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Wir waren nie eine imperiale Einrichtung!

am 13.02.2012 veröffentlicht

Die Mühle wird im Februar 35 Jahre alt. Einige Monate später wird sich ihr künstlerischer Leiter und
konzeptioneller Vor- und Querdenker Hansi Ruile in den Ruhestand verabschieden. Ein Interview von Jürgen Kannler

Die Mühle wird im Februar 35 Jahre alt. Einige Monate später wird sich ihr künstlerischer Leiter und konzeptioneller Vor- und Querdenker Hansi Ruile in den Ruhestand verabschieden. Ein Interview von Jürgen Kannler

Wer die alten Stiegen im Kulturhaus Kresslesmühle hinauf in den zweiten Stock steigt, steht vor dem Büro eines der ältesten soziokulturellen Zentren Bayerns. Die vielleicht zwanzig Quadratmeter große Dachkammer teilen sich Hans-Joachim Ruile und Bert Schindlmayr mit einer Mitarbeiterin samt Kartenvorverkaufsstelle. Luxus sieht anders aus, Barrierefreiheit auch.

Ruile und Schindlmayr haben die weit über die Grenzen hinaus bekannte Institution mit aufgebaut und sind die bisher ersten und einzigen Geschäftsführer des im Februar 1972 aus einem Trägerverein hervorgegangenen Unternehmens. Vor 35 Jahren hätte das den beiden Hippies wohl niemand zugetraut. Die Mühle ist eine Erfolgsgeschichte und das Jubiläum eigentlich ein guter Anlass zu feiern. Aber an eine Party hat bis jetzt noch keiner gedacht. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass in einigen Wochen schon wieder ein Geburtstag ansteht. Am 11. April wird Hans-Joachim Ruile 63 Jahre alt. 2012 ist sein letztes Jahr in der Mühle. Wie oder gar mit wem es dann in der seit einigen Jahren als gemeinnützige GmbH firmierenden Kultureinrichtung weitergehen soll, weiß heute noch keiner. Ungewissheit war eben noch nie ein wirklicher Grund zum Feiern.

Eine Neubesetzung der Stelle dürfte nicht ganz unproblematisch werden. Zwischen den alten Weggefährten Ruile und Schindlmayr gab es in den 35 Jahren gemeinsamer Arbeit eine vielleicht nicht immer einfache, dafür aber ebenso klare wie erfolgreiche Arbeitsteilung. Bert Schindelmayr erledigte die vermeintlich groben Dinge des Alltags wie Administration samt Buchhaltung und Personalpolitik, Hansi Ruile den Rest, und das war auch nicht wenig. Die beiden Teile eines solchen Teams lassen sich natürlich nicht beliebig ersetzen. Und um den Platz von Hansi Ruile auszufüllen, bedarf es mehr als nur Format. Denn dieser Mann hat sich großen Respekt erarbeitet in allen Lagern des kulturellen und politischen Lebens. Dabei wollte er doch eigentlich Tierarzt werden.

Sein Elternhaus beschreibt der geborene Augsburger als Ort des philanthropisch geprägten Bürgertums, an dem man wusste, was in der Welt passiert, und auch bereit war, sich diese nach Hause einzuladen. So gesehen kein schlechter Start für jemanden, der später daran arbeiten würde, Begriffen wie Interkultur Leben und damit Sinn zu geben. 

a3kultur: Herr Ruile, 1968 machten Sie noch in Augsburg Abitur, doch im Jahr darauf ging es dann ab nach München an die LMU. Was ist Ihrer Ansicht nach die wichtigste Leistung dieser Zeit?


Hansi Ruile: Die 68er-Revolte war natürlich nicht wie so oft behauptet für den moralischen Verfall von Teilen der Gesellschaft verantwortlich, aber für die Infragestellung von damals schon längst überkommenen Autoritäten. Und das ist ja wohl eine ordentliche Leistung.

Was interessierte Sie in den frühen 70er-Jahren daran, mit Gleichgesinnten in einem vergessenen Stadtviertel ein halb verfallenes Haus zu einem Kulturzentrum zu machen, das in dieser Form konzeptionell noch gar nicht vorformuliert war? Ihre Altersgenossen beschäftigten sich in dieser Zeit mit psychedelischen Drogen, wenn sie Neuland betreten wollten.

