Ausstellungen & Kunstprojekte

Alles aus einer Hand

Patrick Bellgardt
1. Juli 2014
Ecke Galerie Porträt

Wie das Titelmotiv dieser Ausgabe zeigt, hinterlässt die Ecke Galerie nicht nur in ihren Räumen am Elias-Holl-Platz bleibende Eindrücke. So kuratieren die Galeristen Anette Urban und Wolfgang Reichert mit den jährlichen Sommerausstellungen im Park des Kurhauses Göggingen sowie im Garten des Architekturmuseums Schwaben gleich zwei für die Stadt einzigartige Ausstellungen im öffentlichen Raum. Indoor präsentiert das Paar mit »nimmZwei« eines der derzeit spannendsten Kunstprojekte der Region. Ganz nebenbei leiten die Grafikdesigner auch noch ihre Full-Service-Agentur »designwerkgmbh«.

Aber gehen wir erst einmal einen Schritt zurück. Als die Künstlervereinigung »Die Ecke« zum 100-jährigen Bestehen 2007 eine Idee für die anstehende Jubiläumsausstellung sucht, ist sich der Vorstand einig: Es soll mehr werden als nur eine gewöhnliche Retrospektive. Sowohl die im Verein organisierten Künstler und Architekten als auch die außerordentlichen Mitglieder – in der Regel keine Kunstschaffenden – sollen sich vertreten fühlen. Keine leichte Aufgabe, der sich die Ecke-Leute Anette Urban und Wolfgang Reichert schließlich stellen.

»Mein Schoßhündchen« schlug ein wie eine Bombe

Ihr Plan ist einfach und genial zugleich. Jedes Mitglied wird zunächst um einen Lieblingsbegriff gebeten. Das Spektrum der Antworten reicht von A wie »Aquarellpinsel« bis Z wie »Zigarre«. Aus diesem minimalen Input schaffen die Grafikdesigner in über einem halben Jahr Kreativarbeit eine außergewöhnliche Konzeptausstellung, in der sich letztlich rund 200 Ecke-Mitglieder in den unterschiedlichsten Objekten wiederfinden sollen. So wird aus dem »Schoßhündchen« der Augsburger Malerin Monika Schultes kurzerhand eine Handtasche – das Tier ist unsichtbar, nur die Leine hängt heraus.

Das Material für ihre Interpretationen besorgen Anette Urban und Wolfgang Reichert in unzähligen Stunden auf Flohmärkten, in Trödelläden und aus dem Internet. Die Ausstellung unter dem Titel »Mein Schoßhündchen« schlägt ein wie eine Bombe. Weder davor noch danach war die Ecke Galerie wieder so gut besucht. Doch auch für die beiden Macher sollte sich die harte Arbeit auszahlen: Noch im selben Jahr tritt der Vorstand der Künstlervereinigung an das Paar heran und bietet ihm die Galeristenstelle an.

Die Entscheidung fällt nicht leicht, schließlich war die »designwerkgmbh« erst kürzlich in neue Räume gezogen. Nach einiger Bedenkzeit lassen sich Anette Urban und Wolfgang Reichert die Chance jedoch nicht entgehen. Selbst seit Langem in der Augsburger Kunstszene zu Hause, sind ohnehin genügend Berührungspunkte vorhanden. Um weiterhin beide Jobs unter einen Hut zu bringen, wird im hinteren Teil der Galerie, dem früheren Lagerraum, ein neues Büro eingerichtet.

