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Tanzen

am 14.12.2011 veröffentlicht

Die ehemalige Balletttänzerin Renate Baumiller-Guggenberger untersuchte für unsere Leser den Tanzraum a3 und sprach mit Robert Conn über »Cinderella« und die Interaktion freier Schulen mit seiner Arbeit als Ballettchef am Theater Augsburg

Die ehemalige Balletttänzerin Renate Baumiller-Guggenberger untersuchte für unsere Leser den Tanzraum a3 und sprach mit Robert Conn über »Cinderella« und die Interaktion freier Schulen mit seiner Arbeit als Ballettchef am Theater Augsburg

Das Ballett Augsburg steht kurz vor seiner ersten Premiere der nunmehr fünften Spielzeit unter der Leitung von Ballettdirektor Robert Conn. Er hat derzeit allen Grund, hoch motiviert in die Zukunft zu blicken. Wie seine Kollegen freut er sich auf die lang ersehnte neue Spielstätte, die ab dem Frühjahr zeitgemäßen Ballettabenden ausreichend Raum gewähren soll. Mit dem Fokus auf der Neoklassik stellt er eine weltoffene und kreative Mixtur zeitgenössischen Tanzes vor. Voller Eifer verfolgt Conn seine Vision, die komplette Bandbreite des Balletts nach Augsburg zu bringen und damit immer mehr Menschen für diese sich ständig weiterentwickelnde Kunstsparte zu euphorisieren.

Dass Synergieeffekte entstehen zwischen einem ProfiBallettensemble einerseits und den vielen Tausend Menschen, die selber in einer der zahlreichen Ballettund Tanzschulen der Region ihrer Leidenschaft nachgehen, steht außer Frage. Lässt sich die Rolle des Balletts als kreativer Motor messen? Wie profitiert eine Ballettcompagnie davon, dass es so viele Tanzfans in einer Stadt gibt? Das sind Fragen, auf die es noch keine klare Antwort gibt, die es aber wert ist, im Auge behalten zu werden. Conn zumindest bietet mit öffentlichen Workshops eine intensive persönliche, direkte Begegnung von Liebhabern und Profitänzern an und ist davon überzeugt, dass sein Ballett mit einem modernen Ansatz und flexiblen Spielplan durchaus wertvolle Anregungen im Gesamtkomplex der tänzerischen Ausbildung geben kann, Vorbildfunktion haben soll und auch Reibungsfläche für die Auseinandersetzung sein darf. Er würde die spezielle und damit komfortable Situation, in der sich Augsburg mit den vielen Tanzinstituten befindet, gern noch intensiver nutzen und ist offen für Austausch. Und er hat sein Wunschpublikum fest im Auge, das er beim Ballett im Theater treffen will. Dieses dürfte sich ziemlich genau mit all den Menschen decken, die selbst aktiv tanzen.

Die Show ist das Leben und umgekehrt.
Die Bühne wird zur gesellschaftlichen Plattform
einer anderweitig verweigerten Anerkennung.


Tanzen fasziniert aktiv und passiv. Die hier freigesetzte Energie ist am eigenen Körper erfahrbar, überträgt sich auf Dritte. Die Bemühung um eine befriedigende Definition des Tanzens stellt einen vor ungeahnte Herausforderungen. Sibylle Dahms etwa versucht es in ihrem Buch »Tanz« damit: »Tanz wäre demnach als geordnete Bewegung des menschlichen Körpers in Raum und Zeit zu begreifen.« Sie weist gleichzeitig darauf hin, dass eine allgemeingültige Definition angesichts der vielfältigen kulturellen und historischen Erscheinungsformen nahezu unmöglich ist.

Nicht von ungefähr finden seit Langem schon Kinder, Jugendliche und Erwachsene ihre ganz persönlichen Wege, um sich im Tanz auszudrücken. Sie alle haben das Tanzen in all seinen unterschiedlichen Stilen zum Hobby gemacht. Für sie alle ist das Tanzen ein Grundbedürfnis. Wie wichtig Bewegung für die menschliche Entwicklung ist, wird immer offensichtlicher. Ein bedeutender Teil aller Aktivitäten von Kindern ist motorisch. So ist unter Fachleuten die zentrale Bedeutung der regelmäßigen und bewusst durchgeführten Bewegung für die gesamte emotionale, physische, soziale und auch intellektuelle Entwicklung des Menschen unbestritten.

Mit der Bewegung besonders im Tanz wird nicht nur die Körperkoordination ge schult, sondern insgesamt die Selbstorganisation – eine heute bedeut same Schlüsselkompetenz in allen beruflichen Bereichen – gestärkt. Tanzen erhöht den Selbstwert und kann emotionale Blockaden lösen, was zum Beispiel auch in der Tanztherapie erfolgreich genutzt wird.

Tanzen verändert die Tänzer

Auch die Begeisterungswelle für die vom Streetstyle inspirierten Tanzrichtungen lässt sich damit erfassen. Die Power der athletischen Bewegungen, die nicht zuletzt im Breakdance mit spektakulären Spins und akrobatischen Moves ein intensives Training voraussetzen, generiert das Gefühl von Stärke. Die Show ist das Leben und umgekehrt. Die Bühne wird zur gesellschaftlichen Plattform einer anderweitig verweigerten Anerkennung.

