Politik & Gesellschaft

Bye-bye Bertl

a3kultur-Redaktion

Bert Schindlmayr, Kulturmacher, Beobachter und Kommentator unserer Zeit, wird fehlen. Von Jürgen Kannler

Es gibt in jeder Generation Menschen, die das Leben ihrer Zeit auf eine besonders prägende Art und Weise mitgestalten. Bert Schindlmayr war einer von ihnen.

Aufgewachsen als Kind einer Bäckerfamilie in der Augsburger Oberstadt – die Brez’n war nicht immer eine Kneipe mit Lizenz zum Spätausschank – verlebte er seine Kindheit in einer soliden katholischen Bürgerlichkeit, die ihm rasch zu fad wurde. Die ersten Abenteuer fand er bei den Arbeiterkindern in der Unterstadt. Die Augsburger Altstadt war damals in weiten Teilen heruntergekommen bis unbewohnbar. Aber das Leben und die Menschen dort ließen ihn nie mehr ganz los. Über sie und unsere Stadt konnte Bertl, wie ihn seine Freunde und Freundinnen nannten, Geschichten erzählen wie kaum ein anderer.

Sein Abitur machte er 1968. Die Aufbruchsstimmung jener Jahre tat im gut. Er war ein Teil davon. Auch wenn er das Dasein als Student zu schätzen wusste, konnte er dem Studium der Soziologie auf Dauer nur wenig abgewinnen. Doch er wusste sich in anderen Bereichen fortzubilden. So begann er eine Lehre in einer Apotheke und sammelte dort Kenntnisse, die in den experimentierfreudigen Siebzigerjahren gut gefragt waren. Schließlich landete er beim Handwerk. Er wurde mit Begeisterung Schreiner und arbeitete bei der Restaurierung des Goldenen Saals im Augsburger Rathaus mit.

Sein Meisterstück gelang ihm jedoch im Kollektiv. Mit einer Gruppe Gleichgesinnter machte er die Kresslesmühle in der Altstadt ab 1977 zu einem der ersten soziokulturellen Zentren in Bayern. Gemeinsam mit seinem Weggefährten Hansi Ruile war Bert Schindlmayr die weitaus meiste Zeit Geschäftsführer der Mühle. In ihrer Ära etablierten die beiden eine der einflussreichsten Kabarettbühnen im deutschsprachigen Raum sowie das wegweisende Festivalkonzept La Piazza und die damals bundesweit beispielhafte Interkulturelle Akademie. In der Mühle wurden schon zu einer Zeit Themen wie gesellschaftlicher Wandel oder interkulturelles Leben diskutiert, als die politischen Vertreter von Grün bis Schwarz gerade noch dabei waren, das Wort multikulturell buchstabieren zu lernen. Sie erarbeiteten so einen Ruf, von dem das Haus noch heute zehrt. 2015 verabschiedete sich Hansi Ruile in den Ruhestand und Bert Schindlmayr verabschiedete der Mühle-Trägerverein bei dieser Gelegenheit gleich mit.

Seine letzten Jahre verbrachte Bert Schindlmayr wieder in der Oberstadt. Gesundheitlich längst angeschlagen fand er eine Wohnung mit Betreuungsoption im Theaterviertel. Mit dem Umzug musste sich der begeisterte Leser von einem großen Teil seiner Bibliothek trennen. Irgendwann auch von seinem schwarzen Alfa Romeo Cabrio. Ebenso schrumpfte seine Sammlung einiger beachtlicher, auch selbst angefertigter Siebdrucke, vorzugsweise mit Motiven der lokalen Industriekultur. Er hatte zeitlebens eine spezielle Wachheit, mit der er die Dinge des Alltags wahrnahm. Ein Talent, das ihm auch beim Fotografieren zugutekam – einer Leidenschaft, der er lange Zeit nachging. Die von ihm selbst aufgenommenen Grußkarten zu Weihnachten und an Geburtstagen waren seine Art von Kleinkunst.

Seinen geliebten Lillet nahm er noch lange Zeit mit großer Regelmäßigkeit vor den Lokalen in der neuen Nachbarschaft, wenn auch schon lange ohne eine Zigarette dazu. Dieser Platz wird nun leer bleiben.

Am 28. Mai ist Bert Schindlmayr im Alter von 72 Jahren verstorben. Ein geschätzter Beobachter und Kommentator unserer Zeit wird fehlen.