Klassik

Bock auf Block?

Tanja Selder
27. April 2018

In ihrem Programm »Musik für die Mächtigen II: Sanssouci« präsentiert die gebürtige Aachenerin am 9. Mai im Kleinen Goldenen Saal Werke von Johann Joachim Quantz, Carl Philipp Emanuel Bach, Johann Gottlieb Janitsch und anderen. Worauf es bei der Blockflöte ankommt, wie ihre erste musikalische Liebe begann und wie sie Augsburg in Erinnerung hat, verrät Dorothee Oberlinger im Interview mit Tanja Selder.


a3kultur: Obwohl Sie andere Instrumente gespielt haben, sind Sie letztendlich bei der Flöte geblieben. Warum?

Dorothee Oberlinger: Diese Frage ist im Nachhinein schwierig zu beantworten. Als Kind habe ich selbstständig und am liebsten zur Flöte gegriffen – das ist auch so geblieben. Die Blockflöte ist für mich ein Sprachrohr. Andere Instrumente zu spielen, hilft mir jedoch für mein musikalisches Verständnis.

War die Blockflöte Ihre erste musikalische Liebe?
Auf jeden Fall. Ich habe immer gerne gesungen und mit fünf Jahren habe ich angefangen, Blockflöte zu spielen. Meine Mutter hatte mir aus einem Urlaub in Polen eine Flöte mitgebracht. Wir haben uns das Spielen zusammen beigebracht, allerdings wuchs mein Spiel schnell über das meiner Mutter hinaus. Sie war meine erste Flötenlehrerin, auf die viele folgten.

Erlebt die Blockflötenmusik derzeit eine Renaissance?
Die Blockflöte erlebt immer dann einen Aufschwung, wenn ihre Spieler*innen im Fokus stehen. Die erste Aufwärtsbewegung erfuhr sie im 20. Jahrhundert zum Beispiel durch Frans Brüggen, der sie als Konzertinstrument wieder salonfähig machte. In den 1990er-Jahren sorgten namhafte Barockorchester für einen Zuwachs an Popularität. In der Gegenwart hat das Blockflötenspiel durch die historische Aufführungspraxis wieder ein sehr hohes Niveau erreicht. Der Aufschwung der historischen Musik insgesamt liegt am verstärkten Dialog über die Spielpraxis. Dieser regte die Gründung diverser Schulen und die Einführung von Studiengängen an.

Was zeichnet eine gute Blockflöte aus?
Einsteiger*innen sollten darauf achten, dass das Instrument aus Holz gefertigt ist, da natürliches Material besser klingt – es »lebt«. Es sollte zudem eine »barocke Griffweise« haben – die »deutsche Griffweise« entstand in den 1920er-Jahren aufgrund eines Missverständnisses. Da Blockflöten handgefertigt werden, klingen sie nie identisch. Frei nach Gusto können Instrumente verschiedenster Blockflötenbauer*innen bevorzugt werden. Ich besitze beispielsweise Flöten von Ralf Ehlert oder Ernst Meyer, deren Instrumente einen kräftigen Klang erzeugen.

Haben Sie aktuell ein musikalisches Lieblingsstück?
Vor Kurzem habe ich eine Oper von Georg Friedrich Händel, »Lucio Cornelio Silla«, musikalisch geleitet und für mich entdeckt. Die Oper handelt vom bösartigen Sulla aus der Spätphase der Römischen Republik, der eine persönliche Wandlung – vom Saulus zum Paulus – durchlebt. Das Werk ist sehr kompakt, jede Arie ist ein Juwel. Es enthält mehrere Flötenstücke, unter anderem die wunderschöne »Schlafarie«. Im Barock kommen Blockflöten häufig symbolisch zum Einsatz. Auch hier wird sie zum Schäferinstrument.

Beim Irish Folk werden akustische Instrumente, vor allem auch die Flöte verwendet. Interessieren Sie sich für Folk Music?
Ja! Mir gefällt, dass die Volksmusik mit ihren historischen Instrumenten auf eine uralte Tradierung baut. Deshalb habe ich auf meiner CD »The Passion of Musick« zusammen mit Gambist und Komponist Vittorio Ghielmi Irish Tunes und Scottish Tunes eingefangen. Das war eine sehr kreative Arbeit, bei der wir immer wieder passende Klangfarben und Tonkombinationen finden mussten.

Haben Sie Interesse an der Clubkultur, um Alte Musik in die Gegenwart zu transportieren?
Heute werden aus pragmatischen Gründen wie Publikumszahl und Saalgröße viel zu oft Frontalkonzerte arrangiert. So geht das direkte Musikerlebnis verloren. Zur Entstehungszeit der Musik, die ich spiele, saß das Publikum häufig in Salons eher locker um den Künstler oder die Künstlerin. Diese Direktheit des Musikerlebnisses lebt in einem Club wieder auf. Wegen meines straffen Zeitplans zwischen Familie, Musik und Dozieren gehe ich leider viel zu selten aus.

Gegenwärtig ist viel vom historisch-musikalischen Austausch zwischen Europa und Amerika die Rede. Was halten Sie von diesem transatlantischen Feedback?
Es besteht durchaus ein wechselseitiger Austausch: Europäische Eroberer brachten ihre Musik nach Amerika. Mit den Eroberern kam dann zum Beispiel die Sarabande aus Mexiko über den Atlantik nach Spanien. Sie war ursprünglich ein erotischer Tanz und ist zu einem der berühmtesten Barocktänze in Europa geworden!

Es kann eine Herausforderung und ein Vergnügen sein, mit anderen Musiker*innen zu spielen. Wie ist es für Sie, wenn Sie mit dem von Ihnen gegründeten Ensemble 1700 auftreten?
Kein Auftritt ist wie der andere, nie reproduzierbar. Chronos und Kairos, der Gott der Zeit und der Gott des des Augenblicks, spielen eine tragende Rolle: Jedes Konzert hängt daher vom Saal, Publikum, von der Akustik, der internen Kommunikation und der Zusammensetzung der Musiker*innen ab – maßgeblich also vom Zufall. Die Ungewissheit macht für mich immer wieder auch den Reiz aus. Denn gerade diese Momente setzen den gespielten Kompositionen ein Denkmal musikalischer Einmaligkeit.

Kennen Sie die Klassikregion Augsburg?
Mit Augsburg sind der Name Leopold Mozart und dessen weltberühmter Sohn, Wolfgang Amadé Mozart, fest verbunden. Ich kenne die Stadt aus meiner Kindheit. Besonders schillernd sind Erinnerungen an die Augsburger Puppenkiste, die Fuggerhäuser sowie die Tradition reicher Handelsleute, die wiederum neue Musik hervorgebracht hat. Das diesjährige Deutsche Mozartfest holt mit dem Motto »Machtspiele« zu Recht die Musik der Mächtigen wie dem Sonnenkönig Ludwig XIV. oder Friedrich II. – vom Absolutismus bis zum Rokoko – nach Augsburg.

www.mozartstadt.de

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