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Vermitteln des Unmittelbaren

am 31.10.2011 veröffentlicht

»Kunst kann schön sein, muss aber auf jeden Fall gut sein«
Der Leiter des H2 – Zentrum für Gegenwartskunst und der Neuen Galerie im Höhmannhaus Dr. Thomas Elsen im Interview über Gegenwartskunst, digitale Revolution und Kunstrezeption heute. Von

»Kunst kann schön sein, muss aber auf jeden Fall gut sein«
Der Leiter des H2 – Zentrum für Gegenwartskunst und der Neuen Galerie im Höhmannhaus Dr. Thomas Elsen im Interview über Gegenwartskunst, digitale Revolution und Kunstrezeption heute. Von M. Oliver Schmidt 

a3kultur: Herr Dr. Elsen, was ist Gegenwartskunst? Ist die Gegenwart ihr Thema oder nur die Instanz, die die Gestaltungsmittel festlegt?

Dr. Thomas Elsen: Eine allgemeingültige Definition ist da schwierig. Für mich spielt eine Rolle, dass künstlerische Positionen, die in der Gegenwart passieren, sich auf der Höhe der Zeit bewegen und dabei nicht retrospektiv ausgerichtet, im Sinne von kunstgeschichtlich abgesichert, sind. Wir versuchen Sachen auszustellen, von denen wir überzeugt sind, dass sie eine Relevanz und Entwicklungsfähigkeit haben, die viele Leute verstehen können, die aber in dem Augenblick, wo wir sie ausstellen, noch Experimentelles in sich bergen. Das sind nicht Ausstellungen, wo ich bei der Vorbereitung als Kurator einfach in eine Galerie gehe und dann Exponate aussuche. Es werden Künstler angesprochen und gebeten, anhand künstlerischer Fragestellungen, an denen sie ohnehin bereits arbeiten, etwas für uns zu entwickeln. Und das ist eigentlich Gegenwart im besten Sinne des Wortes: Ähnlich wie man eine verbale Diskussion führt, will man auf einem möglichst guten Level dem Publikum eine gute Diskussionsgrundlage darüber geben, was Kunst heute ausmacht. Ästhetisches Empfinden ist dabei genauso wichtig. Es geht darum, nicht nur zu theoretisieren, sondern auch überrascht zu werden.

Wie reagiert ein Zentrum für Gegenwartskunst auf die digitale Revolution? Bildende Kunst ist im Internet nicht nur überall und jederzeit zugänglich, sondern auch beliebig reproduzierbar geworden. Und Medienkunst, so könnte man meinen, braucht kein Museum, sie kann auch im Internet geschehen – und sei es über Youtube. Auch gibt es Medienkunst, bei der das Internet selbst das Medium oder gar die Kunstform ist.

Das stimmt. Das ist eine neue Herausforderung, die es in dieser Form in den letzten fünf, zehn oder maximal 20 Jahren so nicht gab. Trotzdem ist es auch heute noch so, dass das unmittelbare Erlebnis von Kunst und nicht das medial vermittelte Bild wahre Kunsterfahrung ausmacht. Ein Exponat hat in seiner ganz konkreten Ausstellungssituation beziehungsweise bei seiner Vermittlung in einem öffentlichen Raum eine ganz, ganz starke Kraft und Präsenz. Sie können eine noch so gute Reproduktion von einem Kandinsky- Bild in einem fantastisch gedruckten Katalog vor der Nase haben – das ersetzt auch bei höchster Bildauflösung aber nie das Erlebnis, wenn Sie vor dem originalen Bild stehen. Wir werden nächstes Jahr die Ausstellung »Behind landscape« haben, die sehr stark Fotografien, Video und digitale Techniken im Fokus hat. Und auch hier wird dasselbe gelten. Man muss auch heute noch ins Museum gehen, um das sinnliche Erlebnis zu haben und um eine ästhetische Erfahrung machen zu können. Technisch gesehen könnte man die Ausstellung zum Beispiel über Youtube von zu Hause aus abrufen. Die sinnliche Erfahrung aber betrifft immer auch den Raum, den Kontext und auch die spezielle Nachbarschaft der Bilder zu- und untereinander. Klang, Bewegung im Raum, Distanzen und Nähe sowie physische Anwesenheit von Kunst ist wichtig. Das ist das, worauf ich setze. Ich glaube, dass das trotz aller neuen Techniken hier eine relative Konstante im Kunstbetrieb geblieben ist. Sie wird gerade vor dem Hintergrund der rasanten Entwicklung digitaler Medien und Techniken noch wichtiger werden als bisher.

Zwar präsentiert das H2 Medienkunst auf der Höhe der Zeit, in seiner Selbstdarstellung greift es als Zentrum für Gegenwartskunst aber kaum auf moderne Medien zurück. Das H2 besitzt keine eigene Homepage. Es besteht lediglich eine baukastenartig konzeptionierte Subdomain bei www.kunstsammlungen-museen. augsburg.de. Außer einem eingebundenen Videoclip weist hier in der Eigenpräsentation wenig darauf hin, dass es sich beim H2 um ein Museum handelt, das die Neuen Medien als die gegenwärtig gebotenen Gestaltungsmittel wahrnimmt. Das hat einen ganz einfachen Grund. Das H2 gehört zu den städtischen Kunstsammlungen beziehungsweise zum Verband der Kunstsammlungen und Museen Augsburg. In diesem Verband dürfen wir als Internetpräsenz nur eine solche Subdomain führen. Zwar sind wir für das Publikum ein eigenes Museum mit eigenem Profil, wir können uns aber nicht so frei mit einem eigenen Internetauftritt präsentieren, wie das vielleicht vergleichbare Häuser in anderen Städten tun. Das ist eine Strukturfrage, mit der wir so gut wie möglich umzugehen wissen müssen. Die Subdomain ist auch als Subdomain noch verbesserungswürdig. Wir haben daran schon gearbeitet, es könnte aber mehr passieren – ohne dass wir in irgendeiner Form von den Augsburger Kunstsammlungen losgelöst erscheinen. Auch das ist klar.

