpfen vieler deutschsprachiger Künstler spuken, ist mittlerweile deutlich hörbar. »In der Welt, in der du lebst, ist jeder jedem egal / Das Zentrum der Gesellschaft ist wie ein Ikearegal / Und solange du in eine dieser Schubladen passt / auf der verwertbar steht, kannst du alles tun oder lassen« (»Ikearegal«). So besingt die Antilopen Gang ihre Haltung gegenüber dem System auf ihrem 2014 erschienenen Album »Aversion«. Ein System, in dem nicht die Persönlichkeit des Menschen im Vordergrund steht, sondern der Nutzen, der aus ihm gezogen werden kann. Leistungsdruck, Ignoranz, Kapitalismus, Rechtsextremismus, Umweltzerstörung, Massenkonsum. Dies sind nur ein paar der Themen, die nicht nur von Rappern, sondern auch in Texten von Elektro-Punk-Bands wie Egotronic oder Frittenbude behandelt werden. Diese Gruppen zeigen, dass linke Politik in der Musik thematisiert werden muss, schon deshalb, um dieses Feld, wie viel zu lange geschehen, nicht allein den Rechten zu überlassen. Damit dieser Schritt funktioniert, darf kein Blatt vor den Mund genommen werden.

»Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.« Dieses Zitat wird dem französischen Dichter Victor Hugo zugeschrieben. In der Tat ist der Transport politischer Ideen und Gedanken keine Erfindung der Generation Youtube. Das Problem ist nur, der Soundtrack zur Revolution hatte für Außenstehende schon immer mehr Sexappeal als die Idee zur Revolution. Der Dancefloor macht alle gleich, aber eben nur für einen Track, im besten Fall für die Dauer einer Party. Danach zischt der eine im Porsche zur Villa vom Herrn Papa und der andere ist froh, wenn er noch zwei Euro für die letzte Straßenbahn zur Sammelunterkunft zusammenkratzen kann.

Vom Nutzen revolutionärer Töne für die Werbeindustrie können die Bob Dylans oder Iggy Pops dieser Welt ebenso ein goldenes Liedchen singen wie ihre schwarzen Brüder. Populäre musikalische Aktivisten, die ihre Musik versilbern, weil sie Essen, Trinken und eine eigne Villa am Strand wollen, gibt es schon so lange, wie es unsere neuzeitlichen Probleme gibt. Viele standen oder stehen links, manche rechts.

Nur der vorhersehbare gesellschaftliche Tod einer Marke und ihrer Dealer verschont uns heute noch vor Werbeclips, unterlegt mit musikalischer Deutschtümelei. Die Chancen, mit rechtem Sound und rechten Texten einen Werbecoup zum Beispiel für Bier oder Hundefutter zu landen, dürften nicht schlecht stehen. Dies sieht, wer gelernt hat, zu hinterfragen, und nicht nur blind mit irgendwelchen Strömungen schwimmt. In Zeiten von Pegida-Aufmärschen, Terror gegen Publizisten, unberechenbaren Zeitarbeitsfirmen und der Freude am Billigkonsum wird deutlich, welche Unwissenheit, Ungerechtigkeit und Unreflektiertheit unsere Gesellschaft beherrscht. Es wundert uns nicht wirklich, wenn rechte Bands, die auf der musikalischen Schiene Fremdenhass schüren, auf Zuspruch stoßen. Ihre Texte werden bei Konzerten von strammen Kameraden ebenso mitgegrölt wie von den Schafen, die in der Gemeinschaft aufgehen. Aber was passiert hier wirklich? Wird hier Gesinnung transportiert, verbreitet und geteilt oder »nur« ein vermeintlich geiles Gemeinschaftsgefühl erzeugt? Letzteres wohl kaum. Rechte Parolen verschwinden nicht einfach so, nur weil im Publikum nicht jeder politisch denkt. Parolen werden vom Publikum absorbiert, wiederholt, gelernt und irgendwann geglaubt. Dafür sorgt schon das Unterbewusstsein, wie bei der nervigen Müslireklame.

Aber schaffen es auch Bands mit linken Texten, etwas in den Köpfen ihrer Zuhörer zu bewirken? Oder finden die Fans einfach nur die Beats und die Stimmung cool, weil man auf ihnen gut abfeiern kann? Viele der Songs sprechen die alltäglichen Schwierigkeiten von Menschen an, seien es Ausländerfeindlichkeit, Perspektivlosigkeit oder gesellschaftliche Zwänge. Doch sind diese Probleme hierzulande wohl oft nur Theorie. Zu schmerzfrei ist das Leben und zu unausgereift das Bewusstsein, als dass hierdurch wirklicher Alarm ausgelöst könnte. Obwohl das manche Antifa-Bands gerne propagieren.

Es scheint kein Widerspruch, wenn Chefs, Arbeiter und Arbeitslose mit ähnlichen Phrasen über den Sozialstaat herziehen. »Hallo Deutschland / Du fühlst dich immer noch so deutsch an« (»Deutschland 500«), schreit es Frittenbude klagend ins Mikrofon. Aber sobald die EU-Fördermittel eingegangen sind, der Lohn überwiesen und die Harz-IV-Kohle auf dem Konto ist, wird erst einmal gefeiert, und wenn Deutschland spielt, Balkon und Auto schwarz-rot-gold geschmückt. Dann bleibt die Eisenstange einen weiteren Monat im Keller. Die Wut ist gebannt und die Politik hat gewonnen. Griechische Verhältnisse mit Massenarbeitslosigkeit, Hunger und Armut würden in Deutschland wohl kein halbes Jahr friedlich verlaufen. Und da würde auch kein noch so guter Popsong etwas daran ändern. Eher im Gegenteil. Denn die Worte zur Musik sind enorm wichtig. Also pass auf, was du hörst, vergiss nicht, zu interpretieren, und ordne deinen Verstand nicht der Musik unter. Politische Auseinandersetzungen müssen stattfinden, bevor man zu einem unwissenden Mitläufer wird. Und wer verzweifelt merkt, die Gesellschaft ist das Letzte, mit dem er etwas zu tun haben möchte, der sollte sich lieber über einen funktionierenden Aussteigerplan Gedanken machen, als sich von Hass und Selbstmitleid lenken zu lassen.

Zum Glück empfindet der Mensch nicht nur die inneren Lasten gesellschaftlicher Missstände. Auch im Feiern und Sich-gehen-Lassen sind wir große Künstler und Teamplayer. Und in diesem Rahmen steht auch wieder ein Event des Vergnügens vor der Tür. Wer also dabei sein möchte, wenn in Augsburg mal wieder »die Buddel peng macht«, der zieht sich sein verrücktestes Outfit an, geht zum Deichkind-Konzert am 21. April und schaut Rap und Elektro beim Knutschen zu, sofern er schon ein Ticket hat. Das Konzert ist nämlich ausverkauft.


Ein Beitrag von Julian Stech und Jürgen Kannler, unter Mitarbeit von Patrick Bellgardt

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