Klassik

Die eigene(n) Note(n) hinterlassen!

Renate Baumille...
29. Juni 2022

Der Augsburger Geiger Sandro Roy freut sich auf seinen Auftritt als Solist gemeinsam mit der Bayerischen Kammerphilharmonie am 3. Juli im Parktheater. Mit seiner selber komponierten »Fantasie für Violine und Orchester op. 4«, die er diesem Orchester gewidmet hat, gibt es sogar eine Welturaufführung!

Sandro Roy (*1994) trägt seine Heimatstadt Augsburg tief im Herzen und erwähnt sie mit Stolz bei seinen internationalen Konzertauftritten. Von den Medien wird er als Shootingstar gehandelt, er gilt als einer der seltenen jungen Sinti-Geiger, die Klassik, Jazz und Gypsy Swing mit großer Selbstverständlichkeit und virtuoser Gleichwertigkeit vertreten und interpretieren.

Roy studierte ganz klassisch bei Prof. Linus Roth am LMZ der Universität Augsburg, schloss seinen Bachelor und seinen »Master of Music« mit Bestnote ab. Nicht nur Augsburg hat das immense Potenzial von Sandro Roy früh erkannt und mit Förderpreisen gewürdigt. Weder die Konzerte vor dem Bundespräsidenten auf Schloss Bellevue noch jüngste TV-Auftritte und schon gar nicht seine Solokonzerte unter anderem mit der Kammerphilharmonie Bremen oder dem Concertgebouw Chamber Orchestra Amsterdam bringen ihn aus der Fassung. Beim Thema Lampenfieber winkt er ab: »Ich habe da längst meine eigene mentale Methode, um bei meinen Auftritten die störende Nervosität auszublenden.« Ganz nebenbei agierte er jüngst als »stiller Empfehlungsgeber« und Star beim Django-Reinhardt-Festival, das vom 3. bis 5. Juni mit einem sensationellen Line-up im Gögginger Parktheater über die Bühne ging.

Keinesfalls versäumen sollte man das Konzert »The Gypsy Violin«, das er gemeinsam mit der Bayerischen Kammerphilharmonie am Sonntag, 3. Juli (18 Uhr) gibt. Neben Bartóks »Rumänischen Volkstänzen« stehen unter anderem die temperamentvollen »Aires gitanos« von Pablo de Sarasate und vier eigene Kompositionen aus der Feder von Sandro Roy auf dem Traumprogramm!

Es läuft also bestens bei Sandro Roy, der bereits zwei Alben eingespielt hat und dessen aktuelles Album »Discovery« (mit Jazzgrößen wie Biréli Lagrène und Martin Taylor) am 29. Juli herauskommt – das CD-Release-Konzert erfolgt im August beim Schleswig-Holstein-Festival und damit bei einer der ersten Adressen für junge Weltstars. Grund genug, ihn persönlich zu treffen und einmal genauer nachzufragen, wie er das alles so fabelhaft auf die Reihe bzw. die Saiten bringt:

Wie kam es dazu, dass du jetzt auch noch eigene Werke für Violine und Streicherensemblestücke komponierst – gibt es nicht schon hinreichend attraktives Repertoire für dein Instrument?

Da kam die Pandemie gerade recht, um mich einmal intensiver auch dem Komponieren für Stücke mit Orchester zu widmen und mir quasi den passenden Klangteppich zu legen. Vom Jazz her verfüge ich über eine gute harmonische Basis und am LMZ lernte ich im Musikstudium die Kompositionsbasics. Die Voraussetzung für das Komponieren ist das Improvisationsvermögen. Vieles von dem, was ich eigentlich automatisch konnte, musste ich natürlich mit Theorie unterfüttern, um kein Durcheinander zu erzeugen. Ganz wichtig ist mir mein sehr eigener Stil.

Das heißt …

Als Musiker bin ich inspiriert, und wenn ich ein Stück schreibe, ist da alles drin: die Gypsy -Melancholie und das Temperament, die klassische Ernsthaftigkeit und der Satzbau und dann sehr viele Jazzharmonien. Wenn sich mehr Geiger trauen würden, ihre eigenen Stücke zu schreiben, dann wäre die Klassik viel belebter und interessanter. Man muss sich einfach fragen, ob man sein Leben lang »Klangdiener« sein will und nur Interpret fremder Stücke oder ob man seine eigene Note hinterlassen will und dafür auch den Mut hat, sein eigenes Violinkonzert zu schreiben. Klar, ich komponiere mir das auf den Leib. Mit meinen eigenen, sehr persönlichen Kompositionen bin ich einfach noch dichter an der Musik dran.

Wie reagieren die Veranstalter und die Orchester, die dich buchen, darauf?

Bislang alle positiv. Für das kommende Jahr stehen einige Konzertprojekte mit sinfonischer Besetzung an, und da würde ich mich schon freuen, noch öfter eigene Werke mitbringen zu dürfen. Ich werde ja schon klar auch als »Sinti-Geiger« beworben und fülle diese Nische. Man bucht mich für ein Programm zwischen Gypsy, Jazz und Klassik – das ist mein Markenzeichen, und da gibt es halt nur eine Handvoll Musiker außer mir. Ich denke und hoffe, dass ich mit den eigenen Stücken noch ernster genommen werde, als wenn ich zum hundertsten Mal mit Sarasate ankomme oder Bach und Mozart spiele – was ich auch ganz gut kann.

War dein Sinti-Background eigentlich eher Türöffner bei den Veranstaltern oder hast du im Laufe deines Lebens auch Rassismus erfahren?   

Wenn mich jemand fragt, wo ich herkomme, dann sage ich »aus Augsburg«. Bedingt durch meine Herkunft habe ich sowohl gute als auch wenige unschöne Erfahrungen gemacht. In meiner Schulzeit an der Oberhauser Kappellenschule, wo ich die Mittlere Reife machte, gab es keinen Rassismus. Als Musiker überwiegen die guten Erfahrungen. In anderen Bereichen sind die Vorurteile schon noch so ausgeprägt, dass man sein Sinti-Sein eher verheimlicht. Es gibt einfach die angeborenen Scheuklappen und die vielen verborgenen Ängste. Dass man jetzt kritisch mit den rassistischen, diskriminierenden Worten und Begriffen umgeht, empfinde ich als Signal und gutes Zeichen.

Vielen Dank für das Treffen und toi, toi, toi für die nächsten Konzerte!

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