Politik & Gesellschaft

Brandblasen von gestern, Hoffnung auf morgen

Gast
18. Februar 2016

Was war das für ein Hype, als Augsburg beschloss, Kulturhauptstadt Europas zu werden. Selbst als die bayerische Staatsregierung 2004 entschieden hatte, Regensburg in den Wettbewerb um das einjährige Spektakel zu schicken, versuchte ein Häuflein Augsbürger trotzig, die eigene Bewerbung am Ausschreibungsprozedere vorbei in Berlin und Brüssel durchzudrücken. 2003/04 wurde derart viel heiße Luft produziert (und dabei Geld wie Engagement verbrannt), dass manchen bis heute (seelische) Brandblasen schmerzen.

Gut zehn Jahre später geht es nicht bloß um ein Jahr und um Europa, aber die Chancen sind dramatisch besser. Augsburgs Interessenbekundung, mit der historischen Wasserwirtschaft in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen zu werden, hat die härteste (und weitestgehend budgetfreie) Wegstrecke hinter sich – die auf die deutsche Bewerberliste. Derart gut kam die Interessenbekundung beim internationalen Beratergremium der deutschen Kultus­minister­kon­ferenz an, dass Augsburg auf der Tentativliste Rang drei belegt und sich schon 2018 bewerben darf. Wer das prognostiziert hätte, wäre (in Augsburg) für verrückt erklärt worden. Doch die auf der Welterbeliste rare Mischung von Süßwasserbewirtschaftung und Industriekultur ist ob des Übermaßes deutscher Baudenkmäler unter den weltweit rund 1.000 Welterbestätten eben aussichtsreicher als etwa die Bewerbung der bayerischen Königsschlösser. Was für eine Jahrhundertchance also für die Stadt, und was für eine Chance für Augsburgs Kultur. Sollte man meinen.

Die Realität sieht anders aus. Fast drängt sich der Eindruck auf: Was 2003/04 zu viel des Guten war, tut man nun zu wenig. Beispiel Rathausplatz: Dort wurden 2003 mit Medienrummel Transportpaletten als temporäre Kulturinstallation gestapelt. Heute steht dort bloß noch (Achtung: Ironie) Weltkunst in Form des Augustusbrunnens – darum herum gruppiert vier Abfallbehälter, die man beim besten Willen nicht als Aufwertung bezeichnen kann. Irgendwelche kulturellen Aktivitäten der Stadt um dieses Denkmal? Bis dato Fehlanzeige. Hätte es 2015 nicht die »Augsburger Wassertage« und das neue Wasserrad am Schwallech (sowie drei Bücher aus dem context verlag Augsburg) gegeben – das Thema Wasserwirtschaft wäre in der öffentlichen Wahrnehmung regelrecht verdorrt. Wobei im Zusammenhang mit der Wasserwirtschaft wohl auch erst einmal zu klären wäre, wie man Kultur definiert und wem sie dienen soll. Augsburgs historische Wasserwirtschaft ist ein technisch-kultureller Komplex, den man sich erschließen, erlesen und (ja, auch) erlaufen muss. Es geht überwiegend um (Alltags-)Kultur abseits des klassischen bürgerlichen Kulturverständnisses. Und es geht auch nicht um die in Augsburg so beliebte Brot-und-Spiele-Kultur, die Massen auf die Straßen (und an Gastrobuden) treibt.

Doch auch das Thema Wasser zieht die Menschen an, wenn man nur die richtigen Angebote macht. Die »Wassertage« haben es gezeigt. Dass aber die Idee, sich um eine bayerische Landesgartenschau am Lech zu bewerben und so den Fluss (langfristig) in die Stadt zu holen beziehungsweise die Augsburger an den Fluss und Besucherströme in die Stadt, undiskutiert mit dem Argument »Ist Arbeit, kostet Geld« in den Tiefen der Verwaltung versinkt, ist schon mal kein verheißungsvoller Einstieg. Auch sonst scheinen die Brandblasen von 2003/04 sowie die finanzielle Schwerpunktsetzung der Gegenwart bei der Kulturbaustelle Wasserwirtschaft derzeit noch keinen rechten Schwung aufkommen zu lassen. Doch ohne das Wollen der Stadtverwaltung geht nichts. Kanäle, Wasserwerke und Brunnenwerke, Maximilianmuseum und Stadtarchiv sind kommunale Einrichtungen, die Stadt ist Trägerin der UNESCO-Bewerbung. Hoffen wir also auf eine Verwaltung, die absehbar in die Gänge kommt und darauf achtet, die Bürger mitzunehmen. Die Motivation dafür sollte man voraussetzen dürfen. Schließlich ist die historische Augsburger Wasserwirtschaft ein welterbewürdiges Denkmal jahrhundertelanger städtischer Selbstverwaltung.

Martin Kluger, Leiter des context verlags Augsburg und Mitinhaber zweier Werbeagenturen, begleitet als Autor Augsburgs Weg zur Aufnahme der Wasserwirtschaft in die UNESCO-Welterbeliste von Anfang an.


In unserer Printausgabe #02/2016 präsentieren wir die wichtigsten Kulturbaustellen der Region. Insgesamt 16 Kulturmacher haben hierzu Gastbeiträge beigesteuert.

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