Tanzen verändert die Tänzer. Es lässt einen stressigen oder wenig bereichernden oder erfüllenden Berufsund Schulalltag für die Stunden des Trainings oder der anstehenden Performance vergessen. Glückshormone werden ausgeschüttet, der Körper wird zum bewusst erlebten und formbaren Teil des Menschen, alle Sinne scheinen wach und aktiviert. Für herrliche Momente wird das »Hirn« zwar nicht ganz ausgeschaltet, aber befreit, es darf eine wohltuende Pause machen. Vielfach spüren sich die Menschen gar nicht mehr«, stellt die Tanzpädagogin Miriam Roider fest. Speziell in ihrer Arbeit mit Kindern rückt sie wie auch andere Dozenten, die das kreative Potenzial fördern wollen, bewusst die Perspektive der völlig angstfrei erlebten und nicht bewerteten Körpererfahrung in den Fokus. Tanz und Bewegung können so also zur Alternative zu dem permanent leistungsorientierten Denken und Dasein werden und die menschliche Entfaltung sanft auf den Weg bringen.

Tänzer als Traumberuf

Bei vielen Jugendlichen steht berechtigterweise der FunFaktor im Vordergrund. Die Verbindung von Musik, mitreißenden Rhythmen und coolen Choreos, die synchron ausgeführt werden, wie in all den gigantischen Videoclips der Popstars, befeuert und »macht an«. Dynamik, Tempo, Gruppenfeeling, gute Laune – alles Motive, die in der Tanzlust stecken. Hört der Spaß aber nicht auf, sobald man das Tanzen zum Beruf macht? Was treibt so viele an, die im Tänzer ihren Traumberuf sehen? Die extreme Disziplin, die eine derartige »Berufung« einfordert, schreckt nicht wirklich ab. Zur Leidenschaft und Hingabe kommen für die Bühnenreife die unzähligen Stunden, in denen die hohe Kunst der klassischen und/oder modernen Technik erworben wird, umrahmt von der Schulung der Sensibilität, Expressivität und Kreativität, die der Tanz fordert und voraussetzt. Zu Vortanzterminen erscheinen konstant Hunderte von ausgebildeten Tänzerinnen und Tänzern, die auf eine freie Position in einem Profiensemble hoffen, und das bei Gehältern, die alles andere als reizvoll sind. Ein Solist an einem Theater mittlerer Größenordnung verdient rund 2.100 Euro Brutto – und muss meist im Alter von 35 Jahren seine Karriere beenden.

Augsburg ist eine Tanzstadt

Ungebrochen also scheint die Faszination Tanz – hier und andernorts. Augsburg ist eine Tanzstadt. Unsere Region kann mit einer gemessen an der Einwohnerzahl überproportionalen Anzahl von professionellen Ballettund Tanzausbildungsstätten punkten. Allein rund 14 Ballettschulen lassen sich im weiteren Einzugsgebiet finden, die sich tapfer und beherzt seit vielen Jahren um den Tänzernachwuchs bemühen. Mit breit gefächerten Stundenplänen und ebenso profilierten Pädagogenteams, in denen sich vielfach ehemalige Solotänzer des Augsburger Theaters finden, steht eine Palette von Bewegungsstilen im Angebot, die vom PreBallettUnterricht für Kinder im Vorschulalter über Spitzentanz, Modern Dance, Funk, Jazztanz, HipHop und VideoclipStyle bis hin zu speziellen Kursen für Erwachsene für wirklich jeden Tanzwilligen das passende Training offeriert. Sämtliche Unterrichtsfächer schulen dabei die Bewegungskoordination, das Gefühl für Rhythmus, die Musikalität und das Ausdrucksvermögen. Mancher muss da schon nach Nischen suchen, um auch wett2009 bewerbsfähig zu bleiben und mit seinem individuellen Profil das bereits vorhandene oder ein neues Schülerkontingent zu interessieren oder zu vergrößern. Konventionelle Tanzschulen, in denen Standardtänze und saisonale »Kulttänze« gelehrt werden, Bauchtanz und weitere orientalische Tanzkünste, Folkloretanzgruppen, tänzerische Gymnastik und Akrobatik in diversen Sportvereinen und die insgesamt an der Fitnessoptimierung orientierten Kurse wie Jazzercise oder schweißtreibende Workouts mit Musik, Tanzangebote in Jugendzentren und vieles mehr komplettieren die Vielfalt und das Spektrum.

Augsburg müsste also eine energetisch hoch aufgeladene Stadt sein mit vielen ausgeglichenen, gut trainierten und fröhlichen Menschen. Wenn das keine guten Aussichten für 2012 sind! In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern einen beschwingten Jahreswechsel, ganz im Sinne meines Lieblingsmottos:


»Tanzt, tanzt, tanzt vor allem aus der Reihe!«
 

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