Erleben Sie diese für ein Zentrum für Gegenwartskunst schmerzhafte Einschränkung als Wertung?

Nein. Es geht hier eher um Wertschätzung als um Wertung. Das Publikum des H2 wie auch der benachbarten Staatsgalerie ist ein anderes als jenes, das sich für das Maximilianmuseum oder für die Deutsche Barockgalerie im Schaezlerpalais interessiert. Es geht hier nicht darum, Konkurrenzen aufzubauen, es geht um Zielgerichtetheit. Leute, die sich für uns interessieren, haben einen anderen ästhetischen Zugang und eine andere Medienaffinität. Ein bisschen Modifizierungsfreiheit wäre da ganz hilfreich für uns.

Kunstrezeption heute: Wie viele Werke traut man bei einer Ausstellung der Auffassungskraft eines Besuchers zu? Gibt es da Erfahrungswerte oder Studien, an die man sich bei der Konzeption von Ausstellungen anlehnt? 

Das ist sehr unterschiedlich, man kann das nicht auf eine Art Formel bringen. Es hängt immer vom jeweiligen Projekt oder Thema ab. Bei einer Einzelpräsentation hängt es davon ab, was der Künstler aussagt und wie er es aussagt. Es ist nicht eine Frage der Quantität, sondern der Intensität. Wir haben Ausstellungen, die der Menge der Exponate nach sehr, sehr reduziert sind. Wo die Leute sagen: Jetzt habt ihr so einen Riesenraum und zeigt aber nur so wenige Werke. Das ist aber nur eine mögliche Fragestellung. Die interessantere Fragestellung ist: Wie wirken die Sachen? Beziehungsweise: Wie sehr ist man bereit, sich darauf einzulassen? Genauso kann es wichtig sein, dass vergleichsweise viele Werke ausgestellt werden – wie derzeit zum Beispiel bei der aktuellen Ausstellung von Werner Pokorny. Hier passt das auch. Es passt zum Konzept. Ein extremes Gegenbeispiel war die Ausstellung von Maik und Dirk Löbbert: Die Halle ist leer, da ist kein einziges Objekt – es ist die größtmögliche Reduktion. Das geschieht nicht aus Verlegenheit, sondern weil es mit der Raumerfahrung zu tun hat. Genau dies hatten viele Besucher auch so empfunden und sich darauf eingelassen. Es geht nicht darum, zu sagen: Wir müssen 2.000 Quadratmeter Fläche mit mindestens 100 Arbeiten bespielen, genauso wie man die Halle auch nicht immer auf puren Minimalismus reduzieren kann. Es hängt immer vom konkreten Projekt ab – und das ist auch gerade das Spannende an der Sache.

Nochmals zum Thema Kunstrezeption heute: In einer bildungsbürgerlich saturierten Gesellschaft wird Kunst heute gern auf einen Programmpunkt der Abend- oder Wochenendunterhaltung reduziert. Fast so, wie man sich schnell an der Tanke ein Bier holt, sich eine DVD einlegt oder mal eben zum Joggen geht, so nimmt man heute Theater, Lesung oder Museum als snackähnliche Entertainment-Module wahr. Wie reagiert man als Zentrum für Gegenwartskunst auf solche gegenwartsspezifische Arten der Kunstrezeption?

Ich glaube nicht, dass das ein Problem ist, sondern es ist einfach ein Phänomen. Wir können zum Beispiel aus ganz unterschiedlichen Erwägungen Musik hören: Wir können eine CD einlegen und zur Entspannung beim Essen oder Autofahren Musik laufen lassen. Oder man entscheidet sich dafür, sich Musik ganz bewusst anzuhören. Vielleicht sogar mit der Bereitschaft, nicht zu wissen, ob einen etwas Eingängiges erwartet, und sich gegebenenfalls überraschen zu lassen. Das Gleiche gilt für das Lesen eines Buches oder für einen Theaterbesuch. Insofern ist es nicht überraschend, dass Kunst auch ein starker Unterhaltungsfaktor geworden ist. Nicht ausschließlich, aber auch. Man will eher angenehme Eindrücke haben, als sich mit Fragen auseinandersetzen, die einen möglicherweise auch noch anstrengen könnten. Man darf aber nicht unterschätzen, dass es auch sehr viele Leute gibt, die dann enttäuscht sind, wenn sie aus dem Museum kommen und sagen: Jetzt habe ich schon wieder etwas Eingängiges gesehen; eigentlich hatte ich aber erhofft, einen neuen Impuls zu kriegen. Es ist eine Frage des eigenen Anspruchs und dessen, wo man sich positionieren will. Damit sind wir wieder bei Ihrer Eingangsfrage: Gegenwartskunst ist nicht deckungsgleich mit dem, was man zu Hause gerne überm Sofa hängen hat. Es geht nicht alleine darum, dass es schön ist. Wir versuchen zu zeigen, dass Kunst schön sein kann, aber in jedem Fall gut sein muss.

Dr. Thomas Elsen
ist seit 2006 Leiter und Kurator des H2 – Zentrum für Gegenwartskunst und seit 1996 stellvertretender
Direktor der Kunstsammlungen und Museen Augsburg. Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und
Katholischen Theologie.

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