Politik & Gesellschaft

Ausrangiert?

Gast
8. Februar 2016

Der Kulturpark West, angesiedelt auf dem Areal der ehemaligen amerikanischen Reese-Kaserne im Stadtteil Kriegshaber und neben dem Kulturhaus abraxas gelegen, hat sich in acht Jahren zu Augsburgs Zentrum für kreative urbane Kulturen entwickelt. Das »bottom-up« entstandene und von einer gemeinnützigen GmbH betriebene Zwischennutzungsprojekt, vertraglich abgesichert bis August 2017, beherbergt auf über 6.500 qm in den früheren Kasernengebäuden Bandübungs- und Workshop-Räume, Ateliers, Studios, Projekt- und Kreativbüros für ca. 1.500 aktive Nutzer mit mehr als 220 Bands, 1.100 Musiker_innen, 90 bildenden Künstler_innen, 25 Projekt- und Initiativgruppen sowie zahlreiche szenewirtschaftliche Start-ups. Flankiert werden diese Kreativräume von mehreren für die Szenen nutzbaren Veranstaltungsorten – Kradhalle, Garagenklub Bombig, Reese-Theater –, dem Liveklub Kantine mit Diskothek und einem dienstleistungsorientierten Pop-Office mit Workshop-Plattform zur Professionalisierung der Kreativen. Als zentrale Philosophie dieses soziokulturellen Kreativprojekts verstehen die Macher und Nutzer die Idee der kulturellen, generationenübergreifenden Vielfalt, die Prinzipien des »Do it yourself« und »Learning by doing« sowie die Selbstverwaltung ohne Intendanz – aus der Szene durch die Szene für die Szene! Als Experiment 2007 begonnen, heute ein erfolgreiches, deutschlandweit einmaliges Projekt. Wie kann es ab September 2017 weitergehen?

Die Stadtregierung hat im Dezember 2015 diese Frage aus ihrer Sicht beantwortet: Die selbstverwaltete Trägerschaft mit der gemeinnützigen GmbH soll keine Rolle mehr spielen, die Kulturparkerfinder und -macher werden ausrangiert, schon mit Beginn einer nicht genau terminierten »Übergangslösung« an der Sommestraße soll ein städtischer »Kümmerer« die Verwaltung der Kreativszene übernehmen und dann in weiterer Zukunft – voraussichtlich 2019 – den Umzug ins Gaswerk bewerkstelligen. Die konkrete Vision der Stadtregierung und der sie tragenden Fraktionen also ein unter städtischer Definitionsmacht und Organisationshoheit zu etablierendes Kreativquartier mit Trennung in Künstler_innen, Kreativwirtschaftler_innen und kulturelle Gewerbetreibende. Mit gestaffelten Mieten und klaren Refinanzierungsvorstellungen über die Mietpreisgestaltung. Ein lebendiges, buntes und frei strukturiertes Szene-Biotop, laut Baureferent Merkle aber eine »Geisterstadt«, soll für ein ambitioniert entworfenes »In-Viertel« instrumentalisiert werden, anstelle von »Wildwuchs« eine »gated community«. Die Verantwortlichen bei der Stadt bezeichnen diesen Entwurf als »alternativlos«.

Die Macher und Nutzer des Kulturparks können sich sehr wohl Alternativen vorstellen, bei denen sich der dauerhafte Erhalt des Szene-Areals als integrativer und belebender Motor der Stadtteilentwicklung in Kriegshaber verbindet mit einem Impuls für ein langfristig zu entwickelndes Kreativquartier auf dem Gaswerkareal. Baureferent Merkle hat bei seinen Einlassungen im Bauausschuss zum Umzug des Kulturparks ins Gaswerk ausdrücklich darauf verwiesen, dass ein möglicher Verbleib der Häuser an der Sommestraße eine politische Entscheidung des Stadtrats ist. Am 17.12. haben die Kreativen dem OB 11.000 Unterschriften für den Erhalt der drei Häuser an der Sommestraße übergeben – Motto: »Kulturpark lebt. nützt. bleibt.«!

Die in den letzten beiden Jahren immer wieder bemühten Argumente für das »Aus« an der Sommestraße – Prospektbindung mit Klagedrohung der Bauträger bzw. Häuslebauer, Gegnerschaft der neu zugezogenen Bewohner im Reese-Park, Unverträglichkeit der Kreativnutzung mit dem Wohnquartier, die angebliche »Verseuchung« der Häuser, der Verstoß gegen das Treuhandrecht und den Vertag mit der BIMA (Bundesimmobilienagentur) bei einem Verbleib nach der Zwischennutzung und das Erlöschen des Baurechts nach 2017 – all diese Einwände haben sich so nach und nach relativiert. Übrig geblieben ist die Notwendigkeit einer partiellen Änderung des Bebauungsplans, einer Sanierung und Aufwertung der Häuser und einer einvernehmlichen Lösung mit dem anschließenden Wohngebiet. Bis heute ist nicht seriös überprüft, was diese dauerhafte Lösung genau kosten würde, wie sich diese Kosten in Relation zu den Neubauten am Gaswerk verhalten und welche Synergieeffekte für den neuen Stadtteil dadurch erreichbar wären – weil der politische Wille dazu fehlt! Oder besser, weil die Stadtratsmehrheit ihren Willen partout durchsetzen will und dabei alle Sachargumente als hinderlich wegwischt. Denn trotz des Verbleibs der drei Häuser an der Sommestraße (Musikkantine, Kradhalle, Reese-Theater würden abgerissen und einer hochwertigen Wohnbebauuung am Park weichen) gäbe es aufgrund des hohen Nachfragedrucks von Musiker_innen und Künstler_innen kein Problem, sukzessive auf dem Gaswerkareal zusätzliche 1.500 qm mit Kreativen zu füllen. Nicht ein Entweder-oder steht zur Debatte, sondern ein Sowohl-als-auch! Und niemand verlangt, dass dies die Stadt allein zu bezahlen hätte.

Renovierte Atelier- und Probenhäuser an der Sommestraße – ob auf Erbpachtbasis, über einen Investor oder eine Genossenschaft finanziert – könnten problemlos mit einer niederschwelligen Miete auch weiterhin von einer gemeinnützigen Trägergesellschaft betrieben werden, es bräuchte keinen städtisch bezahlten »Kümmerer«. Der Stadtteil und die Stadtgesellschaft könnten von einem solchen »Kultur- und Bildungsgürtel« an der Sommestraße – Kulturhaus abraxas, Kindergärten, Realschule, Technikerakademie, Förderzentrum Hören und eben Kreativzentrum – nur profitieren.

Peter Bommas ist zusammen mit Thomas Lindner Geschäftsführer der gemeinnützigen Kulturpark West GmbH.


In unserer Printausgabe #02/2016 präsentieren wir die wichtigsten Kulturbaustellen der Region. Insgesamt 16 Kulturmacher haben hierzu Gastbeiträge beigesteuert.

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