Theater & Bühne

Ein anderer Ort der Eitelkeiten

Bettina Kohlen
26. Mai 2019
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Ein öder Supermarkt wurde umfunktioniert und dient jetzt als Stätte der Folter. Die Betroffenen wechseln zwischen Bewusstlosigkeit und hyperaktiven Phasen, sind mal fixiert, mal nicht. Sechs Leute, alle aus der Kunstszene und alle miteinander verstrickt. Schuld, Vorwürfe, Verzeihen … Doch nur allmählich wird klar, warum sie an diesem Ort sind.

Die Künstlerin Doro Coppe sieht sich und ihr Werk missverstanden oder nicht beachtet. Mit Hilfe des Neurowissenschaftlers Hark konzipiert sie einen Weg, auf das Denken der Rezipient*innen ihrer Kunst so Einfluss zu nehmen, dass sich schließlich jeder gegen jeden wendet. Die Zerstörung der Gesellschaft ist das Ergebnis. Dafür haftbar gemacht wird nicht Doro, die offenbar nicht mehr lebt, sondern ihr Umfeld, dass mit eigener Eitelkeit und schiefgelaufenen Liebesbeziehungen Doro zu ihrer Aktion veranlasst und damit zur Katastrophe beigetragen hat. Mit Folter und Isolation sollen Galeristin Eva und die Künstler Sven und Baqhil zu Geständnissen und Einsehen gebracht werden. Zwischen Kassenmodul und Fixiertisch prallen die Mitleidslosigkeit der Folter und die banale Schuld der Protagonist*innen aufeinander. Das Kleinklein des emotionalen und wirtschaftlichen Beziehungskarussells und Gezänk stehen in krassem Gegensatz zu den massiven Folgen. Doch was diese sechs Leute miteinander verbindet, und was Ursache ihrer desolaten Situation ist, löst sich erst nach und nach mehr oder weniger auf.

André Bücker setzt mit seiner Inszenierung dieser Auftragsarbeit für das Staatstheater Augsburg auf totale Überforderung des Publikums. Es ist unmöglich, irgendetwas zu fokussieren, sofort schreit etwas anderes nach Aufmerksamkeit: Akteure, Projektionen, Klänge – keine Sicherheit, nirgends. Die sinnliche Reizüberflutung durch das Setting funktioniert analog zu unserer medialen Welt. Mobile Elemente wie Kassenband, ein Glaskasten, Fixiertisch und Stuhl, dazu weit oben eine Überwachungskanzel, strukturieren den Bühnenraum. Und es wird auf Künstler und Kunstwerke verwiesen, wie Timm Ulrichs installative Skulptur »Findling«, die als ziemlich genaue Replik mitspielt.

So weit so gut, doch worum geht es hier eigentlich? Die Folgen von Kreativität? Die Möglichkeiten und Grenzen der Kunst? Die Angemessenheit von Reaktionen und Folgen? Der Widerspruch zwischen heutiger obsessiver Selbstdarstellung bei gleichzeitiger Angst vor Kontrolle und Kontrollverlust? Oder alles zusammen? Vielleicht auch ganz anderes …

Überzeugende Akteur*innen und eine plausible Inszenierung in der brechtbühne im Gaswerk können die fehlende Stringenz des Stückes nicht auffangen. Als Zuschauer*in gibt frau irgendwann erschöpft auf, bleibt dennoch merkwürdig unberührt. Bei allen Einwänden wird hier aber deutlich, dass Theater keine literarische Konservierungsmethode ist, sondern ein Kommentar zum Jetzt.

Weitere Termine:
www.staatstheater-augsburg.de/die_noetige_folter_ua

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