Theater & Bühne

Aktuell, aber nie modisch

Renate Baumille...
17. September 2019

Als ich mich mit Ricardo Fernando kurz vor der Staatstheater-Sommerpause auf ein entspanntes Gespräch treffe, springt ihm die immense Begeisterung für seine neue Heimatstadt samt brandneuem Welterbe-Titel förmlich aus dem Gesicht. Er strahlt Freude, Energie und Optimismus aus, und das sicher auch dank der beachtlichen Erfolgsbilanz, die er gemeinsam mit seiner Compagnie aufweisen kann. Der gebürtige Brasilianer findet es »einfach gigantisch«, wie sich seit seinem Ruf von Hagen nach Augsburg alles fügte und wie sich innerhalb von zwei Spielzeiten trotz Umzügen (der ins Ofenhaus/Gaswerk samt beeindruckendem neuen Ballettsaal war sicher ein Gewinn) und der Konditionen auf den Interimsbühnen alles so positiv entwickeln konnte.

Ein begeistertes Publikum und die offizielle Auslastung von 94,3 % geben ihm recht. Meist wurde bereits bei den Ballettmatineen vor den Premieren verkündet, dass es keine Tickets mehr für sämtliche Ballettabende gibt. Glücklich schätzten sich also diejenigen Ballettfans, die entweder Abonnenten oder anderweitig flott unterwegs waren, um ihre Eintrittskarte rechtzeitig zu erwerben. Die Zuschauer schwärmen heute noch vom »Schwanensee«, mit dem Fernando sein Augsburgdebüt gab, und geraten bei der Erinnerung an den Tanzabend »Ballett? Rock it!« nahezu in Ekstase. In allen Produktionen beeindruckte seine präzise eintrainierte, homogen und auf technisch hohem Niveau agierende Compagnie, die sich den Herausforderungen mehrteiliger Abende wie »Missing Link« mit einer brillanten Performance und konditionsstarken Leistungen stellte. Was die choreografisch-innovative Qualität der Stücke oder das Engagement weltweit gefragter »Trendsetter« der Tanztheaterszene betrifft, muss man allerdings die berühmte Luft nach oben konstatieren. Viele der in Augsburg präsentierten Ballettproduktionen schuf Fernando bereits früher, unter anderem für sein Hagener Ballett. Sie pendelten sich im Bereich des konventionellen, dramaturgisch oft defizitären und meist gefälligen zeitgenössischen Tanzes ein, und auch die Gastchoreografen sorgten selten für wirklich außergewöhnliche oder exquisite Ballettmomente. Womöglich ändert sich das in der kommenden Spielzeit, wo Namen wie Eric Gauthier, Alexander Ekman und Johan Inger die Kritikerneugier wecken.

Die Frage nach seinem Erfolgsgeheimnis, was den großen Publikumszuspruch angeht, beantwortet Fernando spontan und klar: »Ich wollte immer schon aktuell, aber nie modisch sein.« Immer schon war es auch sein Herzensanliegen, die Arbeitskonditionen seiner (derzeit noch 16) Tänzer*innen nachhaltig zu optimieren. Darauf fokussiert er sich seit vielen Jahren gemeinsam mit den Kolleg*innen im Rahmen der Bundesdeutschen Ballett- und Tanztheaterdirektoren Konferenz (BBTK). Flexibler arbeiten könnte Ricardo Fernando natürlich mit einer Compagnie-Wunschgröße von 22 Tänzer*innen, womit auch verletzungsbedingte Ausfälle (oder Schwangerschaften bzw. Elternzeiten wie in diesem Jahr) weitaus besser zu verkraften und zu kompensieren wären. Eine Vision, die sich auch mit dem Status »Staatstheater« doch bestens vereinbaren ließe! Der Ballettchef ist offen für den Wunsch mancher Tänzer*innen, wieder einen Schritt weiter auf ihrem persönlichen Karriereweg zu machen. Er bemüht sich darum, vielseitige choreografische Handschriften erfahrbar zu machen und den teils noch sehr jungen Tänzer*innen die nötigen Spielräume zu lassen, die sie für ihre Entwicklung benötigen. Definitiv geht es ihm um eine von Respekt, Offenheit und Wertschätzung getragene Probenatmosphäre. Wer im Ballettsaal anerkannt und überzeugend sein will, sollte nicht brüllen und drangsalieren, sondern kompetent und sensibel das Können seiner Compagniemitglieder sehen, spüren und fördern. Seine Frau und choreografische Assistentin Carla Silva und er besitzen dieses gute Auge und Händchen für das Potenzial der neu ins Ensemble engagierten Tänzer*innen.

Der Spagat zwischen Tänzer*innen-Anspruch und Geschmacksbefriedigung in Bezug auf das Publikum scheint für die neue Spielzeit 2019/20 gelungen, in die er mit dem Ballettklassiker »Giselle« (Premiere am 26. Oktober) startet. Zur Gala gibt es zumindest zeitlich ein Novum. Sie findet auf Wunsch des Ballettchefs diesmal erst am 12. und 13. April 2020 (im martini-Park) statt und erleichtert so die Disposition, die in diesem Jahr neben den regulären vier Produktionen einige auswärtige Gastspiele einschließt. Denn auch um den tänzerischen Erlebnishorizont zu erweitern, geht es Anfang Oktober zum Tanzfestival in die Schweiz und nach Aschaffenburg. Fernando betont beim Thema »Gala«, dass er es war, der bereits 1996 als Ballettchef in Bremerhaven die erste Benefiz-Aids-Tanzgala in Deutschland ins Leben rief, die später auch anderswo Nachahmer fand. Er tat dies damals aus einem sehr persönlichen Grund, da er seinen Bruder in Brasilien an die Krankheit verlor. Anders als in Regensburg und Hagen, seinen vorherigen Stationen, findet die Gala in Augsburg nicht als Benefizveranstaltung statt und ist durchaus exklusiv, was die Ticketpreise betrifft, gilt dennoch seit Jahren auch schon unter den Vorgängern Jochen Heckmann und Robert Conn als Spielzeit-Highlight, das niemand versäumen will.

www.staatstheater-augsburg.de

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