Theater & Bühne

Das Bildnis des Dorian Gray

Renate Baumille...
5. Dezember 2013
dorian grey

„Alle Kunst ist völlig nutzlos“ – so formulierte es Oscar Wilde im Vorwort seines zu beachtlicher Popularität gebrachten Fin de Siècle-Romans Das Bildnis des Dorian Gray. Angesichts der aktuellen Ballettproduktion könnte man sagen: „Dieser Abend ist (leider!) völlig belanglos“. Dies bei solch grandiosen Themen wie den personifizierten Sieben Todsünden, der Reflektion des zeitlos zerstörerischen Schönheitswahns, mit lasziven Party-Orgien, spitzfindigen Kunst-Debatten, kurz „Sex, drugs and crime“… alles drin, alles dran in diesem Roman, der als Ballett in Augsburg blass blieb.

Ballettdirektor Robert Conn wollte sein Publikum nach „Die gefährlichen Liebschaften“ einmal mehr mit einem neoklassisch inspirierten Handlungsballett nach einer spannenden Literaturvorlage begeistern. Er setzte beherzt auf den laut Programmheft in der angloamerikanischen Szene arrivierten Choreografen Michael Pink (seit 2002 Chef des Milwaukee Ballett) und den Komponisten Tobias PM Schneid und last but not least auf den routinierten Tanz-Ausstatter Stefan Morgenstern. Während dieser mit einem wandelbaren Bühnenbild und aufwändigen Kostümen dem „Dorian Gray“ ein reizvolles, dekadentes Ambiente verlieh, ärgerte insbesondere der mit geballter Pseudo-Spätromantik schwülstig aufgeblasene Klangstrudel. Zumindest in der ersten Hälfte drohte das gänzlich ohne Zäsur gespielte und wenig raffiniert zusammenzitierte Musik-Konglomerat sowohl Tänzer als auch Zuhörer zu ersticken. Dennoch wurde das kompakte Notenmaterial von Tobias PM Schneids erster Ballettpartitur vom Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Roland Techet souverän bewältigt.

Choreografisch mutete „Das Bildnis des Dorian Gray“ größtenteils passend zur Musik an wie eine im klassischen Gestus gehaltene, harmlos konventionell inszenierte Tanz-Operette im Retro-Look –nur ohne Gesang. Dafür machte man mit dem Einsatz des Schauspielers Toomas Täht aus der Not des schwachen, sich nicht allein erklärenden Librettos keine Tugend, sondern ein notwendiges Elend. In die wabernde Musik hinein zitierte er dank Headset akustisch leidlich verständlich die zynischen und manipulativen Schlüsselsätze – mal als Lord Henry, mal als Sprachrohr für Dorian selber. Michael Pink gönnte den präsenten und bekannt virtuosen Solisten – wie z.B. Titelheld Patrick Howell als verführerischem Schönling im lockigen Haar oder auch Coco Mathieson als dessen Kurzzeit-Geliebte Sybil Vane – zumindest ein paar wenige Momente, in denen sie eindringlich die wechselnde emotionale Palette ihrer Figuren, deren Ausweglosigkeit und ihr leidvolles, zu spätes Erkennen aus der selbst verschuldeten Verstrickung zum Ausdruck bringen durften. (rbg)

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