Schöne Bescherung
am 06.12.2011 veröffentlicht
Weihnachten ist nicht länger eine besinnliche Zeit sondern zur Zeit des Schenkens und Beschenkens geworden.
Weihnachten ist schon längst nicht mehr die besinnliche Zeit, in der man seine Lieben um sich schart und gemeinsam den Ausklang des Jahres feiert. Weihnachten ist die Zeit des Schenkens und Beschenktwerdens, und wehe, es befindet sich unter den freiwillig geleisteten Gaben nicht das, was der zu Bescherende bestellt hat. Dann gerät das Fest der Liebe ganz schnell aus den Fugen. So passiert im letzten Jahr, als Malte, der Sohn meiner Haushälterin Katerina, statt eines lebendigen Ponys ein Plüschtier bekommen hatte. Mehrere Stunden lang brüllte er wie am Spieß, die restlichen Feiertage nahm er keine Notiz mehr von uns. Auch Hannelore war enttäuscht von ihrem Gutschein für ein Wellnesswochenende, hatte sie sich doch eigentlich ein Flirtseminar gewünscht.
Schenken will gelernt sein. Und im Schenken offenbart sich der wahre Charakter eines Menschen. Da gibt es den Kreativen, der viel Zeit darauf verwendet, seine Gaben selbst zu basteln. In Wahrheit kommt außer handgestrickten Socken oder Marmelade selten etwas Gutes dabei heraus. Meist sind dies Menschen, die viel zu viel Zeit übrig haben und nicht wissen, wohin damit. Und so fabrizieren sie allerlei Unmögliches unter dem Deckmäntelchen »Ich habe mir schrecklich viel Mühe gemacht«, das man schon aus Höflichkeitsgründen nicht abweisen kann: einen zerfransten Schal, einen Baum aus Salzteig, ein besticktes Kissen mit Sonnenuntergang, ein Aquarellbild auf dem Niveau eines Erstklässlers oder Plätzchen, nach deren Genuss ein Zahnarztbesuch angebracht ist.
Eine andere Gattung ist der Gutscheinbastler. Er hat sich das ganze Jahr über keine Gedanken gemacht und steht kurz vor dem Fest vor dem Super-GAU: Oh mein Gott, ich steh mit leeren Händen da! Dass seine Gutscheine meist nicht eingelöst werden, weil ein Single vielleicht nicht so gerne allein einen Tanzkurs macht, ficht ihn nicht an – immerhin hat er es probiert. In einer ähnlichen Bredouille steckt der Last-Minute-Typ: Erst am 24. Dezember findet er Zeit, sich nach Geschenken umzusehen. Ohne einen Plan geht er ins Kaufhaus und kommt mit allerlei Unpassendem zurück: süßliches Parfum für die Omi, Pralinen für die ohnehin schon übergewichtige Tante und ein Billigblumenstrauß für den Bruder.
Ganz im Gegensatz zum Klassiker: Weil sich der Ehemann schon letztes und vorletztes und vorvorletztes Jahr über eine Krawatte gefreut hat, kommt wieder eine auf den Gabentisch. Der Klassiker setzt auf Bewährtes: Feinrippunterhosen, Hausschuhe und Socken gehören zu seinem Repertoire, und solange man nicht widerspricht, kann man Haus und Hof darauf verwetten, dass man im nächsten Jahr dasselbe wieder bekommt. Einziger Vorteil: Diese Menschen denken pragmatisch und packen den Kassenzettel gleich mit ein – für den Fall, dass man sein Geschenk doch umtauschen will. eine Kolumne von Mona von Stolzhirsch
Eine besonders widerliche Spezies ist der Geschenkeverweigerer. »Nein, dieses Jahr schenken wir uns mal nichts«, sagte meine Cousine Ellen. An Weihnachten zog sie dann doch ein kleines Päckchen aus der Tasche, darin eine teure Armbanduhr. »Ich fand, sie passt so gut zu dir, dass ich sie dir doch gekauft habe«, flötete sie. An ihrem krausen Näschen merkte ich, dass es ihr nicht behagte, dass ich mich so strikt an unser gegenseitiges Versprechen gehalten hatte – offensichtlich wollte sie mich nur beschämen.
Und da wären wir auch schon beim schlimmsten aller Typen: dem Geschenkeprotz. Onkel Anton zum Beispiel, der meinen Wunsch nach einer kleinen Espressokanne völlig ignorierte und mir stattdessen eine Maschine von Jura schenkte. »Ich habe etwas erreicht in meinem Leben«, wollte er mir damit sagen – woran ich angesichts seines aufgeblasenen Verhaltens noch nie eine Sekunde gezweifelt habe.
Unwohlsein bereitet einem auch der moralische Schenker: die Ernährungsberatung für die übergewichtige Tante, Spitzendessous für die biedere Ehefrau, eine Farbberatung für das Mauerblümchen – diese Menschen schenken einem eine Botschaft. Sie lautet: »So, wie du bist, kannst du unmöglich bleiben. Ich weiß genau, was du an dir ändern musst.« Und schließlich wäre da noch der Eigennützige: der Vater, der seinem Sohn eine Eisenbahn schenkt und dann den ganzen Abend lang selbst damit spielt, auch wenn das Kind tränenverschmiert danebensteht.
Es kann also wieder viel schiefgehen. Deshalb habe ich mir diesmal für Weihnachten ein langes Wellnesswochenende gebucht, mit Aquarellmalkurs und Klöppeln für Anfänger. Wenn ich zurückkomme, ist Bescherung – Hannelore bekommt ein Pony, Katerina ein Flirtseminar und Malte eine Puppenküche.
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