Bei Anette Urban und Jürgen Reichert kommt alles aus einer Hand

Ein Vorteil, der sich bis heute bezahlt macht. Bei Anette Urban und Jürgen Reichert kommt alles aus einer Hand. Egal, ob Einladungen, Folder oder Kataloge – das Paar übernimmt für ihre Ausstellungen alles, was in Sachen Mediengestaltung und -druck anfällt, selbst. Ihr Handwerk lernten sie an der Augsburger FH. Inzwischen lassen sich die Jobs als Grafikdesigner und Galeristen kaum noch voneinander trennen. Auch wenn beide weiterhin hauptsächlich vom Grafikdesign leben, könnte die Galerie leicht ihre gesamte Zeit in Anspruch nehmen

Selbst die Gedanken und Gespräche nach Feierabend drehen sich häufig um die kommenden Ausstellungen. Ständig müssen Augen und Ohren offen gehalten werden: Wen könnten wir als Nächstes einladen? Wie kommt man an den Künstler heran? Als Galerist gilt es frühzeitig zu planen. So steht das Programm für 2015 bereits jetzt so gut wie fest.

Die Galeristen legen großen Wert auf persönlichen Kontakt

Ein bis zwei Jahre vorher beginnen die Planungen. Dabei wird nicht nur einfach ein interessanter Künstler ausgewählt und eingeladen – Anette Urban und Jürgen Reichert legen großen Wert auf persönlichen Kontakt. Um ihre möglichen Gäste, ihre Art und ihre Kunst besser kennenzulernen, statten sie jedem einen Besuch ab. Was viele nicht wissen: Der ausstellende Künstler muss in der Ecke Galerie erst einmal nichts bezahlen. Sämtliche Kosten von Transport und Übernachtung bis hin zu Bewirtung und Einladungsversand werden übernommen. Ein gewisser Prozentsatz von jedem verkauften Werk wandert wiederum an die Galeristen. Die Höhe der Abgabe wird im Vorfeld und in Absprache mit dem jeweiligen Künstler festgelegt.

Gezeigt werden insbesondere Kunstschaffende, die normalerweise nicht in der Region unterwegs sind. Als Vermieter der Räume lässt die Künstlervereinigung Anette Urban und Jürgen Reichert in Sachen Programmgestaltung nahezu komplett freie Hand. Ein Fixpunkt im Ausstellungsjahr ist jedoch traditionell das »Kleine Format«, bei dem sich die Ecke-Mitglieder mit ihren Werken präsentieren können. Ansonsten versucht das Paar möglichst viel Abwechslung zu bieten. So sind von Malerei und Zeichnung über Objekte, Skulptur und Schmuck bis hin zu Installationen und Fotokunst regelmäßig die verschiedensten Arbeiten zu sehen. Wichtig ist nur, dass beide zu hundert Prozent hinter dem jeweiligen Künstler und der Präsentation stehen.

In Sachen Beratung folgen die Galeristen einer goldenen Regel: Es gibt keine Regel. Während einige Besucher am liebsten überhaupt nicht angesprochen werden möchten und sich die Werke selbst erschließen, kommen andere mit dem Anspruch, die komplette Ausstellung detailliert erklärt zu bekommen. Lässt man ihnen die Möglichkeit, versuchen Anette Urban und Jürgen Reichert die Exponate richtig einzuordnen, Zusammenhänge zu erklären und den jeweiligen Künstler durch persönliche Erzählungen erlebbar zu machen. Das Publikum der Galerie kommt dabei überwiegend aus dem Augsburger Raum, immer wieder dürfen aber auch Gäste aus München, Ulm oder Regensburg begrüßt werden.

Von nahezu jeder Ausstellung bleibt etwas hängen

Bei den Galeristen selbst bleibt von nahezu jeder Ausstellung etwas hängen. Wenn man Künstler so hautnah erlebt wie Anette Urban und Jürgen Reichert, regt sich häufig der Wunsch, eine Arbeit genau dieses Menschen zu besitzen. Dabei muss sich das Paar aus finanzieller Sicht ab und an auch mal zügeln, wie beide mit einem Augenzwinkern zugeben. Hin und wieder bekommen die Galeristen sogar ein Werk geschenkt – ein Aspekt ihrer Arbeit, der sie sichtlich stolz macht.

