Tanz

Chopin. Atem. Temperament

Renate Baumille...
23. April 2018

Großen Jubel hatte sich am Ende die erneut auffallend homogen agierende Compagnie des Balletts Augsburg im dreiteiligen Ballettabend »Dimensions of Dance. Part 1«  mehr als redlich, nämlich mit einer tänzerischen Glanzleistung, verdient. Die nahezu unerschöpfliche Kondition, über die professionelle Bühnentänzer verfügen, schien nach drei physisch fordernden Ensemble-Stücken, die kaum Verschnaufpausen ließen, ausgereizt. Kein Wunder! Ohnehin mochten an diesem Abend selbst die Ballettfans, die bekanntlich nie genug bekommen, durchaus an das berühmte »Weniger ist mehr«  gedacht haben. Mit einer Gesamtdauer von gut drei Stunden inklusive der beiden Pausen zog sich die Premiere diesmal – womöglich auch bedingt durch den Bühnenunfall einer Tänzerin und die damit spontan erzwungenen Änderungen – ein wenig in die Länge. Dennoch besaßen diesmal nicht alle drei Choreografien ein gleichwertig starkes Potenzial, um den vom Augsburger Ballett durchaus sehr Verwöhnten in abendfüllender »Dimension« zu berühren, bzw. zu fesseln. Klar: Das ist Jammern auf hohem Niveau!  

Wer die Uraufführung der Koreanerin Young Soion Hue favorisierte, die in Augsburg bereits mit »Carmina Burana«  und »Romeo und Julia«  (2012 und 2015) ihre Visitenkarte hinterlegt hat, sah ein mit routinierter Hand sehr gefällig choreografiertes, neoklassisches Handlungs-Ballett. In einer melancholisch gefärbten Grundstimmung fühlte sich die getanzte »Reminiscence«  in die künstlerischen Schaffensphasen und -krisen von Frederic Chopin (intensiv verkörpert von Lucas Axel de Silva) ein. Die am Schluss auf der Bühne positionierten Mini-Flügel aus Plexiglas waren die  augenfällige Metapher auf dessen Unsterblichkeit. Wenige Atempausen gönnte die extrem dynamische Spielart des abstrakten, zeitgenössischen Tanze(n)s, die Augsburgs neuer Ballettchef Ricardo Fernando mit seinem Werk »Sixth Breaths« (2014 für das Ballett Hagen entstanden) im cool-urbanen Bühnen-Design (Peer Palmowski) beisteuerte. Als Inspirationsquelle diente ihm insbesondere das gleichnamige minimalistische Album für sechs Celli und Klavier aus der Feder des italienischen Komponisten und Pianisten Ezio Bosso.

Kontrastreich gebührte das krönende Finale der immer noch umwerfenden und weltweit gefeierten Choreografie von Altmeister Mauro Bigonzetti. Seine bereits vor über 20 Jahren entstandene »Cantata« zur traditionellen Musik Süditaliens, die vom Trio Assurd kongenial eingefangen wurde, sprühte nur so vor Temperament. Diese Cantata ist ebenso frisch wie frech und ein klein wenig frivol. Körpersprachlich markant, zeigte sie Herz, Humor und ganz viel Haar und setzte kurzweilig und gewitzt auch das launige Techtelmechtel nicht allzu ernst gemeinter Geschlechterkämpfe in Szene. Bravissimo!

Die nächsten Aufführungen am 25. und 27. April sowie am 1. Mai.

www.theater-augsburg.de

Foto (Jan-Pieter Fuhr): »Reminiscence«

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