Mir ging es im Prinzip um dasselbe wie heute. Die Mühle ist ein Ort der inhaltlichen Auseinandersetzung mit der andauernden gesellschaftlichen Veränderung. Hier ist es zunächst eher wichtig, die richtigen Fragen zu stellen, als auf passende Antworten zu hoffen. Die Mühle ist eben kein Spielplatz jenseits der Wirklichkeit, sondern eine Ideenwerkstatt für die Realzeit. Wir nutzen die Chance, den Wandel in die Institutionen der Gesellschaft hineinzuarbeiten, und daran arbeiten wir mit Leidenschaft.

Sie organisierten ab 1972 das Altstadtfest, daraus wurde 1985 mit La Piazza ein erfolgreiches Theaterfestival. Zeitgleich machten Sie Augsburg zu einer der Kabaretthochburgen in Deutschland und setzten sich intensiv mit den Themenkomplexen demografischer Wandel, Ausländerkultur und Interkulturelle Kulturarbeit auseinander, wie es in Ihrer Vita heißt. Was war Ihr Antrieb?

Mein Lebensthema war und ist die Kultur mit ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung. Ich bin Kulturvermittler und die Auseinandersetzung mit den soziokulturellen Wirklichkeiten der Stadt, in der wir leben, betrachte ich als die wichtigste Wurzel meiner Arbeit. Antrieb erhalte ich dabei zum Beispiel aus der Spannung, wie sie unter anderem bei der Reibung zwischen Bürgertum und Milieus wie der Arbeiterklasse oder subkulturellen, benachteiligten Schichten und Szenen in der heterogenen Gesellschaft frei wird. Ich habe früh kapiert, dass man auch außerhalb der Parteien mitmischen und aktiv sein muss, um Veränderungen für mehr Gerechtigkeit und Anerkennung für die genannten Gruppen zu erreichen. Zaungast zu sein genügt nicht.

Bürgertum vs. Arbeiterklasse – Sie wirken nicht unbedingt wie ein Klassenkämpfer. Und das Verdienstkreuz, das Ihnen Roman Herzog für Ihre Integrationsarbeit verliehen hat, passt auch nicht ganz in das Schema. Wie sieht eigentlich Ihr Verhältnis zur Politik aus?


Als Anhänger der Frankfurter Schule und ihrer Nachfolger sehe ich mich am ehesten in einer Rolle des überparteilichen Mahners für die Vision einer offenen, pluralen Gesellschaft. Heute verstehe ich auch viel mehr, wie wichtig dabei Institutionen und ihre Anpassung an veränderte Verhältnisse sind. Schließlich habe ich selber versucht, dazu beizutragen, eine Einrichtung zu schaffen, die daran arbeitet. Die Mühle ist eine unabhängige soziokulturelle Einrichtung. Wir bekommen einen Zuschuss, sind aber keine Befehlsempfänger.

Doch wenn der Etat ausbleibt oder nicht mehr reicht, geht das Schiff unter, wie 2004 La Piazza unter einer grünen Kulturreferentin geschehen. Nach zwanzig Jahren fand das Theaterfest sein Ende. Hat das Ihr Weltbild erschüttert?

Erschüttert? Nein, mit Sicherheit nicht, denn wir hatten La Piazza ja von unserer Seite aus wegen struktureller und personeller Überbelastung eingestellt. Ich entwickelte damals einen ausgeprägten Sinn für die Realität – für das, was machbar, und für das, was notwendig ist, zum Beispiel die Überbelastung der Mühle und ihrer Mitarbeiter durch La Piazza und die notwendige Ausrichtung der Kresslesmühle auf das Thema Interkulturalität. Formate wie La Piazza sind eben ein additiver und temporärer Bestandteil der kulturellen Landschaft und somit natürliche Topthemen auf den kommunalen Streichlisten in ganz Deutschland. Im Nachhinein empfinde ich die zwanzig Jahre La Piazza als wunderbare Zeit, allerdings mit einer enormen Bereitschaft zur Selbstausbeutung aller Beteiligten.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Grünen unterm Strich mehr an dieser Entscheidung gelitten haben als die Mühle. Die Partei wird ja heute noch mit dem Vorwurf konfrontiert, den beliebten linksliberalen Proseccokulturevent wegen eines eher überschaubaren Etatlochs plattgemacht zu haben. Wie ist denn heute Ihr Kontakt zu den Grünen?

