Theater & Bühne

Das Desaster der Liebe und ihrer Spiele

Bettina Kohlen
11. Juni 2019
don_pasquale_staatstheater augsburg_2019_foto_jan-pieter_fuhr_8265.jpg

Da sitzt einer am Rand der Bühne, nicht mehr jung, nicht gerade schlank, altbackene Strickjacke. Doch dann bricht die Ouvertüre über ihn herein und es geht rund. Nicht nur für Don Pasquale – um den handelt es sich bei dem Herrn. Ernesto, Neffe und Erbe dieses vermögenden Junggesellen, möchte die mittellose Norina heiraten. Dem Onkel passt das gar nicht, er stellt Ernesto vor die Wahl: Entweder reich heiraten oder er, Don Pasquale, geht selber den Bund der Ehe ein. Da Ernesto nicht einsichtig ist, muss also eine Braut für den Onkel her. Dessen Arzt, Doktor Malatesta, legt ihm seine tugendhafte Schwester Sofronia ans Herz. Der Don ist begeistert, es soll geheiratet werden. Was er nicht weiß – aber natürlich das Publikum: Sofronia ist Norina, das Ganze ist ein schräg-intrigantes Spiel, bei dem bald klar wird, wer erfolgreich aus der Sache heraus geht. Der für Don Pasquale leidvolle, für die Zuschauer*in um so amüsantere Zwischenschritt ist eine kurzfristige Ehe des Grauens. Doch am Ende des bösen Durcheinanders bekommt die kluge gewitzte Norina ihren Ernesto und dieser darf später irgendwann erben …

Das wilde Hin und Her der Beziehungen und Absichten ist zum einen ein typischer Plot der komischen Oper, bei dem die Jungs nicht gut aussehen, passt in seiner beinahe tragischen Banalität aber ebenso sehr ins heute. Konsequent verlegt Regisseurin Corinna von Rad das Geschehen in die Gegenwart mit ihren Partnersuchmöglichkeiten: Agenturen, Shows und Selbstoptimierung werden bemüht, um die ideale Partner*in zu ergattern. Das schlichte graue Setting (Rolf Käselau) scheint eine Art Fernsehstudio zu sein, in dem das Bühnengeschehen beinahe zu einer trashigen Doku-Soap gerinnt. Auf einer unübersehbar über dem Ganzen schwebenden Anzeigetafel erscheinen wechselnde Sinnsprüche der Marke »fake it till you make it«. Auch an Flitter und exaltierten Kostümen (Sabine Blickenstorfer) herrscht kein Mangel: da gibt es Hasenkostüme, goldene Lametta-Kleider und als Höhepunkt ein wildes Tüllgebirge als Hochzeitskleid.

Das unterhaltsame Chaos auf der Bühne wäre nichts ohne gute Akteure. Die Gäste Florian Götz (im Wechsel mit Wiard Witholt) als Malatesta und Emanuele D’Aguanno als Ernesto bieten eine solide Leistung, bleiben dennoch ein wenig blass. Jihyu Cecilia Lee (die sich die Rolle mit Olena Sloia teilt) stöckelt als Norina sehr entschieden umher – hier lässt sich eine nicht die Butter vom Brot nehmen. Sie weiß genau, was sie will und wie sie es bekommt, doch lässt sie immer wieder eine irritierende Poesie anklingen, die eine Tiefe andeutet, die über Vorteilsdenken hinaus geht. Souverän getragen wird die Inszenierung von Stefan Sevenich (jetzt als Gast, früher Ensemblemitglied), der als Don Pasquale in jeder Hinsicht ideal besetzt ist. Gesang, Artikulation und Spiel passen genau, auch seine erstaunliche Behändigkeit machen Zuschauen und Zuhören zur Freude.

Ob Donizetti wirklich, wie die Regisseurin äußert, nur Oberfläche ohne Botschaft liefern wollte, sei dahingestellt. Die Komplexität des musikalischen Geschehens entspricht nicht ganz dieser Lesart. Geht es auf der Bühne vielleicht arg plakativ zu, setzen die Philharmoniker*innen unter Leitung von Domonkos Héja musikalisch den Kontrapunkt. Dieses kontrastierende Zusammenspiel von Geschehen und Musik lässt zwar zwei Sichtweisen aufeinander los, macht aber so immer wieder darauf aufmerksam, dass vielleicht doch nicht alles im Leben so eindimensional ist … Großer Applaus, gute Unterhaltung – auch in der nächsten Spielzeit.

www.staatstheater-augsburg.de

Letztmals in dieser Spielzeit am 12. und 16. Juni, in der Spielzeit 2019/20 erstmals am 31. Oktober.

Weitere Positionen

21. Oktober 2021 - 14:00 | Jürgen Kannler

Der erfreuliche Fund von 15 Kilogramm römischer Silbermünzen bringt die Augsburger Politik einmal mehr in Verlegenheit.

18. Oktober 2021 - 16:29 | Sophia Colnago

In der ersten Folge des neuen Podcasts »Lisa & me« geht es um das Gaswerkquartier und die Umsetzung von Kreativraum für Künstler*innen.

18. Oktober 2021 - 15:26 | Sarvara Urunova

Am Wochenende wurde das Mozartfest feierlich eröffnet.

16. Oktober 2021 - 9:00 | Bettina Kohlen

Gerold Sauter arbeitet ausschließlich mit Metall. Als Künstler, Handwerker und Unternehmer gelingen ihm immer wieder überzeugende Lösungen für das ganz Spezielle … Ein Portrait

15. Oktober 2021 - 10:00 | Gast

Seit Juni läuft im tim die Schau »Who cares? Solidarität neu entdecken«. Jürgen Kerner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, nahm zum Ausstellungsstart in einer Rede Stellung zum Thema Solidarität. Hier seine Rede in Auszügen.

15. Oktober 2021 - 9:00 | Anna Hahn

Das Volkstheater München eröffnet die Spielzeit im Theaterneubau im Schlachthofviertel. Beim Bau blieb man in der veranschlagten Bauzeit und im vorgegebenen Budget von 131 Millionen Euro.

14. Oktober 2021 - 11:18 | Jürgen Kannler

Noch vor den Sommerferien traf a3kultur-Chefredakteur Jürgen Kannler den Augsburger Kulturreferenten Jürgen Enninger und den Kulturpark-West-Geschäftsführer Peter Bommas zum gemeinsamen Interview. Das ist ein Novum.

14. Oktober 2021 - 10:32 | Renate Baumiller-Guggenberger

Am Samstag startete die dreiteilig konzipierte Reihe »Zukunft(s)musik« des Staatstheaters im MAN-Museum. Unter der Leitung von GMD Domonkos Héja vermittelten die vier ausgewählten Werke eindrucksvoll die kompositorische Bandbreite, die hörbaren Gegensätze und das visionäre Vermögen des 2006 in Wien gestorbenen György Ligeti.

12. Oktober 2021 - 13:05 | Iacov Grinberg

Im Kulturhaus Abraxas tanzen derzeit die Puppen: Im Rahmen der Klapps PuppenSpielTage 2021 besuchte Iacov Grinberg für a3kultur eine Vorstellung des »Theaters con cuore«.

11. Oktober 2021 - 12:15 | Juliana Hazoth

Die erste Premiere der Saison erfreut das Publikum des Sensemble Theaters mit einer amüsanten Komödie und unerwarteten Wendungen.