Theater & Bühne

Von echter und eingeflüsterter Liebe

Renate Baumille...
18. Juni 2021

Mit einem energiegeladenen, jungen Darsteller-Quintett hat Staatstheater-Regisseur David Ortmann die berühmte romantische Verskomödie »Cyrano de Bergerac« von Edmond Rostand für lauschige Sommernächte auf dem »Kunstrasen« inszeniert und die Zuschauer »mit der Nase« auf die Bedeutsamkeit innerer menschlicher Werte gestoßen.

Man staunte nicht schlecht an diesem warmen Premierenabend, wähnte man sich doch - wären da nicht die weißen Plastiksitze gewesen - um ein paar Jahrhunderte zurückversetzt, als umherziehende Schauspielertruppen lauthals auf wackelig zusammengeschusterten Holzverschlägen die Welt zur Wanderbühne (Bühne: Jürgen Lier!) machten, um sich die Gunst des Publikums zu sichern. Gegeben wurde mit Edmond Rostands 1897 uraufgeführtem Versdrama »Cyrano de Bergerac«, ein Meisterwerk der französischen Romantikkomödie. Mit waghalsigen und in der Augsburger Inszenierung brillant absolvierten Fechtszenen (einstudiert von Armin Kurzmaier) erfüllt es zum einen die Ansprüche eines unterhaltsamen Mantel- und Degen-Stücks, führt mit dem tragischen Schicksal des mit Wortwitz und Kampfgeschick gesegneten Titelhelden aber auch in die schmerzhaften Gefilde unerfüllter Liebe. Denn so groß wie sein Riechorgan ist die Zuneigung, die Cyrano gegenüber seiner schönen, selbstbewusst, forsch wie fordernd auftretenden Cousine Roxane (Mirjam Birkl) empfindet. Die aber ist für Cyranos Regimentskameraden Christian (Julius Kuhn) entflammt, der ebenso schön wie schlicht im Geiste ist. Roxane bestimmt den treu ergebenen Cyrano zu dessen Beschützer und macht ihn damit unfreiwillig zum Ghostwriter und Souffleur in Sachen Herzenseroberung. Cyrano erfüllt diesen Auftrag mit Bravour und aller Heimlichkeit, ganz nach dem Motto: »Ich werd‘ Dir Geist und Du mein Körper sein« und wird erst viele Jahre später, kurz vor seinem Tod von der mittlerweile als Witwe im Kloster lebenden Roxane erkannt und gewürdigt.

In der Titelrolle durfte man erstmals Florian Gerteis erleben, der sich mit Cyranos Qual ob der - von der Maske eher moderat hässlich modellierten - Nase ebenso identifizierte wie mit seinem Potential für Leidenschaft, wenige Duelle, Loyalität und die Macht der Poesie. Wirklich köstlich geriet die »Balkon«-Szene, in der er seinem Quasi-Rivalen in einem aberwitzigen Gestentanz die von Roxane erwünschten Liebesschwüre souffliert. Leider ging im letzten Drittel der über zwei (pausenlosen) Stunden währenden Inszenierung das zuvor durchaus vorhandene Gespür für Situationskomik und Timing ein wenig verloren, so dass sich die mit reichlich Trockeneis und Stoffblut atmosphärisch aufgeladenen Grabenkampf-Szene und das Finale im Klostergarten doch ziemlich in die Länge zogen. Der Schlussbeifall machte dennoch klar, dass dieser spektakuläre Augsburger Open-Air-»Cyrano de Bergerac« nicht zuletzt auch dank der geistreichen Stückfassung und der geschlossen starken Ensembleleistung in jedem Fall einen Besuch lohnt.

www.staatstheater-augsburg.de

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