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am 18.10.2011 veröffentlicht

Nachhaltige Stadtentwicklung zwischen Traditionspflege und Kreativquartier.

Nachhaltige Stadtentwicklung zwischen Traditionspflege und Kreativquartier.

Nachhaltige Entwicklung als Handlungsprogramm für die  Zukunft muss die Vorstellungswelten des Industriezeitalters  abstreifen, muss Impulse und Bilder für eine neue Zivilisation  finden. Es müssen Bilder sein, die sehr positiv und wirkmächtig  sind, damit es gelingt, die Menschen aus ihren gewohnten  Denkmustern zu lösen. Es muss gelingen, die  unbequeme Wahrheit nachhaltigen Denkens und Handelns  in der Alltagskultur zu verankern. 

Doch der Mensch und mit ihm der Augsburger reagiert nicht  objektiv auf die Wahrheit. Es gibt eine Kluft zwischen Wissen  und Handeln, und diese Kluft ist eine kulturelle. Sie hat damit  zu tun, wie wir uns im Leben eingerichtet haben, was  unserer Gesellschaft wichtig ist, wie wir Glück, Ansehen,  Macht definieren und welche Bilder wir im Kopf haben. Im  Allgemeinen sind das die alten Bilder des Industriezeitalters  »größer, schneller, weiter«, die den Menschen weit gebracht  haben, ihn nun aber an sinnvollem Handeln hindern. Was  kann dagegen das Wort »Nachhaltigkeit« ausrichten, ein  Wort ganz ohne Sinnlichkeit, das keine Bilder im Kopf hervorruft,  höchstens ein müdes Grau. Wie lässt sich das Abstrakte  konkret machen, wie lässt sich das Leitbild »nachhaltige  Entwicklung« in die Breite der Gesellschaft vermitteln  und für Stadtentwicklung nutzbar machen? 

Dabei spielt die kulturelle Dimension eine zentrale Rolle,  denn dieses Leitbild beinhaltet eine kulturelle Herausforderung  zur Revision überkommener Werte, Normen und Praktiken.  Der Mensch will nicht nur aufgeklärt werden, er will  berührt und beteiligt sein. Und das geht nur über kulturellen  Wandel, einen Wandel, der über die traditionelle Kunst hinaus  die Alltagskultur mit einschließt. Und die Suche nach  neuen Bildern, nach positiven Utopien kann helfen, so etwas  wie eine »evolutionäre Kompetenz« zu fördern. Die folgenden  Ausführungen wollen diesem Zusammenhang an konkreten  Beispielen der »Kulturstadt Augsburg« nachspüren. 


Kreativquartiere & Partizipationsprozesse 

Die »kreative Stadt« ist derzeit ein Topos, der nicht nur Kulturund  Sozialwissenschaften, die Innovationsforschung und  Stadt planer beschäftigt, sondern auch Politiker, Kulturakteure  und selbstverständlich Marketingfachleute. Denn dieser  Terminus bezieht sich gleichermaßen auf Orte von Design,  Medien, Kunst, Mode- und Filmbranche wie auch auf die Wissenschaften.  Die Stadt und der Stadtteil als Ort der Kreativität  sind damit ein hochaktuelles Thema. Ein Thema, das auch in  Augsburg Stadtgesellschaft und Politik beschäftigen sollte. 

Kreative Milieus, um den angeberischen Begriff der »creative  industries« zu vermeiden, werden für die kommunale Ökonomie,  für das städtische Image und die Diskussion um zukunftsfähige  Potenziale zunehmend ernst zu nehmende  Partner. Nicht zufällig sind diese Orte der Kreativität bzw. der  »Kreativen« städtische Räume, die über Jahrzehnte von der  Stadtentwicklung ausgegrenzt oder nicht beachtet wurden.  In Augsburg hat sich diese Entwicklung auf dem ehemaligen  amerikanischen Kasernengelände des Reese-Areals angebahnt  und mit der Gründung des Kulturparks West endgültig festgesetzt.  Kleinere kreativwirtschaftliche Experimente am Rande  des brachliegenden Textilviertels oder im alten Hauptkrankenhaus  am Rande der »inner city« konnten sich nicht  durchsetzen, weil die Basis zu klein war und der Fokus der  Stadtentwicklung woanders lag. Das könnte sich infolge des  Diskursprozesses um die Konversionsflächen im Westen der  Stadt, die dortigen Industriebrachen und die Auseinandersetzungen  um das kulturelle Profil der Innenstadt jedoch ändern. 

