Literatur

Comic-Künstlerinnen und -Künstler auf Erfolgskurs

Anna Hahn
26. November 2021

Die Comic-Autorin Lisa Frühbeis erhält heuer den 62. Kunstförderpreis der Stadt Augsburg in der Kategorie Literatur. Dazu herzlichste Gratulation! Eine sehr gute Entscheidung der Stadt, findet Michael Moratti. Ein Gastbeitrag mit Lesetipps.

Zum einen, weil die Stadt damit zeigt, dass sie den Comic – oder für die, welche es lieber mögen: die Graphic Novel – in der Literatur fest verankert sieht, und zum anderen, weil die junge Wahlaugsburgerin in der Comic-Szene längst eine feste Größe ist. Finanzierte sie ihre Kunst die erste Zeit über die kreative Beratungsleistung »Graphic Recording« und hat sie sich auch in diesem Feld einen Namen gemacht, ist sie, spätestens seit der Tagesspiegel 2017 ihre feministischen Kolumnen veröffentlichte, in der Oberliga des deutschen Comics angekommen. Legendär sind ihre Vorträge auf dem internationalen Comic-Salon in Erlangen 2018 über die Darstellung der Frau im Comic. Bei denen sich auch der Autor dieser Zeilen an der eigenen Nase packen musste, wenn es um den ausgeprägten Sexismus im Comic geht. 2020 wurden die feministischen Kolumnen vom Carlsen-Verlag als Buch mit dem underbaren Titel »Busengewunder« veröffentlicht.

»Busengewunder« von Lisa Frühbeis

erschienen im Carlsen Verlag
128 Seiten
Flexocover
15,00 €

Noch bevor die erste Auflage vergriffen war, erhielt Lisa Frühbeis für dieses euerwerk an humorvoller Frauenpower 2020 den »Max und Moritz« für die Kategorie »Bester Comic-Strip national«. Dieser »deutsche Comic-Oscar« und internationale Comic-Preis wird in Erlangen auf dem nternationalen Comic-Salon alle zwei Jahre bei einer Gala verliehen. Den Leserinnen und Lesern kann ich aber nicht nur ihr scharfsinniges und mit viel Witz gezeichnetes Buch »Busengewunder« empfehlen, sondern auch ihren Beitrag »Afras Geschichte – Die Stadtheilige der Stadt Augsburg«, der 2017 im Sammelband »Versunken und Entsprungen« im Wißner-Verlag erschienen ist. Mit flottem Strich lässt Lisa Frühbeis die Männer ganz schön alt aussehen, wenn sie am Ende resümiert: »Letztendlich ist es egal, ob es sie wirklich gab. Uns bleibt die Geschichte einer Frau. Erzählt von Männern.« Lisa Frühbeis hat ihr Atelier in Augsburg bei der Antonspfründe und man darf gespannt sein, welch literarischer Hochgenuss mit humoristischer Zeichenfeder von dort noch von ihr zu erwarten ist.

Ein weiterer Comic-Künstler, der aktuell in der Szene Gespräch ist, ist Paul Rietzl. Eine seiner ersten Publikationen war 2016, damals noch als Student, die Kurzgeschichte »Welcome to Utopia« im Sammelband »Geschichten aus dem Grandhotel«. Studierende der Hochschule Augsburg erstellten Comic-Reportagen über die ergreifenden und wahren Erlebnisse geflüchteter Menschen. Leider immer noch aktuell. Die Süddeutsche Zeitung titelte über das Werk damals: »In die Seele gezeichnet«! Nun legt Paul Rietzl mit »Augsburg 1521« sein Debüt im Albumbereich vor. In Zusammenarbeit mit dem Maximilianmuseum Augsburg und der Kuratorin der Ausstellung »Stiften gehen« Dr. Heidrun Lange-­Krach, entstand eine packende Graphic Novel über das sehr harte Leben der einfachen Menschen im Augsburg des Jahres 1521. Erschienen ist der Band im Augsburger Comic-Verlag Bunte Dimensionen. Wenn man sich auf das zuerst ungewöhnliche Layout mit teilweise sechs Bilderstreifen pro Seite einlässt, fesselt die in Schwarz-Weiß gehaltene Geschichte und macht Lust auf mehr.