In Sachen erweiterter Kulturbegriff, insbesondere vor dem Hintergrund einer vielkulturellen Stadtgesellschaft, vermisse ich generell eine neugierige Dialogbereitschaft bei der Politik und auch mit anderen Akteuren. Das ist aber ein Phänomen, das für viele Städte in Deutschland zutrifft. Gerne bringe ich mich in diesem Zusammenhang aktiv und fordernd ein und über etwas mehr interessierte Rückmeldungen würde ich mich schon sehr freuen.

Eigentlich seltsam, wo sich doch jeder Kommunalpolitiker, der etwas auf sich hält, die Kultur groß auf sein Banner schreibt. Wie sind solche Brüche zu verstehen? Sie haben doch nach zwei Jahren Tiermedizin Psychologie, Pädagogik und Soziologie studiert. Haben Sie eine Antwort?

Das Leben in der Postmoderne ist eben ein Leben im Sowohl-als-auch und nicht nur im Entwederoder. Das verlangt Kompetenz im Umgang mit Brüchen und Widersprüchen. Vielleicht ist die Kunst, dabei loslassen zu können, ohne dies als Verlust zu verstehen, sondern als Erfolg. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Beim Aufbau des Bürgerhauses vor 35 Jahren war die Mühle das Zentrum der Kreativen in der Stadt. Der Wunsch nach Beteiligung war damals bei vielen Menschen riesig und auf uns fokussiert, hat sich dann aber positiverweise auf sehr viele andere Einrichtungen mit den unterschiedlichsten Inhalten verlagert. Wir waren schließlich nie eine imperiale Einrichtung. Viele Kreative haben sich seitdem neue Orte für ihre Arbeit erschlossen. Das entspricht zu einhundert Prozent dem erweiterten Kulturbegriff, wie wir ihn propagieren. Unser Ziel ist es, gesellschaftlichen Wandel kreativ zu begleiten und Themen zu positionieren.

Haben Sie Angst vor dem Ruhestand?

Solange er noch nicht da ist, weiß man das nicht, und es wird sicherlich kein Zustand der Ruhe werden. Ich stelle mich aber bereits darauf ein, mich in Zukunft anderen Themen zuzuwenden, denn eigentlich bin ich der Meinung, dass man dann etwas vollkommen anderes machen sollte.

Was machen Sie nach Ihrem letzten Arbeitstag?


Ich fahre mit meiner Frau in den Bregenzerwald und mache Urlaub auf einem Bauernhof.

Und was macht die Mühle ohne Sie?


Was oder wer genau kommt, weiß ich natürlich heute noch nicht. Ich werde mich auf alle Fälle sehr bemühen, einen tragfähigen Übergang zu moderieren, und wünsche mir einen mutigen und vor allem unabhängigen Pulsgeber mit Sinn für neue Formate als Nachfolger oder Nachfolgerin.

Glauben Sie an die Gesellschaft?

Jetzt werden Sie zynisch. Die Gesellschaft ist ja der Kontext, in dem wir leben, aber wir können ihn auch ändern und verbessern. Seit dem Aufbau und der weiteren Entwicklung von Projekten wie der Interkulturellen Akademie oder dem Festival der 1000 Töne weiß ich zumindest eines genau: Der Abstand vom Ziel zum Standpunkt wächst unaufhörlich. Wir sind alle Teil eines Entwicklungsprozesses, den wir zwar nicht klar steuern, aber trotzdem beeinflussen können. Und wir haben schon viel gewonnen, wenn wir wissen, in welche Richtung er geht.

Welche Rolle spielen die Kreativen in diesem Prozess?

Sie sollten auf alle Fälle darauf achten, dass die Kunst und die Vermittlung von Kunst getrennt voneinander laufen, und jeder sollte wissen, auf welcher Seite er sich befindet. Die Freiheit der Kunst und die gesellschaftspolitische Verantwortung der Kulturvermittler sind unterschiedliche Herausforderungen. So vermeidet man falsche Einflussnahmen, Instrumentalisierungsabsichten und Erwartungen. Ansonsten ist in der postmodernen, offenen Gesellschaft alles okay, was unter dem Dach des Grundgesetzes geschieht.

Unter diesem breiten Schirm könnte jeder sein Plätzchen finden. Vielen Dank für das Gespräch.

www.kresslesmuehle.de

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