Beim Kreativareal im Augsburger Westen trafen drei Entwicklungen  aufeinander, die sich ergänzten und eine politische  Umsetzung real erscheinen ließen: beharrliche und  intelligent konzipierte Initiativen der Szene trafen auf einen  Zwang der Stadtpolitik, sich dieses Areal für die Zukunft  anzuverwandeln und dabei so etwas wie eine Vision zu entwickeln,  und drittens war da eine kreative Vernetzung von  politischen Entscheidungsträgern mit Kulturakteuren, die  auf dem gleichen Level denken und agieren konnten. Diese  Konstellation war neu für die Stadt. Für wenige Jahre öffnete  sich ein Zeitfenster, in dem man ganz schnell und durchdacht  handeln musste. Resultat war die private Gründung  der gemeinnützigen Kulturpark West GmbH, die langfristige  planerische Absicherung des städtebaulichen Areals und die  Herstellung eines politischen Konsens in der Stadtgesellschaft.  Unter dieser Voraussetzung konnte sich der Kulturpark  innerhalb von drei Jahren als Zentrum mit über 1.500  dort residierenden Nutzern etablieren. Dieser Ort wirkt nun  als Motor für die weitere kreativwirtschaftliche und kultu-
  relle Dynamik. Das Know-how der Kulturpark gGmbH und  das dort kumulierte »kreative Kapital« erfährt zunehmend  Beachtung für planerische Entwicklung. 

Nächste Schritte waren die Gründung einer Dependance als  »Kreativquartier Ballonfabrik« sowie ein Nutzungskonzept für  die ehemalige Chapel und das Gebäude F116 im Sheridan-  Park. Textilviertel, Schlachthofgelände und das alte Depot  am Senkelbach sind weitere »Bausteine«, von der Achse Rote  Torwallanlagen–Stadtmetzg–Stadtbad und ihrer Bedeutung  für ein kulturelles Gesamtkonzept »Innenstadt« gar nicht zu  reden. Es liegt alles ausgebreitet da und wartet auf Initiative,  einen Plan, ein Modell oder wenigstens eine kommunale »Zukunftswerkstatt  « mit Power. 

Durch die Schaffung solcher »Innovationsinseln« wird auch  der Diskurs um die Frage »Wem gehört die Stadt?« neu aufgerollt  und in einen Zusammenhang mit nachhaltiger kultureller  Entwicklung gebracht. Der Gedanke von Partizipation  und »do it yourself« bleibt nicht länger plakative Forderung,  sondern wird von den Kulturakteuren selbst eingelöst – jenseits  von städtischer Zuschusspolitik und sozialpädagogischem  Paternalismus. 

Die Stadtpolitik ist als Partner dieser Entwicklung vor allem  im moderativen Sinn gefragt. Sie muss Infrastrukturpolitik,  Stadtentwicklung, innovative Bildungsmaßnahmen und  Kultur in einem neuen Vierklang denken und sich selbst im  Umgang mit solchen kreativen Bürgerprojekten neu erfinden.  Kommunale Verwaltung muss jenseits von persönlichen Be-  findlichkeiten und zufälligen Übereinstimmungen von Amt  und Kompetenz zu einer verlässlichen Größe für solch zukunftsweisende  Aktionen werden. Aber auch bürgerschaftliche  Initiativen müssen sich vom Gedanken der städtischen  oder staatlichen Allzuständigkeit lösen und intelligente,  selbst organisierte Initiativen gründen. Damit bekommt die  Rede von der »creative city« für Augsburg endlich konkrete  Sinnhaftigkeit, es wurde eine lokale Ausdrucks- und Verlaufsform  gefunden, die unabhängig von kommunalpolitischen  Konstellationen ein Modell für die Zukunft sein könnte. 