Wer mehr über das 16. Jahrhundert und in Farbe lesen möchte, dem sei die neue Graphic Novel »Bloody Mary« von Kristina Gehrmann empfohlen. Die Geschichte der Mary Tudor ist im Hamburger Carlsen-Verlag erschienen und wird sicher nächstes Jahr auf dem Comic-Salon in Erlangen ein Kandidat für den »Max und Moritz« sein. Ein Historiencomic von Feinsten! Das Interessante: Viele Comic-Künstlerinnen und -Künstler zeichnen analog und kolorieren dann oft gerne digital. Kristina Gehrmann dreht diese Vorgehensweise um. Sie zeichnet digital und koloriert dann analog in wunderbar anmutender Aquarelltechnik. Ein für Leserinnen und Leser informatives »Making-of« zeigt dies auch ausführlich im Buch. Solche Infos sind für das Publikum wichtig, um den immensen Arbeitsaufwand einer Graphic Novel zu verstehen und den Wert eines solchen Buches richtig einzuschätzen.

Aktueller geht es in der Wiederauflage des Justiz- und Politthrillers »Der Schatz der Black Swan« zu. Nach einer wahren Begebenheit erzählt der Schriftstelle Guillermo Corral zusammen mit dem Zeichner Paco Roca von einer spektakulären Intrige um die Bergung eines Schiffwracks im Jahre 2007. Mit viel Einblick in den Sumpf des internationalen Pokerspiels um Macht und gnadenlosen Profit. Vorsicht! Nach dem Lesen ist man etwas desillusioniert, was die internationale Zusammenarbeit angeht. Aber eine Breitseite Realität ist vom Autorenteam gewollt. Erschienen bei Reprodukt.

Brandaktuell und mit vielen Lachern lässt uns der Kölner Comic-Autor Ralf König in seinen »Vervirten Zeiten« die Abenteuer seiner Helden Konrad und Paul während des letzten Corona-Lockdowns miterleben. König erreicht hier die Qualitäten eines Loriot, wenn er den Alltag seines schwulen Pärchens in vier Panels (Bildchen) pro Seite zerlegt. Auch für Neueinsteiger in Ralf Königs Comic-Welt geeignet. Erschienen bei Rowohlt.

 

Morattis Graphic Novels Tipps:

»Versunken und Entsprungen«

mit einer Geschichte von Lisa Frühbeis
erschienen im Wißner-Verlag
112 SeitenSoftcover
12,80 €

»Augsburg 1521«

von Paul Rietzl
erschienen im Verlag Bunte Dimensionen
48 Seiten
Hardcover
15,00 €

»Geschichten aus dem Grandhotel«

mit einer Geschichte von Paul Rietzl
erschienen im Wißner-Verlag
96 Seiten
Softcover
12,80 €

»Bloody Mary«

von Kristina Gehrmann
erschienen im Carlsen-Verlag
332 Seiten
Hardcover
28,00 €

»Der Schatz der Black Swan«

von Guillermo Corral und Paco Roca
erschienen im Verlag Reprodukt
216 Seiten
Hardcover
24,00 €

»Vervirte Zeiten«

von Ralf König
erschienen im Rowohlt-Verlag
192 Seiten
Hardcover
24,00 €

Zur Person:
Michael Moratti

Michael Moratti hat das Büchermachen von der Pike auf gelernt.

Nach einer Ausbildung zum Litografen und dem Drucktechnik-Studium war er Projektleiter für Druckereien.

Seit 2014 ist er Verlagsleiter beim Wißner-Verlag und hat als Autor fünf Bilderbücher veröffentlicht.

Im Februar 2022 erscheint von ihm der Comic »Jakob und das goldene Fugger-Ei«, den er auch selbst zeichnet.

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