Ausstellungen & Kunstprojekte

Mit allen Sinnen

Bettina Kohlen
19. Juli 2021

Gegenwärtige Kunst geht oft Wege jenseits des Analogen. Digital verfremdete Klänge, virtuelle Realitäten öffnen die Sinne für die vielen Herangehensweisen künstlerischer Arbeit. Hier ein paar Möglichkeiten, das eigene Spektrum des Erlebens der Kunst zu erweitern.

Die letzte Ausstellung im Höhmannhaus mit Fotografien von Stephan Reusse hing pandemiebedingt für eine lange Zeit, doch nun gibt es Neues. Der Augsburger Klangkünstler Markus Mehr lässt dort die raumbezogene Installation »pressure« hören und fühlen. Für diesen begehbaren Klangkörper hat Florian Jung Lautsprecherboxen aus Beton entworfenen, denen Klänge und Geräusche entströmen, die Mehr selbst aufgenommen oder vorgefunden und zu einem ineinander verwobenen Klanggespinst verarbeitet hat. Im Fokus seiner Arbeit steht die Erzeugung von Zement, einem der Grundstoffe des Beton, der viele Qualitäten aufweist, dessen Herstellung und Nutzung jedoch ungeheuren Raubbau bedingt. Mehr verwendet für seine Klanginstallation Aufnahmen unterschiedlicher Aspekte und Ansätze, er verfremdet Phonographien realer Orte, lässt uns aushärtenden Beton hören oder seismografische Aufzeichnungen der einstürzenden Türme des World Trade Centers.

Die 18 Lautsprecher sind in den drei Galerieräumen zu Gruppen versammelt, zwei als Paar, acht spinnenförmig an der Wand und weitere acht im Kreis aufgestellt, sodass sie durch die jeweilige Raumsituation, Anzahl und Position auf die gestalterischen Aspekte des Materials Beton verweisen, aber vor allem unterschiedliche Klangbilder erzeugen, die vielgestaltig auf die Besucher*innen einwirken.

pressure. Eine Soundinstallation von Markus Mehr | Höhmannhaus | bis 18. Juli | Di – So 10 – 17 Uhr | Zur Ausstellung ist ein Auflagenobjekt erhältlich: Deckelkästchen aus Beton, darin ein USB-Stick mit den Klängen. 35 Euro

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

Die kleine Galerie in der Bergstraße verfügt über eine Trumpfkarte, die in Pandemiezeiten sticht: das wandfüllende Schaufenster, das jederzeit einen umfassenden Blick nach innen möglich macht. Die erste Folge der von der Bundesregierung geförderten Ausstellungsreihe »Domestic Space« beinhaltete eine 360°-Videoarbeit der Fotokünstlerin Karen Irmer, die für eine VR-Brille konzipiert ist, die zu dieser Zeit aber nur am heimischen Rechner zu sehen war. Nun war »Visual Koan« als Teil einer Einzelausstellung noch einmal zu erleben, diesmal als Virtual Reality im Galerieraum. Zwei sehr große und einige sehr kleine Fotoarbeiten ergänzten unter dem dem Titel »Zustand der Veränderung« diese Videoarbeit. Irmer abstrahiert in ihren Fotografien das Reale märchenhaft anmutender Landschaften, in denen sie sich mit ihrer Kamera bewegt, sie wählt Ausschnitte, die eine unwirtliche unzugängliche Natur dekontextualisieren, die dennoch eine vage Erinnerung erlauben – vielleicht an reale Orte, vielleicht an die Frühzeit der Fotografie. Dieses auch gedankliche Vexierspiel beherrscht Irmer vollendet.

Der Blick durchs Galeriefenster bleibt auch während der Sommerpause möglich, »Visual Koan« ist auf Karen Irmers Website www.karen-irmer.de zu sehen. Mitte Juli folgt »summery« mit Arbeiten von Bruce McLean, Udo Rutschmann und Laurence Weiner.

Karen Irmer: Zustand der Veränderung | durch das Schaufenster und nach Vereinbarung
summery | 18. Juli bis 11. September | durch das Schaufenster und nach Vereinbarung

www.augsburg-contemporary.de

Kirchenräume ohne Kunst? Kaum denkbar. In der Regel ist diese jedoch dauerhaft dort positioniert, temporäre Kunstereignisse sind eine relativ neue Erscheinung, die sich in den letzten Jahren auch in Augsburg etabliert hat. Als Pionier in dieser Hinsicht darf sicher die Moritzkirchen-Gemeinde gelten, doch die anderen zogen nach, und so ist aktuell auch in die evangelische Ulrichskirche die Gegenwartskunst eingezogen. Vor dem Hochaltar des barocken Baus am Ende der Maximilianstraße hat die an der Münchner Akademie ausgebildete Künstlerin Ute Illig eine Vielzahl kleiner fragiler Papierboote auf dem Boden so angeordnet, dass als Großform wiederum ein Boot entsteht. Jedes dieser Gefährte trägt ein kleines Licht und steht für unsere Träume und Hoffnungen. Die schlichte, poetische Installation wird jedoch von den Sicherheitsvorschriften beeinträchtigt, die nur banal flackernde elektrische Teelichter zulassen. Dennoch: sehenswert.

Traumboote. Installation von Ute Illig | bis Ende Juli | Mo – So 13 – 16 Uhr und nach den Gottesdiensten

www.evangelisch-stulrich.de

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