Industrial Pop & kreative Praxis 

Dass dies nicht leere Parolen sind, beweisen gerade entstehende  kulturelle Diskursplattformen mit ausgesprochenem  Realitätssinn. Das Besondere an dieser Entwicklung ist die  Befeuerung durch die Akteure selbst. Nicht die Politiker und  die Verwaltung rufen die »Kreativmaschine Augsburg« auf –  es sind die Netzwerker selbst, die hier Druck machen und die  Herausforderung annehmen. Die Initiativen des Popkulturbeauftragten  zur »Plattform Kreative Stadt«, die Konzeptionierung  von »urban cultures network« im Kulturpark West,  die Projekte von »Mehr Musik!« und des Kultur- und Schulservice  Augsburg schaffen aktuell ein kreatives Reizklima, das  sich sehr positiv auf den Diskurs um die Stadtentwicklung  auswirken kann. Eingriffe in die Stadtentwicklung im Sinne  eines »guerilla culturing«, einer Besetzung von Raum und Räumen  mit Ideen, Projekten, Akteuren und Publikum, sind der  nächste Schritt. 

LOFT, 3 Tage Freie Räume, die Aktion 11Tausend, Orangerie,  Muhackl und aktuell Jean Stein/Kapuzinergasse 15 lassen  grüßen: Innovative Besetzung und Inszenierung freier Räume  auf Zeit – nicht als Promogag, sondern als aktiver Eingriff  in den öffentlichen Stadtraum. Leer stehende Geschäfte, Ladenlokale,  Schaufenster, Betriebe oder Brachflächen sollten systematisch  gesucht, kartiert und auf ihre Eignung für Kreativaktionen  hin eingeschätzt werden. Den Eigentümern sollte  die kreative Zwischennutzung als mögliche Immobilienverwertung  aufgezeigt und ordnungspolitische Fragen sollten  schon im Vorfeld abgeklärt werden. Als Resultat entstünde  eine »Leerstandkartierung« mit Nutzungsdauer und Nutzungsbedingungen,  die deutlich macht, wo im Stadtgebiet  welche interessante Aktion im öffentlichen Raum stattfinden  kann. Ähnlich dem »Interkulturellen Stadtplan Augsburg  « könnte über eine Website so ein »kreativer Stadtplan«  entstehen, der sich dauernd verändert, als Fixpunkte aber  bestehende Einrichtungen wie Galerien, Museen, Veranstaltungsorte  aufweist. Für die Objekte sollen Künstler/Gruppen  etc. ausgewählt werden, die Lust und Kompetenz haben, diese  Räume auf Zeit auf der Basis der Betriebskostenübernahme  zu bespielen, zu inszenieren, mit Installationen zu versehen  oder einfach als Kreativtreff zu betreiben etc. Die  Gestaltung der Räume ist völlig den Akteuren überlassen. 

Von der Stadtpolitik erfordert diese Ausrichtung eine völlig  neue Herangehensweise. Es bedarf eines Masterplans »Augsburg  2021«, in dem Stadtplanung, Kultur- und Bildungsplanung  mit Wirtschaftsförderung und Ökologie eine gemeinsame  Vision beschreiben, sonst wird alles Stückwerk bleiben.  Die urbanen Kulturen werden ihre Nischen pflegen, industriekulturelle  Potenziale werden verscherbelt, zerstört, dem  Verfall preisgegeben und die Popkultur wird sich andere  Spielwiesen suchen. Mehr können bürgerschaftliches Engagement  und partizipative Innovation nicht anbieten als einen  strukturellen »Baukasten« für die Zukunft unserer Stadt. 

Peter Bommas ist  Geschäftsführer der  Kulturpark West  gGmbH, Leiter des  Jungen Theaters im  abraxas sowie Programmmacher  beim  lab30.  Der Essay in voller Länge auf www.a3kultur.de   

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