Eine Abwechslung zum »Kerngeschäft« am Elias-Holl-Platz bietet sich in den Sommermonaten. Seit nunmehr sechs Jahren kuratieren Anette Urban und Wolfgang Reichert eine temporäre Ausstellung im historischen Park des Kurhauses Göggingen – für Augsburg in dieser Form einzigartig. Dabei stellt die Schau unter dem Titel »Parknovellen« immer wieder eine reizvolle Herausforderung dar. Das Paar hat hier die Möglichkeit, große bildhauerische Arbeiten zu zeigen, die in den eigentlichen Galerieräumen undenkbar wären. Überhaupt halten die kommenden Wochen für die Ecke-Macher einen vollen Terminplan bereit – zumal Anette Urban und Wolfgang Reichert bei »nimmZwei.4« selbst als Künstler vertreten sein werden. Was dort zu sehen ist, wird noch nicht verraten. Man darf also gespannt sein.

Die Vernissage zum vierten und vorletzten Teil der Ausstellungsreihe »nimmZwei« findet am 3. Juli um 19:30 Uhr in der Ecke Galerie statt. Am 19. Juli wird um 16 Uhr die diesjährige Sommerausstellung im Garten des Architekturmuseums Schwaben eröffnet. Anschließend lädt die Künstlervereinigung »Die Ecke« zum traditionellen Sommerfest. Die sechste Auflage der »Parknovellen« mit Holzskulpturen des Kölner Bildhauers Peter Nettesheim ist noch bis zum 17. Oktober im Park des Kurhauses Göggingen zu sehen.

www.eckegalerie.de

Weitere Positionen

1. Juli 2022 - 12:00 | Annika Berger

Ende Mai stand Augsburg einige Tage im Zeichen des Klimawandels und der Nachhaltigkeit. Neben dem Klimafestival »Endlich! « des Staatstheaters Augsburg fand auch die Public Climate School an der Uni Augsburg statt. Beide Veranstaltungen hatten ein facettenreiches Programm, die sich aber leider terminlich in Teilen überschnitten.

30. Juni 2022 - 10:00 | Jürgen Kannler

Ein Kommentar zum Staatstheaterneubau von Jürgen Kannler.

29. Juni 2022 - 7:00 | Renate Baumiller-Guggenberger

Der Augsburger Geiger Sandro Roy freut sich auf seinen Auftritt als Solist gemeinsam mit der Bayerischen Kammerphilharmonie am 3. Juli im Parktheater. Mit seiner selber komponierten »Fantasie für Violine und Orchester op. 4«, die er diesem Orchester gewidmet hat, gibt es sogar eine Welturaufführung!

27. Juni 2022 - 10:40 | Anna Hahn

Carl Orffs »Carmina Burana« bringt die Freilichtbühne zum Beben.

22. Juni 2022 - 11:00 | Jürgen Kannler

Bert Schindlmayr, Kulturmacher, Beobachter und Kommentator unserer Zeit, wird fehlen. Von Jürgen Kannler

22. Juni 2022 - 9:58 | Anna Hahn

»Kiss me, Kate« ist dieses Jahr die neue Produktion des Staatstheaters auf der Freilichtbühne. Die Premiere fand an einem traumhaft schönen Sommerabend statt. Dennoch kam die Frage auf, wo ist der Wumms?

22. Juni 2022 - 0:00 | Fritz Effenberger

Textilmuster interaktiv entdecken, erleben und entwerfen. Kurz nachgefragt bei Dr. Karl B. Murr.

17. Juni 2022 - 7:00 | Gast

Erster Augsburger Digitaltag 2022. Ein Gastbeitrag von Horst Thieme

15. Juni 2022 - 9:56 | Juliana Hazoth

Am 11. Juni feierte das hybride Schauspiel »Ugly Lies the Bone« der US-amerikanischen Autorin Lindsey Ferrentino auf der brechtbühne im Gaswerk Premiere.

13. Juni 2022 - 7:00 | Gast

Fast Fashion im Zeichen der Eskalationslogik globalisierter Ökonomie. Ein Gastbeitrag von Dr. Karl Borromäus Murr